Karrierekiller Kind?

Julia Harlfinger | aus HEUREKA 2/07 vom 09.05.2007

Die Jahre zwischen 25 und 35 sind entscheidend für die weitere wissenschaftliche Laufbahn und zugleich die beste Zeit zur Familienplanung. Erfahrungsberichte von Nachwuchsforschern mit Nachwuchs und ernüchternde Studienergebnisse.

Vertauschte Rollen. "Die meisten Frauen sind neidisch, wenn ich von meinem Mann erzähle", sagt Katrin Heinze. Die 33-jährige Physikerin vom Institut für Molekulare Pathologie (IMP) in Wien hat nämlich einen Partner, der nicht nur den Haushalt schmeißt, sondern vor allem auch die Betreuung des gemeinsamen Sohnes übernommen hat. Dafür hängte er seinen eigenen Job als Krankenpfleger vorübergehend an den Nagel.

Im Juni erwartet die Physikerin mit den bisherigen Karrierestationen Oldenburg, Göttingen, Dresden und Montreal ihr zweites Kind. "Ich hatte eigentlich keinen Nachwuchs geplant, weil ich damit meine Karriere hätte aufgeben müssen", sagt Heinze. Also vereinbarte das Paar, dass der Vater die Kinderarbeit übernehmen und auch die berufsbedingten Umzüge mitmachen würde. "Forschende Eltern sind daran gewöhnt, viele Hürden zu meistern, sind gut organisiert und flexibel", meint sie. "Außerdem ist deren Frustrationsschwelle ziemlich hoch."

Die Situation vieler ihrer Kolleginnen hält sie hingegen für schwieriger. "Das Hauptproblem von Wissenschaftlerinnen ist, dass sie einen Partner suchen, der mindestens die gleiche Qualifikation und Karrierevorstellung hat wie sie selbst. Das ist aber der Genickbruch", meint die Spezialistin für die Entwicklung optischer Methoden. "Für viele Forscherinnen mündet die Entscheidung für Kinder in die Frage:, Will ich die große Karriere, die kleine Karriere oder gar keine Karriere?' Das ist schade, weil so viel Potenzial vergeudet wird", sagt die Forscherin, die wenige Wochen nach der Geburt ihres Sohnes Bela im Februar 2006 wieder an ihren Arbeitsplatz im Labor zurückkehrte.

Immer auf Achse. Vor der Geburt ihrer Tochter im Sommer 2002 war es für Lilian Nehlin selbstverständlich, jobbedingt auf Achse zu sein. Geboren in Venezuela, aufgewachsen in Schweden, pendelte Nehlin als Postdoctoral Fellow noch während ihrer Schwangerschaft zwischen ihrem Partner (Göttingen) und ihrem Arbeitsplatz (Halle), musste jedoch letztendlich ein vielversprechendes Forschungsprojekt abbrechen.

Als ihr Mann Javier Martinez - Töchterchen Julia war gerade fünf Monate alt - für eine Postdoc-Stelle an die renommierte Rockefeller University in New York ging, blieb Nehlin mit Julia vor allem wegen der sozialen Absicherung in Europa. Um einander so oft wie möglich zu sehen, musste die junge Familie viele Stunden im Flugzeug verbringen. Nach eineinhalb Jahren erfolgte der gemeinsame Umzug nach Österreich. Heute arbeitet die promovierte Pflanzengenetikerin als technische Assistentin am Gregor-Mendel-Institut für Molekulare Pflanzenbiologie in Wien.

"Ein Baby verändert das ganze Leben", meint auch ihr Mann, "doch ich konnte mein Tempo beibehalten, weil Lilian zurücksteckte." Für ihn haben sich die Anstrengungen ausgezahlt: Er ist seit 2004 Junior-Gruppenleiter am Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA). Manchmal erinnern sie sich an die Zeit in Schweden: "Dort ist es dank finanzieller Unterstützung und optimaler Kinderbetreuung viel leichter, Familie und Karriere zu vereinbaren."

Die entscheidenden Jahre. Im Alter von 25 bis 35 Jahren arbeiten Nachwuchswissenschaftler in einem besonders konkurrenzorientierten System. Auslandsaufenthalte, arbeitsintensive Projekte und Kongresse stehen auf der Tagesordnung. Die Chancen, die den späteren Karriereverlauf nachhaltig beeinflussen, müssen genutzt werden. In dieser Zeit wird beruflich extrem viel verlangt, und es gibt keine unbefristeten Verträge.

Die berufliche und finanzielle Ungewissheit in der Qualifizierungsphase verunsichert viele; zusätzlich gelten Forscher mit Anhang als weniger produktiv und zuverlässig. "Viele Wissenschaftlerinnen bekommen erst nach der Habilitation Kinder, wenn eine große wissenschaftliche Hürde geschafft ist", weiß Karoline Iber vom Kinderbüro der Universität Wien.

Entsprechend sind nur rund die Hälfte aller Professorinnen der Uni Wien, laut einer Erhebung aus dem Jahr 2002, Mütter, doch etwa achtzig Prozent ihrer männlichen Kollegen haben Nachwuchs. Ein Zufall? Wohl kaum. Nicht nur Mütter, sondern auch kinderlose Wissenschaftlerinnen haben - aufgrund einer potenziellen Schwangerschaft - geringere Karrierechancen als Männer.

Aktive Eltern-bzw. Mutterschaft werden von Berufungskommissionen bei der Evaluation von Karriereverläufen nicht unbedingt berücksichtigt. Mehr Rollenmodelle, etwa "forschende Mütter in leitenden Positionen", wünscht sich deshalb Harald Isemann, geschäftsführender Direktor des IMP. Als konkrete Maßnahme bekommen Eltern, die hier als Doktoranden oder Postdoc forschen, 3500 Euro pro Jahr und Kind als Zuschuss.

Habilitation im Elternzimmer. Um Forschungsstätten eltern-bzw. kinderfreundlicher zu machen, fordert Karoline Iber vom Kinderbüro (Uni Wien) ein Kinderbetreuungsnetz: "Wenn Wissenschaftler Eltern werden wollen, soll der Beruf dem Wunsch nicht in die Quere kommen." Doch vor allem die Angebote zur Betreuung von Säuglingen und Kleinstkindern sei in ganz Österreich lückenhaft.

Studierende und Angehörige der Uni Wien können deswegen im "Kinderzimmer" auch sehr kleine Sprösslinge (Durchschnittsalter: 16 Monate) betreuen lassen. Und dies möglichst flexibel: So wird es beispielsweise stillenden Müttern ermöglicht, Lehrveranstaltungen abzuhalten, indem sie ihr Baby für die Dauer der Vorlesung vorbeibringen können. Neben dem Kinderzimmer liegt das Elternzimmer. Hier sind an den Computerplätzen schon Dissertationen und sogar eine Habilitationsschrift entstanden, während die lieben Kleinen umsorgt wurden.

Ähnliche Angebote bestehen an anderen Hochschulen. An der Uni Graz gibt es neben Unikindergarten und Kinderkrippe auch Sommerbetreuung, Vermittlung von Tagesmüttern und Babysittern sowie die Elternplattform parent2parent. Auch an der TU Wien soll es ab Herbst 2007, nach Jahren der Verzögerung, endlich den heißersehnten und immer wieder verschobenen Betriebskindergarten geben.

Selbst wenn Karoline Iber immer mehr aktive Väter ortet: Bislang ist die Kinderkarenz in den allermeisten Fällen Frauensache. Für Männer aus Naturwissenschaft und Technik bedeute die Kinderkarenz mitunter sogar Status- und Prestigeverlust, analysiert die Wiener Sozialwissenschaftlerin Susanne Schelepa von L&R Sozialforschung, die mit Kollegen im Auftrag der Forschungsförderungsgesellschaft gerade eine österreichweite Studie über Karrieretypen im naturwissenschaftlich-technischen Arbeitsfeld durchführte.

Ein weiteres Ergebnis ihrer Untersuchung, die im Juni erscheint: "Wenn die Männer doch in Karenz gehen, dann verfügen sie viel häufiger über ein Zusatzeinkommen als Frauen", so Schelepa, "denn es gelingt ihnen wesentlich besser, Kontakt zur Arbeitswelt zu halten."

Teilzeit als Karrierehemmer. Umgekehrt sei es keine Seltenheit, dass Forscherinnen ihren Verdienst zu großen Anteilen in die Bezahlung von Kindermädchen und Haushaltshilfe stecken. Und selbst in Partnerschaften, bei denen sich Mütter und Väter die anstehenden Aufgaben teilen, liege die tatsächliche Verantwortlichkeit für die Familie zumeist bei den Frauen: Sie backen die Torte für den Kindergeburtstag, prüfen Vokabeln, sorgen dafür, dass die Sprösslinge rechtzeitig zum Musikunterricht kommen, oder entwickeln Notfallprogramme, falls ein Kind krank wird.

Aber noch eine andere Erkenntnis über die bislang sehr lückenhaft erforschten Karriereverläufe von hochqualifizierten Frauen und Männern sind aufschlussreich: So wählen Naturwissenschaftlerinnen und Technikerinnen, die nach der Karenz wieder ins Berufsleben einsteigen, oftmals die Elternteilzeit. Dies wird allerdings nicht überall gerne gesehen, so Susanne Schelepa: "Interviewpartnerinnen haben berichtet, dass sie in der Teilzeit keine Projektleitung oder andere Führungstätigkeiten mehr bekommen."

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