Science@Fiction

aus HEUREKA 2/07 vom 09.05.2007

Daniel Kehlmanns Kolumne

Meine letzte Kolumne hat einen Leser verärgert: Herr Arbeiter aus Graz, der auf meine Kritik an Wikipedia geantwortet hat, meinte, dass es sich hier erstens um ein sehr brauchbares Hilfsmittel handle, dass zweitens eine Studie ergeben habe, dass die Fehler darin auch nicht häufiger seien als in der "Encyclopædia Britannica" und dass drittens mein Eingeständnis, schon aus Jux und Tollerei in Artikel eingegriffen zu haben, empörend sei: "Wirklich schlimm finde ich, dass Sie von, Witzbolden' und, albernen Menschen' sprechen, zu denen Sie sich selbst zählen, die absichtlich die Wikipedia verfälschen, als ob es ein, Scherzerl' wäre. Sie beschädigen einen freiwilligen Dienst an der Öffentlichkeit und stellen es als Bagatelle hin."

Gut, also der Reihe nach: Dass Wikipedia brauchbar ist und hilfreich, habe ich nie geleugnet. Ich verwende sie selbst gerne und oft. Meine Kritik war eine methodische: Ein Medium, in das jedermann zu jeder Zeit eingreifen kann, darf nie ungeprüft als Quelle dienen. Das sollte sich eigentlich von selbst verstehen, und dass viele der Artikel von ganz außergewöhnlicher Qualität sind, ändert daran gar nichts.

Zweitens, über jene angeblich zuverlässige Studie ist inzwischen viel geschrieben worden, und sie ist wissenschaftlich nicht haltbar. Wikipedia enthält manipulierte Informationen, gezielte Propaganda, grotesk Falsches sowie hellen Unsinn in einem Maße, das - naturgemäß - bei einer redaktionell überprüften Enzyklopädie undenkbar wäre.

Und zum dritten: Ja, ich habe behauptet, den Wikipedia-Artikel über Reggaemusik manipuliert zu haben. Zum einen ist das kein "Scherzerl", sondern ein sachlich wohl zu rechtfertigendes Experiment - man bringt gezielt eine Störung in die Struktur eines Systems ein, um herauszufinden, wie schnell und wirksam das System seine Ordnung wiederherstellt. Und zum anderen - ist es gar nicht wahr. Ich habe nie einen Wikipedia-Text umgeschrieben. Die Information, ich hätte es getan, wurde dennoch von eifrigen Wikipedianern sofort in den Artikel über mich übernommen, wo Sie sie bis zur gegenwärtigen Stunde finden können und wo sie wohl auch noch eine Zeitlang bleiben wird.

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