"Gut ist nicht gut genug"

aus HEUREKA 1/07 vom 28.03.2007

Wissenschaftsminister Johannes Hahn möchte die Menschen besser über Forschung informieren, auch wenn diese dann kritischer urteilen. Er selbst konsumiert reichlich Wissenschaftssendungen. Interview: Oliver Hochadel und Klaus Taschwer

heureka!: Im Vergleich zum Sport oder zur Kultur scheint das Interesse der Öffentlichkeit an Wissenschaft immer noch relativ gering. Haben Sie als Wissenschaftsminister etwas vor, um das zu ändern?

Johannes Hahn: Ja. Es ist einer meiner erklärten Schwerpunkte, in der Bevölkerung das Wissen über die Leistungen der Wissenschaftler eklatant zu verbessern.

Warum ist das so wichtig?

Ich brauche als Wissenschaftsminister die Akzeptanz der Öffentlichkeit, dass wir gerade in den Bereich der Grundlagenforschung noch mehr Geld hineinbuttern müssen. Eine solche breite Zustimmung der Bevölkerung muss auch emotional getragen sein. Ich möchte, dass die Bevölkerung stolz ist auf das, was in der österreichischen Forschung passiert. Wir brauchen unser Licht auch international nicht unter den Scheffel zu stellen. Zu guter Letzt geht es aber auch darum, möglichst viele junge Menschen zu motivieren, in dem Bereich tätig zu werden.

Nun gibt es Studien, die besagen, dass Menschen, die gut über Wissenschaft informiert sind, ihr kritischer gegenüberstehen.

Ich sehe da überhaupt kein Problem. Mein Selbstverständnis als Politiker ist es, dass ich informierte Menschen haben möchte. Das mag mitunter ein Risiko sein, es ist aber letztlich gesellschaftspolitisch wichtig. In der Wissenschaft - Stichwort Gentechnik - ist man mitunter vor Diskussionen nicht gefeit. Die Dinge sind halt nicht so eindimensional. Wichtig ist, auf welchem Niveau das passiert. Und da sind mir gehaltvollere, kritische Diskussionen grundsätzlich lieber. Und je mehr sich hier beteiligen können, ohne dass sie Fachleute sind, umso besser für uns.

Welches Wissen über Wissenschaft soll man denn am besten vermitteln? Wichtige neue Erkenntnisse? Oder auch, wie Wissenschaft funktioniert?

Wie immer ist die Frage: Wer ist der Adressat meiner Botschaft? Beim Gros der Bevölkerung geht es darum, gut zu vermitteln und zu erzählen, welche Erkenntnisse gewonnen wurden. Das Entscheidende dabei ist natürlich immer: Kann ich komplizierte Sachverhalte so darstellen, damit es uninformierte, aber interessierte Personen nachvollziehen können. Und bei der Grundlagenforschung ist wichtig, dass die Absicht dahinter verständlich wird. Ich hatte vor einigen Monaten den israelischen Physiker Haim Harari zu Gast, der sich jetzt beim Aufbau des ISTA in Maria Gugging engagiert. Harari ist ein leuchtendes Beispiel dafür, wie man sich auch als Wissenschaftler gut verkaufen kann. Er schafft es, anhand von sehr plastischen Beispielen zu zeigen, dass aus der Grundlagenforschung wichtige neue Erkenntnisse, aber auch Medikamente und Geräte hervorgehen können, an die man ursprünglich gar nicht gedacht hat.

Ist die Vermittlung von Wissenschaft eine Bringschuld der Forschung oder eine Holschuld der Medien?

Im Zweifelsfall würde ich sagen, es sind zwei Drittel Bringschuld und ein Drittel Holschuld. Die wissenschaftlichen Institutionen müssen mehr Interesse daran haben - das ist Teil des Verkaufs. In einer Gesellschaft, wo es per se nicht mehr um die Informationsbeschaffung, sondern um die Informationsauswahl geht, steht man in einem harten Wettbewerb. Nicht umsonst gibt es Agenturen und Berater, die einem erklären, was man tun muss, damit man beim Googeln als Erster gereiht wird. Auf diese Banalität reduziert es sich.

Sind Sie mit der Öffentlichkeitsarbeit der Universitäten restlos zufrieden?

Ich würde einmal so sagen: Bei Einrichtungen, die in einem höheren Ausmaß auf Drittmittelfinanzierung angewiesen sind, funktioniert das im Normalfall besser. Weil die wissen, dass es ohne Öffentlichkeitsarbeit nicht geht. Das wird sich auch bei den Universitäten zwangsläufig entwickeln, als logische Folge ihrer Autonomie durch das Universitätsgesetz 2002. Ein Gesetz ändert man schneller als eine Kultur. Es geht aber nicht nur darum, dass sich die Universitäten als solche vermarkten, sondern auch um die Wissenschaftler selbst.

Und wie sollen die dazu animiert werden?

Man sollte auch schon in der Ausbildung ansetzen. Es geht nicht darum, aus jedem Forscher ein Marketinggenie zu machen. Aber ich finde es zum Beispiel gut, dass Seminare und Symposien veranstaltet werden, die sich auch mit Sprache und Wissensvermittlung beschäftigen.

Welche Kommunikationsmaßnahmen plant Ihr Ministerium, um die Lage zu verbessern?

Da gibt es viele Projekte auf verschiedenen Ebenen. Um bei den Kleinkindern anzufangen: Wir wollen auf jeden Fall die Idee der Kinderuniversitäten fortführen und intensivieren. Ich habe darüber einmal mit dem Physiker Anton Zeilinger ein interessantes Gespräch geführt. Er meinte, dass man schon auf der Ebene des Kindergartens etwas machen kann. Und im nächsten Frühjahr soll es auch wieder eine Lange Nacht der Forschung geben.

Österreich hat kein richtiges Science-Center. Wollen Sie das ändern?

Es ist für Juni die Veröffentlichung einer Evaluation in dieser Frage geplant. Dem will ich nicht vorgreifen. Ich denke aber, dass sich die Dinge im Wettbewerb der Institutionen positiv entwickelt haben. Die Häuser müssen ja von sich aus attraktiv sein, und das gelingt heute nur noch durch multimediale Darstellungs-und Mitwirkungsformen. In vielen Museen, wie dem Technischen oder dem Naturhistorischen hier in Wien, ist in Sachen Interaktivität und Hands-on bereits einiges passiert.

Wie informieren Sie sich, wenn es heute um Neuigkeiten aus Forschung und Technik geht?

Ich schaue mir mit Begeisterung Fernsehsendungen zu Wissenschaftsthemen an. Das passt gut zu meinem Arbeitsrhythmus, denn die meisten einschlägigen Sendungen laufen ja spät am Abend, und da komme ich gerade nach Hause. Ich durchstöbere Fernsehprogramme gezielt nach diesen Sendungen - vor allem nach solchen mit historisch-philosophischen Themen. Und ich bedaure, dass ich die Spartenkanäle Phönix und BR-Alpha nicht im Kabel habe.

Das heißt, das ORF-Angebot in Sachen Wissenschaft stellt Sie nicht wirklich zufrieden?

Es gilt immer: Gut ist nicht gut genug. Ich denke zum Beispiel, dass die Sendung "Newton" nicht richtig abhebt. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass das von Leuten moderiert wird, die nicht wirklich etwas mit Forschung zu tun haben. Man bräuchte in Österreich einen Hugo Portisch für die Wissenschaft. Also jemanden, der komplizierte Sachverhalte in einer populärwissenschaftlichen Art und Weise zu transportieren vermag. Eine solche Person gilt es zu finden oder zu entwickeln.

Und welches populärwissenschaftliche Buch, das Sie in letzter Zeit gelesen haben, haben Sie in guter Erinnerung?

Auf meinem Nachtkastl liegt gerade etwas über das Viktorianische Zeitalter, ein Buch von Stephen Hawking und das Buch "Die Macht der Gene" vom Genetiker Markus Hengstschläger, das ich für besonders spannend halte. Wissenschaftsjournalismus lässt sich toll aufziehen, wenn man es kann. Da ist ein Abenteuerroman ein Lercherl dagegen! Die Geschichte über die Entdeckung des Grabs von Tutanchamun etwa ist ein Krimi! Oder die Entzifferung der Hieroglyphen mittels des Steins von Rosette. Ich habe das als Kind verschlungen.

Sie scheinen sich sehr für Archäologie zu interessieren ...

Ich wollte auch ursprünglich Archäologe werden, bin aber dann rechtzeitig draufgekommen, dass das nicht das meine ist. Denn was ein Archäologe zuallererst sein muss, ist ein Buchhalter. Gott sei Dank habe ich einmal so eine Ausgrabung beobachtet - sinnvollerweise gleich bei meiner Maturareise. Und damit war das Thema erledigt. Aber an sich hatte mich schon die Leidenschaft gepackt, auch dank dieser Bücher. Technik fasziniert mich ebenso. Da bin ich wie ein Kleinkind - und auch ähnlich begeistert, wenn mir das jemand gut erklären kann.

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