Nachwuchs mit Nachwuchs

Klaus Taschwer | aus HEUREKA 2/07 vom 09.05.2007

Um in der Forschung Karriere zu machen, sind stromlinienförmige Biografien gefragt. Nicht gerade familienfreundlich. Förderprogramme tragen nun endlich neben dem "biologischen" auch dem "akademischen" Alter von Forscherinnen mit Kindern Rechnung.

Nackte Zahlen. Österreich ist etwas anders. In den She Figures über Frauen und Wissenschaft, die zuletzt im Jahr 2006 für die EU der 25 erhoben wurden, macht Österreich keine gute Figur. Beim Anteil der Wissenschaftler an den Arbeitskräften belegte die Alpenrepublik mit 2,2 Prozent Männern und einem Prozent Frauen vor der Slowakei den vorletzten Platz. Nicht viel besser sieht es beim Anteil der Wissenschaftlerinnen in den Bereichen Hochschule (30 Prozent), Staatsdienst (35 Prozent) und vor allem in der Privatwirtschaft (bloß 10 Prozent) aus.

In absoluten Zahlen: Von den knapp 26.000 in Österreich tätigen Forschern waren nur 4739 Frauen. Immerhin: ein eindeutiger Aufwärtstrend ist erkennbar, denn 1998 gab es gerade einmal 2626 Wissenschaftlerinnen. In diesen sechs Jahren ist also eine Zuwachsrate von gleich achtzig Prozent zu verzeichnen. Der Anstieg des Frauenanteils insgesamt ist jedoch nicht ganz so spektakulär: von 14 auf 18,3 Prozent.

Ein höherer Anstieg wäre für die F&E-Landschaft in Österreich aber wünschenswert: Gerade im privatwirtschaftlichen Forschungsbereich, der in den vergangenen Jahren besonders eindrucksvolle Wachstumsraten zu verzeichnen hatte, herrscht nicht nur "Not am Mann", sondern vor allem auch an der forschenden Frau, nicht zuletzt beim Nachwuchs.

Denn irgendwann nach ihrem Studium werden die Jungforscherinnen rapide weniger. Bei den Studierenden stellen sie mit 53 Prozent nämlich längst die Mehrheit, und selbst in einigen naturwissenschaftlichen Fächern wie der Biologie gibt es mehr Studentinnen als Studenten.

Mit vereinten Kräften. Was also tut sich in Österreich forschungspolitisch, damit das Land in den nächsten Jahren zumindest ein durchschnittliches europäisches Niveau erreicht? Seit Anfang 2002 kümmern sich gleich drei Ministerien - für Wissenschaft (BMWF), für Infrastruktur (BMVIT) und für Wirtschaft (BMWA) - sowie der Rat für Forschung und Technologieentwicklung (FTE-Rat) mit vereinten Kräften speziell um Frauen in Naturwissenschaft und Technik.

Das Maßnahmenpaket nennt sich fFORTE, für dessen Finanzierung vom FTE-Rat in den letzten fünf Jahren insgesamt 16,24 Millionen Euro empfohlen wurden. Dazu kamen Mittel der einzelnen Ressorts. Die Initiative setzt den Hebel quer durch alle Lebens- und Lernphasen von Frauen im Wissenschaftsbetrieb und in der Wirtschaft an. Mit den Geldern werden Förderungen vergeben, Vernetzungsaktivitäten gesetzt, Mentoringprogramme initiiert und Begleitforschungen finanziert. Medial versuchte man, die bereits erfolgreich in Forschung und Technik tätigen Frauen sichtbarer zu machen und zur öffentlichen Sensibilisierung für das Thema beizutragen.

Und wie sieht es bei der konkreten Forschungsförderung aus? Auch bei den Förderungen des Wissenschaftsfonds FWF zeigt die Frauenkurve eindeutig nach oben: Im Jahr 2005 und 2006 wurden erstmals über zwanzig Prozent der Einzelprojekte von Frauen eingereicht.

Programme für den Nachwuchs. Zusätzlich zur Projektförderung hat der FWF in den vergangenen Jahren einige spezielle Programme für Nachwuchsforscherinnen und-forscher eingeführt. Eines der erfolgreichsten ist das Erwin-Schrödinger-Stipendium, mit dem sich Docs und Postdocs zweijährige Auslandsaufenthalte zur Weiterqualifizierung finanzieren. Dafür bewarben sich 43,1 Prozent Frauen. (Rund die Hälfte der Schrödinger-Stipendiaten ist übrigens in der Zwischenzeit Professor geworden.)

Mit dem START-Preis, der 1,2 Millionen Euro einbringt, können sich Spitzenwissenschaftler bis 35 Jahre sechs Jahre lang unabhängige Forschung finanzieren. In den vergangenen elf Jahren gab es 54 START-Preisträger. Allerdings fällt da die Geschlechterverteilung wieder besonders extrem aus: Auf 52 Männer kamen bislang nur zwei Frauen. Das macht einen Frauenanteil von vier Prozent, der damit noch geringer ist als der Anteil bei den Professuren. Der betrug 2005 immerhin 13,7 Prozent, nimmt man alle Fachrichtungen zusammen.

Besonders auffallend ist auch der Widerspruch zu der heureka!-Auswahl der besten dreißig um die dreißig. Wie kann es sein, dass bei den Topleuten um die dreißig der Anteil der Frauen so viel höher ist als fünf Jahre später beim START-Preis? Sind diese fünf Jahre, in denen mittlerweile viele Frauen ihren Nachwuchs bekommen, jene "leaky pipeline", also undichte Röhre, die Frauenkarrieren verhindert? Und was wäre dagegen zu tun?

Ohne Unterbrechungen. Inge Schrattenecker und Beatrix Hausner, forschungspolitische Expertinnen der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik (ÖGUT), haben vor zwei Jahren vierzig Wissenschaftlerinnen für eine adäquatere forschungspolitische Programmplanung befragt. Das Ergebnis der im Auftrag der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) erstellten Studie: Viele Ausschreibungen gerade in Naturwissenschaft und Technik sind noch nicht auf die Karrierewege von Frauen mit Kindern zugeschnitten, sondern auf stromlinienförmige wissenschaftliche Lebensläufe ohne Unterbrechungen, sprich: auf Männer oder Frauen ohne Kinder. Mit Karenzpausen ist es schwer, sture Altersgrenzen einzuhalten oder entsprechende Publikationslisten abzuliefern. Das deckt sich auch mit den Erfahrungen einer der beiden START-Preisträgerinnen, der Rechtswissenschaftlerin Susanne Kalss, die mit dem gewonnenen Preisgeld über Corporate Law an der WU Wien forschte.

Der Topwissenschaftlerin, die demnächst zum dritten Mal Mutter wird, gelang es, "die neue berufliche Situation mit einer gewünschten, aber ebenso fordernden Familiensituation zu verbinden". Als Gründe dafür nennt sie Risikofreude sowie "hohes Vertrauen in mich selbst". Sie wollte einfach "in beiden Bereichen erfüllt sein" - etwas, was für viele Frauen aber "eine Barriere" darstelle.

Neue Modelle. Deshalb plädiert Kalss für mehr Toleranz bei Altersklauseln und Fristen, für Kinderbetreuungsgeld beim Forschungsbudget, Sondermittel und Kleinprojekte während der Karenz und generell: die stärkere gesellschaftliche Anerkennung aller Formen temporärer Teilzeit. Das schlägt sich auch in den Förderprogrammen nieder. Seit 2006 wird nun in der FWF-Nachwuchsförderung neben dem biologischen verstärkt auf das "akademische Alter" abgestellt, auch beim START-Preis: Kindererziehungszeiten werden angerechnet, und die tatsächliche akademische Erfahrung bei Spätberufenen oder Rückkehrern in die Wissenschaft berechnet.

Zusätzlich gibt es beim FWF auch eigene Frauenprogramme. Geleitet wird die Abteilung von Barbara Zimmermann, einer Archäologin. Herzstück ist das Hertha-Firnberg-Programm, das sich speziell an weibliche Postdocs bzw. hochqualifizierte Absolventinnen richtet und mit gut 160.000 Euro für drei Jahre dotiert ist. Ziel der Firnberg-Stellen ist es, die wissenschaftlichen Karrierechancen von Frauen an der Uni zu erhöhen - am Beginn oder beim Wiedereinstieg in die akademische Laufbahn.

Dies inkludiert ein permanentes Selbstmonitoring: Die Projektleiterinnen werden zu ihren Erfahrungen befragt und Vorschläge aufgegriffen - wie etwa bei der Anpassung der Habilitationsförderung für Frauen in nunmehr zwei Stufen mit Firnberg-Stellen für weibliche Postdocs und Elise-Richter-Stellen für Senior Postdocs. Zimmermann, die selbst "Firnbergerin" war, weiß: "Wenn Frauen keine fixe Anstellung bekommen, liegt das unserer Erfahrung nach an den Strukturen an der Universität."

Männliche Uni. Dort scheint sich tatsächlich auch nach Implementierung des UG 2002, der Autonomie und den Leistungsvereinbarungen nicht überall etwas verändert zu haben. An der größten Hochschule des Landes, der Universität Wien, wurden gemäß dem aktuellsten verfügbaren Tätigkeitsbericht im Jahr 2005 25 neue Professoren berufen. Zwei davon waren Frauen, was eine Quote von acht Prozent macht. Ein Rückschritt.3 Mitarbeit: Astrid Kuffner

Linktipps

She Figures 2006:

http://kif.nbi.dk/She_Figures_2006.pdf

www.fforte.at

FEMtech Expertinnen-Datenbank

www.femtech.at

FWF:

www.fwf.ac.at

Eine umfangreichere Linkliste finden Sie unter

heurekablog.at

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