Wissenschaft goes Starmania?

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 1/07 vom 28.03.2007

In Österreich wurden in den letzten Jahren Millionen in die Vermittlung von Wissenschaft an eine breitere Öffentlichkeit investiert. Nur wozu? Geht es lediglich darum, Akzeptanz für Forschung zu schaffen, oder sollen sich die Bürger aktiv einbringen können?

Die dritte Aufgabe. Vor nunmehr fast zehn Jahren führte heureka! ein Interview mit Werner Welzig, damals Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Ob die Wissenschaftler verstanden hätten, dass sie sich der Öffentlichkeit verständlicher machen müssen, wollten wir wissen. Der Germanist antwortete passenderweise auf Latein: "Nondum", zu Deutsch: Noch nicht. Er sollte Recht behalten.

In der Zwischenzeit haben vielgefragte Wissenschaftler, wie Anton Zeilinger, eigens Mitarbeiter angestellt, die sich um die Medienkontakte seiner Forschungsgruppe kümmern. Bei unseren heureka!-Recherchen ist es in den letzten Jahren praktisch nicht mehr vorgekommen, dass sich ein Wissenschaftler auf Anfrage nicht binnen kurzer Zeit für ein Telefoninterview oder einen Laborbesuch genommen hätte. Weil es freundliche Menschen sind, sicherlich, aber wohl auch, weil sie wissen, dass ihre Arbeit aufgewertet wird, wenn darüber in den Medien berichtet wird.

Auf Fachkonferenzen strahlt das Gesicht des Tagungsleiters besonders hell, wenn er mit mühsam gedämpftem Stolz berichtet, dass "das Fernsehen" hier sei. Der Bielefelder Wissenschaftssoziologe Peter Weingart hat in diesem Zusammenhang den Begriff von der "Medialisierung der Wissenschaft" geprägt. Die Rolle der Medien für die gesellschaftliche Kommunikation sei mittlerweile so zentral geworden, dass sich auch ein vermeintlich autonomes System wie die Wissenschaft dem Buhlen um öffentliche Aufmerksamkeit nicht verschließen könne.

Diese Medialisierung wird auch von den Forschungsförderern vorangetrieben. Längst gibt es in den Formularen von Abschlussberichten eigene Abschnitte, in denen der Geldgeber darum bittet, das Medienecho des eigenen Forschungsprojektes zu dokumentieren. In Schweden hat sich für die "Öffentlichkeitsarbeit" bereits der Begriff "Dritte Aufgabe", neben Forschung und Lehre, eingebürgert, wie der Archäologe Cornelius Holtorf von der Universität Lund berichtet. Diese werde sehr ernst genommen und spiele auch bei Berufungen eine Rolle.

Wissenschaftlercasting. Dabei warten die Wissenschaftler längst nicht mehr nur auf den Anruf des Journalisten, sondern suchen auch immer öfter selbst die Öffentlichkeit. Jüngstes Beispiel: Ende März ging die Vorausscheidung des FameLab über die Bühne - buchstäblich. Wem es in diesem Talentwettbewerb für junge Wissenschaftler gelingt, sein Forschungsthema in drei Minuten verständlich und unterhaltsam darzustellen, schafft es ins Finale (für Details und andere mehr oder weniger gelungene Versuche, Wissenschaft in neuen Formaten unters Volk zu bringen, siehe Kasten S. 6-7).

Das FameLab ist, analog zu den Dancing Stars, ein Import aus Großbritannien und wird derzeit in neun weiteren Ländern durchgeführt. Auch die Lange Nacht der Forschung, in Österreich erstmals am 1. Oktober 2005 durchgeführt, gibt es etwa in Berlin als "Lange Nacht der Wissenschaften" schon seit 2001.

Hinaus aus dem Elfenbeinturm, macht auf die Labortüren! Immer mehr werden heimische Wissenschaftler angespornt, ihre Arbeit an eine breitere Öffentlichkeit zu bringen. Schon seit 2004 führt die Plattform Dialog Gentechnik jährlich den Wettbewerb "Meine Forschung in die Medien!" durch, bei dem die besten Presseaussendungen von Wissenschaftlern prämiert wurden. 2006 lobte der Wissenschaftsfonds FWF für seine Projektnehmer einen Preis für Wissenschaftskommunikation aus. Vereinzelt wird hierzulande auch schon Medientraining für Wissenschaftler angeboten. In Deutschland und der Schweiz üben die Forscher schon länger, wie man etwa in einem kurzen Radiointerview die eigene Arbeit prägnant darstellt.

Auch auf EU-Ebene sucht man die Wissenschaftspopularisierung zu fördern. Der renommierte Descartespreis wird seit 2004 auch in der Kategorie Wissenschaftskommunikation vergeben, und zwar mit dem beträchtlichen Gesamtvolumen von 275.000 Euro. Bei der Vergabe Anfang März in Brüssel wurde auch ein Betrag mit österreichischer Beteiligung prämiert: Der ORF hat an der BBC-Dokumentarreihe "Europe, a natural History" mitgewirkt.

Innovation hoch drei. In Österreich ist man derzeit vor allem bemüht, angewandte und wirtschaftsnahe Forschung durch Mediensponsoring einer größeren Öffentlichkeit nahezubringen. So erschienen 2006 gleich drei neue Zeitschriften mit Schwerpunkt Innovation: Economy (erscheint vierzehntägig) versucht "Forschung, Technologie und Wirtschaft", so der Untertitel, zu verbinden. Die Stadt Wien sponsert Forschen & Entdecken (vierteljährlich), das sich der Themen Forschung und Innovation mit Fokus auf Wien befasst. at.venture (zweimonatlich) kümmert sich laut Untertitel um "Forschung, Technologie und Innovation" und wird vom Infrastrukturministerium finanziell unterstützt.

Die Flut an Publikationen, Veranstaltungen und Initiativen kommt nicht von ungefähr. Viele der genannten wurden von Innovatives Österreich gefördert, einer Vermittlungsinitiative des Rats für Forschung und Technologieentwicklung. Die Awareness-Kampagne ist seit 2001 in zwei Staffeln gelaufen, die das Ziel hatten, Forschung und Technologie verständlich darzustellen und damit die Akzeptanz und das Bewusstsein der Bevölkerung für diesen Bereich zu heben.

Viel Geld, wenig Wirkung? Die Projekte waren in den beiden Durchgängen allerdings von unterschiedlicher Qualität, und insbesondere eine teure Plakatkampagne der ersten Folge ("Auf die Birne kommt es an") wurde von vielen Insidern und Werbeprofis als konzeptlos kritisiert. Und was haben die millionenschweren Kampagnen gebracht? Unanbhängig von Innovatives Österreich fragte das Meinungsforschungsinstitut market zufällig vor der ersten und gegen Ende der zweiten Kampagne die Österreicherinnen und Österreicher nach der Wichtigkeit von Berufen.

Bei der ersten Umfrage im Jahr 2001 belegten die Wissenschaftler in der Rangliste Platz neun, in der zweiten, Anfang 2006 veröffentlichten Umfrage (jeweils basierend auf 501 Interviews) rutschten sie auf Platz 18 zurück. Von allen Berufsgruppen sank nur das Ansehen der IT-Fachkräfte noch stärker, sie fielen von Platz 11 auf Platz 22. Platz eins belegen nach wie vor die Ärzte, stark aufgeholt haben die Handwerker, die mittlerweile Platz vier belegen (statt Platz sechs vor fünf Jahren).

Dennoch sprach sich der Rat Mitte vergangener Woche - ohne übrigens die Evaluation der zweiten Staffel veröffentlicht zu haben - für eine Weiterführung des Programms aus. Dafür sollen zwei Prozent der Forschungssondermittel in Höhe von 275 Millionen Euro pro Jahr, also 5,5 Millionen Euro jährlich, zur Verfügung gestellt werden. Die Hälfte der Mittel soll für Maßnahmen der Ressorts (Infrastruktur-, Wissenschafts-und Wirtschaftsministerium), die andere Hälfte für gemeinsame, ressortübergreifende Maßnahmen verwendet werden, empfahl der Rat.

Weiße Elefanten. Politik und Forschungsförderer haben also Geld in die Hand genommen und werden das auch weiterhin tun. Doch bei richtigen Großprojekten tut man sich schwer - so wie schon bei der Gründung des Technischen Museums vor nunmehr rund hundert Jahren, das zum Vorbild der Parallelaktion in Musils "Mann ohne Eigenschaften" wurde. Trotz zahlreicher Konzepte wie auch Projektmittel konnten auch um die Wende zum 21. Jahrhundert zwei große Ausstellungsprojekte nicht verwirklicht werden: die "Galerie der Forschung" der Akademie der Wissenschaften (s. die Chronologie S. 8) sowie ein Science-Center in Wien.

Margit Fischer, die Ehefrau von Bundespräsident Heinz Fischer, hatte in den Neunzigerjahren mehrere Anläufe unternommen, in Wien eine Einrichtung zu schaffen, die auf Interaktivität und Hands-on-Experimente setzt. Warum diese gescheitert sind, sei für sie schwer zu beurteilen: "Für Österreich war das damals etwas ganz Neues. Manchem war das wohl unheimlich, so viel Geld zu investieren."

Fischer hat, wenn man so will, aus der Not eine Tugend gemacht. Sie ist Obfrau des Science-Center-Netzwerkes, in dem sich letztes Jahr bereits über fünfzig Institutionen zusammengeschlossen haben, die Wissenschaft auf die eine oder andere Art vermitteln. Fischer: "Jetzt gibt es nicht den einen großen Standort an einem Ort, sondern wir können in ganz Österreich agieren." Es gelte Erfahrungen miteinander zu teilen, sich nicht abzuschotten und an einem Strang zu ziehen. Eine erste interaktive Wanderausstellung, die in allen Bundesländern gezeigt werden soll, ist in Vorbereitung. Fischer sieht das Scheitern der früheren Projekte positiv: "Das war eben ein Lernprozess."

Ketzerische Frage. Doch wozu eigentlich das Ganze? Warum werden Millionen an Steuergeldern in die Vermittlung von Wissenschaft an die Öffentlichkeit gesteckt. Ja, ist denn das nicht offensichtlich? Fast gebetsmühlenartig betonen Politiker jeder Couleur, man müsse Wissenschaft besser vermitteln und sie insbesondere für Kinder und Jugendliche attraktiver machen. Denn aus den Teilnehmern der Kinderunis, der GEN-AU Summer schools (Genomforschung) und zahlreicher weiterer Angebote werden ja hoffentlich die Wissenschaftler und Ingenieure von morgen. Wer mag da widersprechen?

"Ich bin keineswegs dagegen, FameLab und viele andere Initiativen durchzuführen", sagt Ulrike Felt, Wissenschaftsforscherin an der Universität Wien: "Nur, das allein genügt nicht, um eine stabile Beziehung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu schaffen." Das bunte Sciencetainment funktioniere nämlich nur so lange, wie in der Wissenschaft alles gutgehe. Bei der kleinsten Krise drohe der Einbruch.

Das politische Interesse all dieser Vermittlungsbemühungen sei klar: Es gehe vor allem um Akzeptanzbeschaffung, so Felt. Ziel sei es, unserer Gesellschaft das Projekt einer technologieorientierten Wissensgesellschaft einzuschreiben. Das sei zum Teil schon eine ziemlich "platte Erzählung", die Wissenschaft mit Technik mit wirtschaftlichem Erfolg gleichsetze.

PUS, PAS, PES. Versuche, die Öffentlichkeit direkt anzusprechen und für Wissenschaft zu gewinnen, gehen international gesehen bis in die Achtzigerjahre zurück. Vor allem in Großbritannien wurde das Konzept des "Public Understanding of Science" (PUS) entwickelt. Die - so wurde unterstellt - unwissende Bevölkerung müsse über die Fortschritte der Wissenschaft nur ausreichend informiert werden, dann würde sie diese auch unterstützen. Die Geisteswissenschaften tauchten in diesem Programmen übrigens selten als vermittlungswürdig oder-bedürftig auf, nur gelegentlich war auch von PUSH die Rede (H = Humanities). Das klassische PUS-Modell gilt freilich längst als überholt, weil es hierarchisch und monologisch, kurz: top-down gedacht ist. Die Wissenschaft spricht von der Kanzel herab zu einer devoten Öffentlichkeit.

Das Bemühen, die Öffentlichkeit nicht nur als passiven Empfänger zu begreifen, spiegelt sich in einer Reihe neuer Programme und entsprechender Abkürzungen wider: PAS (Public Awareness of Science) steht dafür, dass Wünsche, Vorstellungen und auch Ängste der Bevölkerung mitberücksichtigt werden müssen, wenn Forschungsschwerpunkte gesetzt werden. Derzeit en vogue ist PES (Public Engagement of Science), das die Öffentlichkeit als vollwertigen Partner zu begreifen sucht und auf Partizipation der Menschen an Entscheidungen über Forschungsschwerpunkte oder heikle ethische Fragen setzt.

PUS, PAS, PES - ist das alles nur realitätsferne Begriffsklauberei? Ja und nein. Die Art der Vermittlung hängt stark von den jeweiligen Themen ab, ebenso wie von der jeweiligen Zielgruppe. Denn die Öffentlichkeit, von der hier ständig die Rede ist, gibt es natürlich nicht, sondern nur eine Vielzahl von unterschiedlichen Gruppen.

Partizipation. Einfache Lösungen gibt es bekanntlich keine. Je poppiger und massenwirksamer eine Vermittlungsinitiative, desto größer die Gefahr, dass diese wenig nachhaltige Wirkung entfaltet. Wobei - welchen Erfolg etwa die Kinderunis haben, wird man ohnehin erst in zehn oder fünfzehn Jahren wissen, falls sich das überhaupt an der entsprechenden Alterskohorte festmachen lässt.

Vermittlungsversuche mit höherem Komplexitätsgrad (s. etwa PlayDECIDE und Wahr/Falsch Inc., Kasten S. 6-7) mögen bei den Teilnehmern mehr Wirkung erzielen, erreichen hingegen sehr viel weniger Menschen. In Österreich gab es bereits mehrere partizipatorische Projekte, vor allem im Bereich der Genomforschung. Im Oktober 2002 etwa einen Diskurstag zu Gendiagnostik in Wien, im Juni 2004 in Graz zu "Genomforschung und Medizin" oder auch das Projekt "Reden wir über GOLD". Dabei setzen sich Laien mit Experten gleichberechtigt an einen Tisch, informieren sich und formulieren schließlich Positionen. Die Erfahrung zeigt, dass die Laien hierbei eine sehr differenzierte Sichtweise entwickeln, während die Forscher davon profitieren, ihr eigenes Tun aus einer gewissen Distanz heraus reflektieren zu können. Im Vergleich etwa zu skandinavischen Ländern, in denen Bürgerkonferenzen eine viel längere Tradition haben, spielen partizipative Ansätze hierzulande aber eine wesentlich geringere Rolle.

Sicherlich ist eine zielgruppengerechte Mischung aus verschiedenen Vermittlungsaktivitäten das beste Rezept, um die Öffentlichkeit zu informieren, zu interessieren und einzubinden. Ein wenig mehr auf Partizipation und Reflexion zu setzen anstatt unablässig Innovation und Fortschritt zu beschwören wäre vielleicht nicht unbedingt innovativ, aber doch fortschrittlich.

Link-Tipps

www.innovatives-oesterreich.at

Science-Center-Netzwerk

www.science-center-net.at

Blog für Wissenschaftskommunikation

www.sciblog.at

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