Kulturen des Lernens

Stefan Löffler | aus HEUREKA 1/07 vom 28.03.2007

Science-Center sind Wissenschaftsmuseen für Kinder und Erwachsene zum Angreifen. Das berühmteste von ihnen steht in San Francisco und wurde viele Jahre lang von Goéry Delacôte geleitet. Eine Begegnung mit einem global agierenden Wissenschaftsvermittler.

Lärmiges Provisorium. Das berühmteste Science-Center der Welt hat keine Architektur. Das Exploratorium haust in Presidio, einer der teuersten Wohngegenden San Franciscos, praktisch in einer Schachtel. Es ist schlecht beleuchtet, lärmig und vollgestopft. Die Werkstätten sind nur durch eine bis zum Bauch reichende Sperre von der Ausstellung abgetrennt. Seit seiner Eröffnung 1969 ist es ein Provisorium.

Doch für Goéry Delacôte liegt genau darin der Charme. Als der Franzose das Exploratorium 1979 zum ersten Mal sah, sagte er sich: "Es mag nicht das größte oder reichste Science-Center sein, aber es ist mit Abstand das schlaueste." Es war Liebe auf den ersten Blick - nicht zur Form, sondern zum Inhalt.

Damals reiste er im Auftrag der französischen Regierung. Das Pariser Schlachthausviertel in La Villette sollte eine neue Bestimmung erhalten. Ein gewaltiges Wissenschaftsmuseum wurde geplant. Geld spielte keine Rolle. Delacôte besichtigte mehr als hundert Einrichtungen in aller Welt, um die besten Vorbilder zu suchen. Nach Frankreich kehrte er mit dem Konzept zurück, die Ausstellung in eigenen Werkstätten von eigenen Mitarbeitern entwickeln zu lassen. Genau wie am Exploratorium.

Nichts für Präsidenten. Einige Monate später lud er dessen Gründer und Direktor, den Physiker Frank Oppenheimer, nach Paris ein. "Am Ende der Präsentation fragte der Vorsitzende des Aufsichtsrats, ein ehemaliger Minister, der nicht mehr ohne fremde Hilfe stehen konnte: ,Schön und gut, Herr Oppenheimer, aber ist etwas dabei, das wir einem Staatschef vorführen können?' In diesem Moment begriff ich, dass La Villette nicht den Zweck hatte, den Menschen etwas beizubringen, sondern sie zu beeindrucken."

In höherem Sinn war es der Moment, in dem Delacôte aufhörte, für La Villette zu arbeiten, und anfing, für das Exploratorium tätig zu sein. Auch wenn noch gut ein Jahrzehnt vergehen sollte, bis er 1991 nach Kalifornien übersiedelte, um nach Oppenheimers Tod die Leitung zu übernehmen. Delacôte hat die Legende der Science-Center nicht begründet, aber er hat alles unternommen, um sie von San Francisco in die Welt hinauszutragen.

Marke Exploratorium. Experimente, die in den Werkstätten des Exploratoriums ausgedacht wurden, finden sich heute in fast jedem Science-Center: Vorrichtungen, denen man coole Bilder, Bewegungen oder Töne entlocken kann. Spielereien, die Kindern wie Erwachsenen Naturphänomene näherbringen: Hands-on, wie es längst auch im deutschsprachigen Raum heißt.

Vor Delacôte galt es am Exploratorium in erster Linie als Bestätigung, wenn die eigenen Ideen anderswo abgekupfert wurden. Der Franzose kanalisierte den Wildwuchs und nutzte die Nachfrage der aus dem Boden sprießenden Science-Center und Kindermuseen. Er ließ die Stücke in Handbüchern dokumentieren, im Auftrag nachbauen oder verkaufte sie als Wanderausstellungen. Delacôte brachte Kooperationen auf den Weg und sogar Ableger. Kleine Ausgaben des Exploratoriums gibt es inzwischen in den USA, Spanien, Vietnam, China - und in Frankreich.

Mit dem Exploradome hat Delacôte in seinem Heimatland quasi das letzte Wort behalten. Zwanzig Jahre, nachdem er in La Villette vergeblich für eigene Werkstätten gekämpft hatte, verwirklichte er den Plan en miniature. Delacôte war mit französischen Investoren durchs Silicon Valley getourt und hatte sie anschließend ans Exploratorium mitgenommen. Sie verschafften ihm das Startkapital fürs Exploradome, das im Bois de Boulogne in Paris steht und damit in größtmöglicher Entfernung zu La Villette.

Mit seiner Finanzierung durch eingeworbene Projektmittel, Sponsoren und Einnahmen aus Wanderausstellungen ist es freilich auch betriebswirtschaftlich der Gegenentwurf zu La Villette, das die französischen Steuerzahler jährlich gut hundert Millionen Euro kostet.

Am Meer, aus dem Meer. Exploradome ist nur ein Standbein des Franzosen, der in der Zwischenzeit das Exploratorium verlassen hat und wieder in Europa tätig ist. Inzwischen leitet er At-Bristol, eines der ehrgeizigsten Science-Center in England, das seinen Schwerpunkt inhaltlich wie architektonisch im Meer hat. Gerade hat er dort ein Programm durchgesetzt, um smarte Designer aus aller Welt für einige Monate in die Hafenstadt zu locken - eben für die Zeit, die es braucht, um ein Experiment von der Idee bis zum Science-Center-tauglichen Ausstellungsstück zu entwickeln.

Nur noch zwischen Bristol, Paris und dem Familiensitz im Osten Frankreichs zu pendeln, sei schon ein großer Fortschritt gegenüber früher, als er regelmäßig nach Kalifornien flog, findet der erklärte Kosmopolit. Daneben sitzt Delacôte, der auf die siebzig zugeht, in einer Reihe von Stiftungen und Aufsichtsgremien. Oder er reist als Berater um die Welt. Etwa zum Science-Center-Netzwerk nach Wien, mit dessen Obfrau, der Bundespräsidentengattin Margit Fischer, er befreundet ist.

Deren Grassroots-Ansatz, auch ohne Aussicht auf Finanzierung und festes Haus loszulegen, wie letzten Herbst mit der eintägigen Ausstellung "Erlebnis Netz(werk)e", kann er einiges abgewinnen. "Ich will spielen und etwas Neues lernen. Und das konnte ich hier", sagte Delacôte nach seinem Besuch: "Das ist das egoistische Kriterium, nach dem ich Science-Center beurteile."

Algerische Ingenieure. Sein Werdegang zum Wissenschaftsvermittler führte über die Forschung. Delacôte hatte eine Physikprofessur in Paris. Aber schon sein erstes Projekt nach seinem Studienabschluss 1962 an der Eliteschmiede École Normale Supérieure galt der Pädagogik. In diesem Jahr war der Algerienkrieg gerade zu Ende gegangen und das Land unabhängig geworden. Um etwas für den neuen Staat zu tun, organisierte Delacôte eine Sommerschule für junge algerische Ingenieure.

Später gründete er an seiner Universität ein Labor für Wissenschaftspädagogik. Bis heute wird dort Material für den Schulunterricht in Frankreich entwickelt. Delacôte handelte sich aus, dass er die Gruppe "nicht im französischen, sondern im US-amerikanischen Stil leiten durfte: mit Experimenten".

Das sei es auch, was ein Science-Center idealerweise mit der Wissenschaft verbinde: das Experimentelle. Zu seinem Bedauern setzten zu viele Häuser nur auf das Bewährte. In den letzten Jahren habe er wenig Innovatives gesehen: Tischexperimente in Albuquerque/New Mexico, Kooperationsspiele in Amsterdam, neueste Wissenschaft zum Anfassen in Tokio, ein Mitmachlabor, in dem wirklich geforscht wird, in Ontario. Nicht alles funktioniert. Aber besser scheitern, als nichts versucht zu haben.

"Ich finde, ein Science-Center muss etwas Eigenes entwickeln, um der Bewegung etwas zu geben." Dazu müsse man zulassen, dass ein Team seine eigene Kultur ausbildet. Diese Einsicht habe ihn viel Zeit gekostet, sagt Delacôte. Und weiter: "Warum ist das Exploratorium die Nummer eins? Ich habe zwei Jahre gebraucht, bis ich begriffen habe, dass ich kein Haus leite, sondern eine Kultur - eine Kultur des Lernens und Handelns."

www.exploratorium.edu

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