Malcom oder Galileo?

Julia Petschinka | aus HEUREKA 1/07 vom 28.03.2007

Das Fernsehen hat in den letzten Jahren die Wissenschaft entdeckt, denn televisionäre Forschung macht Spaß und entspannt. Über neue Trends im Wissenschafts-TV und den Nachholbedarf des ORF.

Morgens die Maus. Bis zu zehn Stunden Wissenschaft hat der durchschnittliche österreichische Kabelfernsehkonsument täglich zur Auswahl. Das beginnt schon frühmorgens, wenn der "Forscherexpress" (ORF) die Kinder unterhält oder die "Sendung mit der Maus" (ARD) zum Staunen anregt. Die Primetime für Wissenschaft ist dann allerdings zwischen 17.30 und 19.30 Uhr. Da buhlen unter anderem "Galileo"-Schwerpunkte, "nano", "Wissenshunger" und "WunderWelten" um die Gunst der Zuseher. Zur selben Zeit laufen auf anderen Sendern die "Sportschau", "Malcom mittendrin" oder "Die Nanny".

Bis vor kurzem gab es zu dieser Uhrzeit sonntags auch das ORF-Wissenschaftsmagazin "Newton". Die niedrige Quote von etwa 200.000 Zuschauern (das entspricht einem Marktanteil von gerade mal drei Prozent, mitunter waren es gar nur 1,5 Prozent) erklärte sich der ORF durch die harte Konkurrenz des beliebten "Bundesland heute". Dagegen komme die Wissenschaft dann doch nicht an. Seit ein paar Wochen berichten daher Carolina Inama und Bernd Hupfauf samstags ab 19.20 Uhr über österreichische Wissenschaft - wohl eher auch deshalb, um dem auch in Österreich erfolgreichen "Galileo" von ProSieben auszuweichen.

Im Hauptabendprogramm regiert nach wie vor der Spielfilm. Einzig ein paar Dokumentationen auf arte, ab und zu ein "Galileo"-Spezial auf ProSieben oder die "clever!"-Show auf Sat 1 findet man nach 20 Uhr. Der ORF zeigt neben den "Universum"-Sendungen seit neuestem die Doku-Schiene "Menschen und Mächte", die ebenfalls von der vierzigköpfigen TV-Wissenschaftsredaktion produziert wird. Während der neu eingeführten Themenwoche (bisher Klima und Ernährung) gibt's dann sogar noch ein bisschen mehr Filme, Diskussionen und Dokumentationen.

Wissenschaft entspannt. "Malcom" oder "Galileo"? "King of Queens" oder "Schau dich schlau!"? So unterschiedlich die Auswahl im Fernsehprogramm auch ist - konsumiert wird erstaunlich ähnlich, wie die ZDF-Medienforschung im vergangenen November berichtete. Gefragt wurde, was Zuschauer bei Wissenschaftssendungen erleben. Die Ergebnisse wurden mit Daily Soaps und Nachrichtensendungen verglichen. Die Kernaussage: Auch Wissenschaftssendungen entspannen nach einem harten Tag, machen Spaß (etwas weniger als eine Soap) und bieten Orientierung mittels Information (etwas mehr als Nachrichten, wobei diese wiederum stärker meinungsbildend sind als Wissenschaftssendungen).

Die Wissenschaft im Fernsehen ist also keineswegs eine abgehobene, elitäre Angelegenheit. Oder am Ende gar nur eine seichte Sache? Wie viel Information bleibt bei den Zuschauern hängen, wollte der Moderator von "Quarks & Co" (WDR), Ranga Yogeshwar, unlängst auf der wissenschaftsjournalistischen Fachtagung "Wissenswerte" wissen. Viele Menschen, so belegen Studien, verstehen die medial vermittelten wissenschaftlichen Zusammenhänge allenfalls oberflächlich. Yogeshwars These: An die Stelle eines richtigen Verständnisses tritt eine "Illusion des Tiefenwissens". Die Zuschauer glauben, mehr verstanden zu haben, als sie auf Nachfrage tatsächlich erklären können.

Geschichten erzählen. Viele Programmverantwortliche fordern seit Jahren gebetsmühlenartig, sich gezielt an ein breites Publikum zu wenden statt "Nischenfernsehen" zu produzieren. Und das geht am besten mit Geschichten, die aus dem Leben gegriffen sind. "Storytelling" heißt diese Art von Fernsehen. Zwar liefert die "experimentelle Machart" laut ZDF-Untersuchung zwar mehr Gesprächsstoff und regt mehr zum Nachdenken an. Aber sie macht eben auch nicht so viel Spaß. Deshalb gibt es also Storytelling, denn der Mensch braucht Geschichten, und die soll er bekommen.

Das Storytelling zur Perfektion getrieben hat die BBC. Nicht umsonst reißen sich andere Fernsehkanäle um Koproduktionen mit dem britischen Sender. Aber auch andere Wissenschaftssendungen schwören aufs Geschichtenerzählen, wie etwa die erfolgreichste US-amerikanische Wissenschaftssendung, "nova". Seit über dreißig Jahren berichtet "nova" wöchentlich über Themen wie etwa Superstrings mithilfe von einfachen Metaphern und eingebettet in spannende Rahmenhandlungen.

Zur gleichen Zeit wie "nova" werden übrigens die Erfolgsformate "American Idol" ("Starmania" auf US-amerikanisch) bzw. "Dancing with the Stars" (das "Dancing Stars"-Pendant) ausgestrahlt. Die "nova"-Macher haben gelernt, gegen Massenunterhaltung zu bestehen. Und das mit den gleichen Mitteln: Geschichten erzählen, Emotionen erzeugen.

Grenzwertig. Wird Wissenschaft in konstruierte Geschichten eingebettet, stellt sich immer wieder die Frage nach der Glaubwürdigkeit. Inwieweit sind solche Darstellungen verzerrend? Kann man Rahmenhandlung und Fakten noch auseinanderhalten? Dass Fernsehbeiträge immer etwas nacherzählen müssen - geschenkt. Denn es ist nur in den allerseltensten Fällen ein Fernsehteam anwesend, wenn Gene erfolgreich ausgeschaltet oder neue subatomare Teilchen detektiert werden. Ganz abgesehen von der Frage, wie man diese Entdeckungen visuell umsetzt.

Die Frage ist nur: Wie ausgeschmückt und verziert wird nacherzählt? Wie sehr wird in den digitalen Farbtopf gegriffen? Saubere Wissenschaftsberichterstattung, also eine gute Geschichte mit korrekten Inhalten zu erzählen, bleibt eine hohe Kunst.

Definitiv übertrieben hat das Geschichtenerzählen eine japanische Sendung, wie das Wissenschaftsjournal nature berichtete (Bd. 445, S. 804). Über Jahre hinweg wurde bei "Hakkutsu: Aruaru Daijiten" geschwindelt, dass sich die Studiobalken bogen. Fremdsprachige Interviews wurden gezielt falsch übersetzt, Vorher-nachher-Diätbilder "produziert" und Messungen erfunden. "Die Enzyklopädie der Fakten", so würde die Sendung ungefähr auf Deutsch heißen, wurde nach Bekanntwerden der Vorwürfe im Jänner umgehend abgesetzt.

Supersendeplatz. Wie ernst es einem Sender mit der Wissenschaft ist, erkennt man vor allem am Sendeplatz. Die Topplatzierung findet sich mitten unter den Nachrichten, jenem Format, das noch immer über die höchste Glaubwürdigkeit verfügt. War die Wissenschaftsberichterstattung in den ORF-Nachrichten bis jetzt beschränkt auf Skandale (Atomkraft im Nachbarland) oder Durchbrüche in der Wissenschaft oder der Medizin, hat sich das seit Jänner geändert: Die Gruppe an Wissenschaftsredakteuren, die für die Nachrichtenredaktionen unterschiedlichste Meldungen rund um die Wissenschaft zusammenstellt, wurde verdoppelt, der Stellenwert der Wissenschaft ist laut ORF "höher denn je". Nach und nach soll es daher auch mehr Wissenschaft in den Nachrichtenformaten geben.

Dies ist freilich keine reine Wissenschaftsbegeisterung. Die Sender müssen sich im immer härter werdenden Konkurrenzkampf zwischen Privat und Staat positionieren. Und zwar als glaubwürdiges Medium und nicht als buntes, grelles Puppentheater. Das ist mit ein Grund, warum auch bei den Privatsendern mehr Wissenschaftsmeldungen in den Nachrichtensendungen gesendet werden.

Nachholbedarf. Die Konkurrenz kommt neuerdings aber auch aus dem Netz, wird es doch immer leichter, bewegte Bilder über Breitband ins Haus zu holen. Das Internet bietet dem Fernsehen aber auch die Gelegenheit, vom verstaubten Konzept der Wissenschaftsvermittlung namens "Ich sende, du empfängst, und zwar zu meinen Bedingungen" Abschied zu nehmen. Hat der ORF mit "Newton" bereits den Boom der deutschen Wissens-TV-Sendungen um Jahre verschlafen, so scheint ihm mit dem Internetfernsehen gerade etwas Ähnliches zu passieren. Sein Angebot fällt trotz IP-TV-Nachrichten (Fernsehen über das Internetprotokoll) mager aus, gerade punkto Wissenschaft. "Newton"-Sendungen gibt es nach wie vor nur im TV.

Es gibt keine Möglichkeit, einzelne Wissenschaftsbeiträge für mobile Videoplayer runterzuladen (wie etwa von der umfangreichen Seite der "Sendung mit der Maus") oder Wissenschaftssendungen in Foren zu besprechen, wie das bei "Galileo" angeboten wird. Nicht einmal Fragen für die aktuelle Sendung kann man vorschlagen, wie etwa bei "Welt der Wunder" auf RTL II. Ein wenig mehr Interaktion, konkret: die Zuschauer mitreden und im besten Fall mitentscheiden zu lassen, wäre in Zeiten von Web 2.0 wünschenswert.

Derzeit ist der ORF, so wird kolportiert, aber eher mit einem neuen Konzept für den Kanal TW1 beschäftigt. Was genau dahintersteckt, wird noch nicht verraten - nur so viel: "Wir planen derzeit den Umbau des Senders in einen öffentlich-rechtlichen Spartensender für Information und Kultur. Zunächst ist jedoch der Gesetzgeber am Wort, erst danach macht es Sinn, über konkrete Pläne zu reden", so der neue TW1-Leiter Werner Mück. Bleibt zu hoffen, dass die Wissenschaft als Teil der Information und Kultur angesehen wird - sonst bleibt nur der Griff zur Fernbedienung. Denn, wie gesagt, anderswo senden sie über zehn Stunden Wissenschaft täglich.

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