Die Talentefabrik

Klaus Taschwer | aus HEUREKA 2/07 vom 09.05.2007

Insgesamt sieht die Situation der Nachwuchsforscher in Österreich wenig erfreulich aus. An den Instituten des ViennaBioCenter hingegen tummeln sich exzellente Jungwissenschaftler aus aller Welt.

Die Fellow-Stelle. Vor wenigen Wochen erst haben es Forscher des Wiener Instituts für Molekulare Pathologie (IMP) wieder in das Fachblatt Cell geschafft, der wichtigsten molekularbiologischen Zeitschrift. Diesmal aber nicht mit einer Entdeckung: es ging um eine organisatorische Neuerung: Das IMP hat nämlich als erstes europäisches Forschungsinstitut überhaupt die Stelle eines Fellows oder "Superpostdocs" eingeführt (siehe Kasten).

"Die wenigsten Forscher Anfang dreißig können schon unabhängig arbeiten, obwohl das ihre kreativste Phase ist", erklärt Barry Dickson, der wissenschaftliche Direktor des IMP. Er übernahm Anfang 2006 die Leitung des im Verhältnis zu seiner Größe erfolgreichsten Forschungsinstituts Österreichs und ließ als eine seiner ersten Maßnahmen eine solche Fellow-Stelle ausschreiben - eine der ersten überhaupt in Europa.

"Das ist zwar riskant, aber auch nicht besonders teuer", sagt Dickson, "und die Chance ist nicht so gering, dass aus solchen Fellows später Topforscher werden." Das hätten jedenfalls auch die Erfahrungen aus den USA gezeigt, wo an einigen Topinstituten - wie dem Whitehead Institute in Harvard, dem CalTech oder der Carnegie Foundation - solche Fellow-Programme schon seit vielen Jahren laufen. Und schließlich habe James Watson, der 1953 die DNA-Struktur mit entschlüsselt hatte (da war er 25), seinen Nobelpreis ja auch schon mit 34 erhalten.

Frühe Freiheit. Am Wiener IMP hat die US-amerikanische Strukturbiologin Peggy Stolt-Bergner das große Los gezogen. Die heute Dreißigjährige ist seit August des Vorjahrs erster IMP-Fellow. Nur knapp zwei Jahre nach ihrer Dissertation an der Harvard Medical School kann sie nun völlig eigenständig forschen, mit allen Vor-, aber auch Nachteilen, die diese frühe Freiheit mit sich bringt.

"Die ersten sechs Monate habe ich vor allem damit zugebracht, mein Labor zum Laufen zu bringen", sagt Stolt-Bergner und verweist auf die Doppelbelastung, zum einen unabhängig forschen zu können, zum anderen aber auch administrative Verantwortung für ein Labor und demnächst auch eine Mitarbeiterin zu haben. "Es kommt wohl auch auf die Persönlichkeit an, ob so eine Fellow-Position das Richtige ist." Sie habe ihre Entscheidung trotz der zusätzlichen Mühen jedenfalls nicht bereut.

Nötiger Nachwuchs. Die gezielte Nachwuchsförderung fängt am IMP aber nicht erst bei den Fellow-Stellen an. Internationale Topforschung in den Life Sciences ist ohne hochbegabte Dissertanten und Postdocs undenkbar. Deshalb nimmt das Institut - gemeinsam mit dem benachbarten Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA), den Max F. Perutz Laboratories und dem Gregor-Mendel-Institut - am internationalen PhD-Programm des ViennaBioCenter teil, um so zu exzellenten Nachwuchs zu kommen.

Und der wiederum kommt aus der halben Welt. Rund 300 Graduierte jährlich bewerben sich, um für ihre Dissertation an einem der vier Institute forschen zu können. Die dreißig bis vierzig Besten werden aufgenommen, erhalten ein international übliches Doktorandengehalt - und eine exzellente Ausbildung "on the job" im Labor.

Etliche der noch nicht einmal Promovierten machen schon in dem Alter aufsehenerregende Forschung. Wie zum Beispiel die 27-jährige Stefanie Löser, die im Labor des IMBA-Chefs Josef Penninger gerade einen neuen Ansatz zur Krebstherapie mitentwickelt hat (s. Kurzporträt S. 8).

Was dazu wohl auch beitrug: Ihr Chef, der von allen Mitarbeitern selbstverständlich nur Josef genannt wird, lasse sie schon in ihren noch jungen Jahren sehr eigenständig forschen. Das können im Extremfall halt schon einmal 14 Stunden pro Tag werden, auch am Wochenende, so Löser: "Weil wir wussten, dass auch eine andere Gruppe in den USA daran arbeitete und wir nicht die Zweiten sein wollten."

Problematisches Promovieren. Von solchen Bedingungen können viele Jungforscher der insgesamt 17.000 Dissertanten in Österreich nur träumen. Gerade einmal 2000, so lauten die aktuellen Schätzungen (s. auch Interview S. 12), erhalten finanzielle Unterstützung dafür, ihre Abschlussarbeit zu schreiben. Das Geld dafür kommt in den meisten Fällen vom Wissenschaftsfonds FWF - sei es in Form von Projektanstellungen oder im Rahmen einer Ausbildung an einem der in Österreich noch nicht sehr zahlreichen Doktoranden-bzw. Graduiertenkollegs.

In der überwiegenden Anzahl der Fälle allerdings - wie etwa beim ehemaligen Finanzminister Grasser - dissertiert man in der Freizeit, unbezahlt und in allzu vielen Fällen wohl auch mehr schlecht als recht betreut. Wenn es nur darum geht, einen Dr. vor dem Namen stehen zu haben, wäre das nicht gar so schlimm. Es gibt nur Vermutungen, wie viele der 17.000 Dissertierenden auch eine weitere wissenschaftliche Karriere anstreben.

Das Wissenschaftsministerium hat deshalb gemeinsam mit dem FWF eine Studie in Auftrag gegeben, um mehr über die Lage der Dissertierenden zu erfahren - und um letztlich die in Österreich vielerorts katastrophal organisierten Doktoratsstudien zu verbessern. Mit konkreten Ergebnissen der Untersuchung ist allerdings nicht vor Herbst zu rechnen. Dass der diesbezügliche Reformbedarf in den Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften besonders hoch ist, ist aber fast allen Kennern der österreichischen Forschungsszene klar.

Zu alt und zu spät. Erheblichen Reformbedarf gibt es aber auch für die Zeit danach, beim eigentlichen Einstieg in die Forscherkarriere als Postdoc oder als Universitätsassistent. Aber da ist Österreich immerhin nicht allein. "Insgesamt wird der Forschernachwuchs in Europa im Vergleich zu den USA zu alt und zu spät in die wissenschaftliche Unabhängigkeit entlassen", sagt Helga Nowotny, renommierte Wissenschaftsforscherin aus Wien und Vizepräsidentin des neugegründeten European Research Council. "In den USA hingegen wird der Nachwuchs als intellektuell gleichrangig behandelt. Dazu kommt, dass dort an den besten Forschungsuniversitäten und-einrichtungen auch die Arbeitsbedingungen entsprechend attraktiv sind."

Entsprechend hält gerade bei den Besten der Brain-Drain in Richtung Westen über den großen Teich weiter an. Das ViennaBioCenter ist da eine der wenigen Ausnahmen. Am IMP mit seinen insgesamt 250 Mitarbeitern - darunter rund fünfzig Dissertanten und fünfzig Postdocs - sind Forscher aus über dreißig Nationen vertreten. Und IMP-Fellow Peggy Stolt-Bergner ist nicht die einzige US-Amerikanerin, die sich bewusst das IMP als wichtige Zwischenstation ihrer Forscherkarriere ausgesucht hat.

Fellows to follow. Das erste Fellow-Programm überhaupt wurde von David Baltimore 1984 am Whitehead Institute in Cambridge/Massachusetts eingeführt. Baltimore schuf diese neue Art von Stelle, die frühestmögliche Unabhängigkeit gewährt, wohl aus eigener Erfahrung: Schließlich hatte er 1975 bereits mit 37 den Nobelpreis für Medizin gewonnen.

Einer der aktuellen Whitehead-Fellows ist der Österreicher Andreas Hochwagen, der diese Stelle vor genau einem Jahr antrat. Ein wenig einschüchternd sei das zu Beginn schon gewesen, sagt Hochwagen, der seine Diplomarbeit am IMP geschrieben hat. "Wie man ein Labor organisiert und ein Budget verwaltet, das kann man vorher nicht wirklich lernen."

Geholfen habe ihm dabei seine Doktormutter, Angelika Amon, die heute Professorin am MIT, auf der anderen Straßenseite, ist. Die heute vierzigjährige Molekularbiologin war nämlich selbst Fellow am Whitehead Institute. Ihre Dissertation hat Angelika Amon übrigens vor 15 Jahren in Wien geschrieben: am Institut für Molekulare Pathologie.

PhD: Englisch für "Philosophical Doctor". Ist die angloamerikanische Version für das Doktorat, setzt aber eine drei-oder vierjährige Ausbildung im Rahmen eines PhD-Programms voraus, das es an einigen wenigen Einrichtungen auch in Österreich (wie am Vienna Biocenter) gibt und in etwa Graduiertenkollegs entspricht.

Postdoc: Englische Kurzform von Post-Doktoranden. Damit werden junge Forscher nach Beendigung ihrer Dissertation bezeichnet, deren Stellen meist durch Drittmittel finanziert sind. In den Naturwissenschaften ist es üblich, einen oder mehrere Postdocs in anderen Laboren und Gruppen zu machen, als da, wo man promovierte. Der nächste (und schwierigste) Karrieresprung ist der zum Gruppenleiter.

Fellow: Neuartiges Stellenangebot für besonders begabte junge Postdocs rund um die dreißig. Fellows, die auch "Superpostdocs" genannt werden, sind noch keine Gruppenleiter, können aber bereits mit ein, zwei noch jüngeren Mitarbeitern völlig eigenständig Forschung betreiben.

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