"Eine riesige Baustelle"

aus HEUREKA 2/07 vom 09.05.2007

Die Lage der Dissertanten ist für Christoph Kratky das mit Abstand dringlichste Problem. Ein Gespräch mit dem Präsidenten des Forschungsförderungsfonds FWF, dem wichtigsten Arbeitgeber des wissenschaftlichen Nachwuchses in Österreich. Interview: Klaus Taschwer

heureka!: Wie geht es dem wissenschaftlichen Nachwuchs in Österreich?

Christoph Kratky: Den von uns finanzierten Jungwissenschaftlern, mehr als 2000 Dissertanten und Postdocs, geht es gut, und die Gehälter, die wir zahlen, sind international absolut konkurrenzfähig. Insgesamt ist das aber leider eine riesige Baustelle. Um nur eine Zahl zu nennen: Es werden in Österreich zurzeit rund 17.000 Dissertationen verfasst - die überwältigende Anzahl davon quasi in der Freizeit, mit schlechter Betreuung und ohne Finanzierung. Entsprechend spät werden diese Leute dann auch fertig.

Was ist so schlimm daran?

Für eine wissenschaftliche Karriere haben sie am Jobmarkt kaum mehr Chancen. Wo jemand nach der Dissertation die Option einer wissenschaftlichen Tätigkeit wahren will, muss er oder sie professionelle Bedingungen vorfinden. Eine Dissertation macht nur dort Sinn, wo die Wissenschaft erstklassig ist. Deshalb setzt der FWF in diesem Bereich auch einen Schwerpunkt, nämlich mit seinem Programm der Doktoratskollegs, die eine weitere Professionalisierung bei der Dissertationsausbildung ermöglichen.

Und wie sehen Sie die Karrierechancen nach der Dissertation?

Die Lage der Dissertanten ist für mich das mit Abstand dringlichste Problem. Abgesehen davon sind die Karrierebedingungen an den Universitäten im Moment unbefriedigend - auch für die Universitäten selbst. Es muss bessere Einstiegsmöglichkeiten für gute junge Leute auf jeder Ebene geben. Und es kann auch nicht so sein, dass diese Leute nach drei oder fünf Jahren grundsätzlich wieder gehen müssen.

Wie wichtig sind für eine wissenschaftliche Karriere Topleistungen bis 30 oder 35? Geht es danach mit der Kreativität nicht schon bergab?

Ich bin mir nicht sicher, ob sich das generell so sagen lässt. Auf die theoretischen Naturwissenschaften oder die Mathematik mag das womöglich zutreffen. Ich kenne aber viele Forscher, die erst mit fünfzig ihre besten Arbeiten geschrieben haben. Das mit den dreißigjährigen Genies, das gilt in vielen experimentellen Bereichen nicht. Anton Zeilinger etwa hat erst nach fünfzig so richtig in der Quantenoptik zu forschen begonnen - wo er jetzt seine größten Erfolge feiert.

Aber viele seine jungen Mitarbeiter sind doch bereits in jungen Jahren schon exzellent?

Klar. Wer jetzt im Zeilinger-Labor forscht, hat natürlich auch aufgrund dieser Tatsache eine größere Wahrscheinlichkeit, in Nature oder anderen Topjournalen zu publizieren, als wenn er oder sie in einem anderen, nicht so tollen Labor arbeiten würde. Und das ist für ihre Karriere im Normalfall auch besser, als mit dreißig auf sich allein gestellt zu forschen und sich erst mühsam hochzuarbeiten.

An weltweit führenden Instituten in der Molekularbiologie macht man aber genau das: Man lässt besonders begabte Dreißigjährige schon eigenständig forschen. Sollte das nicht auch in anderen Bereichen verstärkt geschehen?

Ich denke, dass man da sehr vorsichtig sein muss. In der Molekularbiologie und der Biomedizin gibt es eine große internationale Konkurrenz. Da ist es wichtig und logisch, dass man früh die Besten rekrutiert und sie eigenständig forschen lässt. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber es gibt nicht nur die Life-Sciences.

Wie alt sind denn durchschnittlich die Leiter von FWF-Projekten?

Im Einzelprojektbereich knapp unter vierzig Jahre.

Ist das nicht etwas alt?

Ich denke, das ist ein vernünftiges Durchschnittsalter. Wir wollen ja nicht, dass die Leute über 45 nicht mehr forschen.

Zur Person

Christoph Kratky (60)

ist seit September 2005 Präsident des Wissenschaftsfonds FWF. Der gebürtige Grazer studierte und promovierte an der ETH Zürich. Danach war Kratky Postdoc in Harvard und ab 1977 Assistent am Institut für Physikalische Chemie der Universität Graz, wo er seit 1995 Professor ist. =

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