Früh übt sich

Sabina Auckenthaler | aus HEUREKA 2/07 vom 09.05.2007

Begeisterung für Wissenschaft schon bei Kindern wecken: Spitzenforschungseinrichtungen in Israel und Singapur zeigen vor, wie es geht. Im deutschsprachigen Raum boomen die Kinderunis. Wie aber erreicht man bildungsferne Schichten?

Gewinn für die Wissenschaft. Mathematik-Clubs am Nachmittag, Physik- und Computerolympiaden, Schulstunden mit Wissenschaftlern am Institutsgelände, mobile "Science-Labs", die auch in die abgelegensten Schulen Israels fahren und Forschergeist in Schulklassen bringen: Das Weizmann-Institut in der israelischen Stadt Rehovot nahe Tel Aviv - erklärtes Vorbild für das Institute for Science and Technology Austria (ISTA) - gehört nicht nur in puncto naturwissenschaftlich-technischer Grundlagenforschung zur Weltspitze. Auch seine Angebote für Kinder und Jugendliche sind ziemlich einmalig.

Der israelische Physiker Haim Harari, ehemaliger Präsident des Weizmann-Instituts und Leiter des Komitees für die Konzeptentwicklung des ISTA, versteht die breite Angebotspalette für Kinder und Jugendliche schlicht als Dienst an der Gesellschaft: "Wir werden durch die öffentliche Hand und von privaten Geldgebern finanziert. Es ist daher unsere Aufgabe, der Gesellschaft etwas zurückzugeben."

Ein zweites Motiv sei dann von "einer eigennützigeren Natur", wie es Harari formuliert: "Wir haben auch spezielle Angebote für besonders talentierte Kinder." Die gelte es für die Wissenschaft zu gewinnen. Dass das funktioniert, beweisen einige Professoren zwischen 45 und 55 Jahren, die heute am Weizmann-Institut forschen und als 15-Jährige an den Förderprogrammen teilgenommen und sich daraufhin für eine wissenschaftliche Laufbahn entschieden hätten. Die Tradition der Nachwuchsförderung geht nämlich zurück bis 1963. Harari, damals ein 22-jähriger Student, engagierte sich von Anfang an: "Ich war sofort überzeugt, dass das ein guter Weg ist."

Förderung mit System. Auch im neuen Vorzeigeforschungszentrum Biopolis in Singapur wird die Förderung der Kleinen mit System betrieben: So startete etwa das neugegründete Institut für Bioengineering und Nanotechnologie (IBN) im Oktober 2003 ein eigenes Youth Research Program (YRP). Kinder und Jugendliche sollen die aktuelle Biotechnologieforschung aus erster Hand und vor Ort kennen lernen: 13.250 Schüler und Lehrer von insgesamt 169 Schulen im südostasiatischen Stadtstaat, der ganz auf Wissenschaft setzt, haben bisher die YRP-Angebote bereits genützt - vom Tag der offenen Tür über Workshops bis zu Karrieremessen.

Wer nicht genug von der Laborluft kriegt, kann in den Ferien einen Monat lang gemeinsam mit einem wissenschaftlichen Betreuer forschen und experimentieren. Das programmatisches Ziel ist, Kinder Wissenschaft hautnah erleben zu lassen, abseits von stereotypen Bildern wie jenes des verrückten Professors oder des Genies mit zerzaustem Haar à la Einstein. Auch für Lehrer werden derartige Forschungsaufenthalte angeboten. Denn nur durch die laufende Fortbildung könne ein angemessenes Niveau in den Schulen erreicht werden, ist man am IBN überzeugt.

Tübinger Exportschlager. Auch der deutschsprachige Raum hat ein Erfolgsmodell hervorgebracht: Im Mai 2002 riefen die Lokaljournalisten Ulla Steuernagel und Ulrich Janßen im Schwäbischen Tagblatt Kinder im Alter von 8 bis 14 auf, die Hörsäle der Uni Tübingen zu stürmen. "Echte Professoren" der Universität würden "exklusiv für Kinder" Vorlesungen halten. Siebzig Kinderunis in Deutschland, eine Handvoll in Österreich, Ableger in der Schweiz, Italien, Großbritannien und anderen Ländern gibt es mittlerweile, dazu viel Lob und Anerkennung.

Neben dem deutschen Wissenschaftskommunikationspreis "PR-Fuchs" erhielt die Tübinger Kinderuni 2005 den Descartes-Preis für Wissenschaftskommunikation der EU. Auch die drei Kinderuni-Bücher von Ulrich Janßen und Ulla Steuernagel mit Übersetzungen in 13 Sprachen erfreuen sich großer Beliebtheit: Rund 400.000 Exemplare wurden mittlerweile verkauft.

Eine rundum gelungene Sache? Bereits vor einigen Jahren monierte der Schweizer Erziehungswissenschaftler Peter Tremp in einem Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung, dass die Kinderunis hauptsächlich Frontalunterricht praktizierten und der Professor als eine Art Popstar inszeniert würde.

Ein weiterer Schwachpunkt wurde auch von vielen Kinderunimachern bald erkannt: Es sind die Eltern, die entscheiden, ob der Spross an der Veranstaltung teilnimmt. Ergo würden Kinder aus bildungsfernen Schichten oder mit Migrationshintergrund über die Angebote kaum erreicht, sagt Karoline Iber, Geschäftsführerin des Kinderbüros Wien, das die Kinderuni Wien organisiert.

Parkexperimente. Im kommenden Sommer soll daher Wissenschaft direkt zu den Kindern in die Parks gebracht werden, so will man Hemmschwellen gegenüber dem Forschungsbetrieb überwinden. "Der Park ist für viele Kinder im Sommer ein Lebensort. Dort wird gespielt und gelacht - warum nicht auch einmal geforscht und experimentiert?", fragt Iber.

Aber auch andere Kinderunis sind experimentierfreudig. An der Uni Göttingen können Kinder im Juli 2007 mit KIK - Kinder informieren Kinder - bereits zum dritten Mal ausprobieren, wie es sich anfühlt, eine (Mini-)Vorlesung vor Hunderten von Gleichaltrigen zu halten. Unterstützung erhalten die kleinen Dozenten von Lehramtsstudierenden. "Das Umfeld Uni, der Hörsaal, die anwesende Presse: Da ist der Ansporn schon gleich ein anderer als bei einem gewöhnlichen Schulreferat", erzählt Peter Brammer, Projektleiter der Kinderuni Göttingen.

Bereits 2001 entwickelte die Universität Innsbruck anlässlich des zehnjährigen Jubiläums des Ötzi-Fundes die "Junge Uni Innsbruck" für Kinder und Jugendliche von 6 bis 18 Jahren. Im Gegensatz zu den meisten Kinderunis, wo nur Professoren Vorlesungen halten, waren in Innsbruck von Anfang an auch Studenten eingebunden. Und: man setzt auf Interaktivität. In Workshops können Kinder selber forschen. Im kommenden Sommer werden sie etwa bei Ausgrabungen in Ampass bei Innsbruck dabei sein.

"Medial vermitteln lässt sich natürlich besser die Vorlesung eines bekannten Professors vor 500 Kindern", weiß Projektleiterin Silvia Prock. Ein bisschen ärgere es sie schon, dass die ganze Aufmerksamkeit den Tübingern zufiel, obwohl die "Junge Uni Innsbruck" bereits im Jahr davor startete. "Vom didaktischen Standpunkt aus gesehen sind interaktive Workshops jedenfalls weitaus sinnvoller", betont die Pädagogin. In diesem Sommer neu an der Uni Innsbruck ist das Programm "Youth into science", eine Projektwoche im Ötztal, wo Jugendliche gemeinsam mit Wissenschaftlern die Auswirkungen des Klimawandels auf alpine Ökosysteme erforschen.

Rekrutierung mit Laster. Ebenfalls über ein Jubiläum - ihrem 150-jährigen Bestehen - kam man an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) auf die Idee, sich vermehrt an die ganz Jungen zu wenden. Im Jahr 2005 fuhren ETH-Forscher mit einem "Science-Truck" durch die Schweiz und präsentierten ihre Arbeit an den Schulen. Und weil das gut ankam, behielt man die Idee auch nach dem Jubiläumsjahr bei.

Ob diese mobile Art der Nachwuchsrekrutierung fruchtet, wird sich in einigen Jahren zeigen. "Wir merken aber schon jetzt, dass das Interesse für andere Aktivitäten an unserer Hochschule gewachsen ist", sagt Projektleiterin Gabi Kläy. Zu den ETH-Infotagen nach Zürich kämen nun vermehrt auch Klassen aus weiter entfernten Teilen der Schweiz, wenn sie mit dem Truck dort unterwegs waren. Olaf Kübler, langjähriger Präsident der ETH und nunmehr der für Forschung zuständige Vizepräsident, gehört übrigens wie Haim Harari zum "International Committee" des ISTA.

Dürfen sich die Österreicher also von ihrem Exzellenzinstitut in spe eine Öffnung in Richtung Kinder und Jugendliche erwarten? "Die primäre Aufgabe des ISTA wird die Grundlagenforschung sein", sagt Haim Harari. Ob sich dann auch eine Einbeziehung des Nachwuchses entwickelt, hänge von den dort tätigen Wissenschaftlern ab. Von außen aufzwingen könne man so etwas aber nicht. In spätestens dreißig Jahren werden wir mehr wissen.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige