Ausgezeichnetes Betriebsklima

Stefan Löffler | aus HEUREKA 2/07 vom 09.05.2007

Mobbingopfer schweigen und gehen. Oder sie werden sehr lästig. Wie Silvia Haindl. Sie ist nicht die erste Nachwuchsforscherin, die am Atominstitut der TU Wien rausgeekelt wurde.

Flucht mit Perspektive. Eigentlich müsste sie ihren Peinigern dankbar sein, sagt Silvia Haindl. Sie habe den Absprung geschafft, bevor sie selbst so geworden sei wie die. Anfangs war es eine Flucht, inzwischen ist es eine Perspektive. Ihre neue Stelle an einem Forschungsinstitut in Deutschland ist nach kurzer Zeit verlängert worden. Ihr neuer Chef weiß, dass sie sich habilitieren will. Diplom mit 25, promoviert mit 28, eine für ihr Alter bemerkenswerte Publikationsliste: Die Welt steht der jungen Physikerin offen.

An der TU Wien werde sie es schwerhaben, hatte ihr Doktorvater gedroht. "Die TU Wien kann mir gestohlen bleiben", sagt Haindl. Nach allem, was ihr passiert ist, sieht sie in Österreich keine Zukunft für sich als Wissenschaftlerin. Silvia Haindl mag drastische Worte. Sie helfen ihr, das Erlebte zu verarbeiten.

Dabei hatte alles so gut angefangen. Noch als Schülerin absolvierte sie ein Praktikum am Atominstitut. Es gefiel ihr so gut, dass sie in die Gruppe von Harald Weber zurückkehrte. Sie schrieb dort ihre Diplomarbeit und blieb, um zu promovieren. Dass sie fast nur mit Männern zu tun hatte, störte sie wenig. Nach der Arbeit mit den Kollegen auf ein Bier zu gehen, gehörte dazu. Eigentlich gab es ja auch nie Probleme. Bis ihr einer der Kollegen auf die Pelle gerückt sei. Haindl war nicht zu schüchtern, sich der unerwünschten Avancen zu erwehren. Doch der Kollege habe sich nicht so leicht abweisen lassen.

Um ihm aus dem Weg zu gehen, ging sie nach Institutsschluss nicht mehr mit den anderen mit. Und erfuhr hintenherum, was dann über sie geredet wurde: Wie konnte sie so gemein sein zu dem armen Kerl? Nicht teamfähig sei sie, das hörte sie nun öfter.

Abgewimmelt. Von da an begann ihr einiges komisch vorzukommen: Wurde sie bei der Bestellung von Arbeitsmaterial übergangen? Musste nur sie so lange auf Proben warten? Warum wollte Weber, dem sie von den Sticheleien berichtet hatte, kein Mitarbeitergespräch mit ihr führen? Fürchtete er, dass sie auf die freiwerdende Assistentenstelle drängte, die er für einen langjährigen Mitarbeiter vorgesehen hatte?

Weber sei überrascht gewesen, wie zügig sie ihre Dissertation abschloss. Ein Arbeitszeugnis, das er ihr für eine Bewerbung auf eine andere TU-Stelle ausstellte, sei so benachteiligend ausgefallen, dass sie Beschwerde gegen ihn einreichte. Daraufhin habe Weber eine Entschuldigung gefordert. Zum nächsten Treffen der Arbeitsgruppe bestellte er ausdrücklich auch die Techniker dazu. Haindl sollte vor versammelter Mannschaft Abbitte leisten. Sie weigerte sich.

Von da an mehrten sich die Sticheleien. In einer Rundmail an die gesamte Arbeitsgruppe wies Weber sie an, eine Veröffentlichung zurückzuziehen. Das Paper sei nicht diskutiert, auch nicht von ihm abgezeichnet worden: "Ich erinnere an unsere ausführlichen Diskussionen im Zusammenhang mit der Affäre Schön." Sie mit dem vielfachen Fälscher Jan Hendrik Schön zu vergleichen, fand Haindl ein starkes Stück. Außerdem habe sie Weber die Arbeit vorgelegt. Wenn sie ihn nicht als Co-Autor aufführe, sei das ihre Angelegenheit, habe er ihr gesagt. Darauf hat sie den Aufsatz an einen Preprint-Server geschickt.

Zu dem Zeitpunkt war ihr längst klar, dass sie vom Atominstitut wegmusste. Dass sie sich trotzdem noch für die nunmehr ausgeschriebene Assistentenstelle bewarb, war reines Kalkül. Belege, wie sie gemobbt wurde, hatte sie genug. Sie wollte aber auch noch eine "Nachfolgediskriminierung" nachweisen. Die Stelle ging, wie erwartet, an den zehn Jahre älteren Mitarbeiter, obwohl sie in den zwei Jahren zuvor produktiver gewesen war als dieser.

Das war das letzte Glied in ihrer Beweiskette, denn Haindl hatte beschlossen, für ihr Recht zu kämpfen. Sie machte vier weitere Frauen ausfindig, die vor ihr in Webers Gruppe Probleme gehabt hatten, und wandte sich an die Frauenbeauftragte. Dann an den Betriebsrat, an die Arbeiterkammer und an das Rektorat. Keiner konnte oder wollte ihr wirklich helfen, sagt sie. Also versuchte sie ihr Glück beim Volksanwalt. Sie schilderte ihren Fall dem FWF, schrieb ans Wissenschaftsministerium, sogar an den Bundespräsidenten. Sie wurde abgewimmelt, vertröstet. Erst vor der Bundesgleichbehandlungsstelle gelang ihr ein kleiner Sieg. Dass sie aufgrund ihres Geschlechts belästigt wurde, was Weber als Vorgesetzter nicht ausreichend ernst nahm, und dass er es verabsäumte, Abhilfe zu schaffen, hat Haindl nun schriftlich.

Dunkelziffer. Wie viele Mobbingfälle es an österreichischen Universitäten gibt, ist nicht zu beziffern. Aktenkundig werden die wenigsten. "Die Betroffenen packen gewöhnlich ihre Sachen und gehen", weiß Brigitte Ratzer, die als Koordinatorin der Frauenförderung und Betriebsrätin der TU Wien immer wieder von Fällen hört. "Mobbingopfer zu unterstützen ist schwer. Sie sind ungeduldig und schreckhaft bis zum Verfolgungswahn."

Peter Skalicky, der Rektor der TU Wien, hat es jedenfalls nicht geschafft, sich mit Silvia Haindl zu verständigen. "Dass sie subjektiv den Eindruck hatte, benachteiligt zu werden", ist das Einzige, was er ihr nach einem einstündigen Treffen zugesteht. "Ihr Fall erfüllt nicht den Tatbestand des Mobbings. Frau Haindl hat sich in etwas hineintheatert. Sie ist bis oben voll mit Vorurteilen."

Als er ihr versprach, die Professoren zu einem sensibleren Umgang mit Nachwuchswissenschaftlerinnen aufzurufen, lieferte sie einen ihrer drastischen Haindl-Sätze: "Ein österreichischer Professor lässt sich sowieso nichts sagen." Da war das Gespräch für den Rektor zu Ende.

Als Konsequenz aus dem Fall Haindl wurde immerhin ein Budgetposten eingerichtet, um bei künftigen Fällen einen unabhängigen Mediator von außerhalb der Uni zuziehen zu können. Skalicky sieht die TU nun "mehr als ausreichend gerüstet". Bei 3500 Beschäftigten lassen sich zwischenmenschliche Probleme nicht ausschließen.

Doch am Geschlecht liege es seiner Erfahrung nach selten: "Ich kenne unzählige Frauen an der TU und habe sonst nie eine Beschwerde gehört. Aber viele haben mir bestätigt, dass sie sich in dieser von Männern dominierten Umgebung wohlgefühlt haben."

Die Erfahrung von Susanne Spießberger ist eine andere. "Mit Abscheu" denkt die Physikerin an ihre Jahre in Harald Webers Gruppe zurück. An "meterhohe Stapel Bücher", die er ihr, ohne die geringste Andeutung eines Prüfungsthemas, fürs Rigorosum genannt habe. An das Niedermachen ihrer Dissertation vor der ganzen Gruppe. An seine negativen Empfehlungsschreiben, die ihr bei der Stellensuche nur im Weg standen. Dass sie in den USA Karriere gemacht hat, verdanke sie jedenfalls nicht Weber.

Nur ein paar Minuten. Weber lässt mehrere E-Mail-Nachfragen unbeantwortet, nimmt auch sein Telefon nicht ab. Bleibt nur, ihn nach dem wöchentlichen Seminar abzupassen: Hätten Sie jetzt Zeit, über Silvia Haindl zu sprechen? "Dafür bräuchte man einen ganzen Tag", sagt Weber. Jetzt hat er nur ein paar Minuten. "Jeder kann Ihnen bestätigen, dass das Betriebsklima hier ausgezeichnet ist." Haindl habe sich in etwas hineingesteigert. "Am Anfang stand ein privates Problem. Wenn zwei Mitarbeiter nicht mehr miteinander können, kann ich den anderen ja nicht erschießen."

Warum haben Sie Frau Haindl genötigt, ihr Paper zurückzuziehen? "Wir sind von Kollegen aus aller Welt angesprochen worden, wie sie das ohne Co-Autoren veröffentlichen konnte. Fünfzig Prozent der Arbeit stammten nicht von ihr."

Haben Sie die Zeitschrift um eine Berichtigung gebeten? "Wir haben das auf sich beruhen lassen. Wahrscheinlich wissen Sie auch nicht, dass Frau Dr. Haindl alle Proben zerstört und alle Codes mitgenommen hat. Nichts von ihrer Arbeit ist mehr brauchbar für die Gruppe."

Wenn dieser Schaden entstanden ist, haben Sie Frau Haindl auch aufgefordert, ihn zu beheben? "Wir sind froh, nichts mehr mit ihr zu tun zu haben."

Haben Sie sich seitdem mit Mobbing und Mobbingprävention befasst? "Die TU macht da einiges."

Die Frage ist, haben Sie sich damit befasst? "Wir haben dieses Problem nicht."3

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