"An Bäumen riechen"

aus HEUREKA 2/07 vom 09.05.2007

Thomas Brezina (44) wird - vor allem im akademischen Milieu - wenig geschätzt: Seine Kinderbücher seien seicht und oberflächlich, stereotyphaltige Fließbandarbeit. Seine Zielgruppe erreicht er jedenfalls: Brezinas über 450 Bücher wurden bereits in 35 Sprachen übersetzt, seine TV-Sendungen garantieren gute Einschaltquoten. Als Spitzenwert erreichte der "Forscherexpress" im ORFrund 80.000 Kinder. Im Vergleich: An der Kinderuni Wien im Sommer 2006 nahmen insgesamt 3459 Kinder teil.

heureka!: Sie haben keine pädagogische oder wissenschaftliche Ausbildung. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Thomas Brezina: Kinder sind weniger erfahren als Erwachsene, aber nicht dümmer. Ich will sie nicht belehren oder formen, sondern ihnen etwas anbieten. Mein Erfolg liegt aber vor allem darin, die Welt durch die Augen von Kindern zu sehen.

Nämlich wie?

Sie sind wahnsinnig neugierig. Das Schlimmste ist, wenn diese Neugier von Erwachsenen gekillt wird. Die beste Förderung ist, wenn wir den Kindern viele verschiedene Eindrücke ermöglichen: fremdländische Speisen und Schriftzeichen, mit den Händen tief in der Erde wühlen, Blumen anpflanzen, an den Bäumen riechen oder Käfer beobachten. Wenn sie dann begreifen, dass da viel zusammenhängt und man das nicht zerstören darf, ist das optimal. Dass ein Kind mit fünf Jahren fließend Englisch spricht, ist nicht so wichtig. Wenn es sich ergibt, weil die Eltern zweisprachig sind - super! Wenn nicht, dann eben nicht.

Wie sind Sie selbst aufgewachsen?

Meine Mutter, eine Musikpädagogin, war die künstlerische Seite, mein Vater, ein Radiologe, die naturwissenschaftliche. Sie haben mich immer ermutigt, mich auszudrücken, Dinge auszuprobieren, zu zeichnen, Musik zu machen oder im Garten etwas anzupflanzen. Sie haben mich aber nie zu etwas gedrängt.

Haben Sie als Kind Wissenschaftssendungen oder-bücher konsumiert?

Ich habe die "Sendung mit der Maus" geliebt, aber nur die dokumentarischen Beiträge. Die Zeichentrickfilme dazwischen habe ich elendslangweilig gefunden. Die Experimente-Bücher der Reihe "Spiel, das Wissen schafft" habe ich mir mindestens zehnmal aus der Bibliothek ausgeliehen.

Wer legt die Themen im "Forscherexpress" fest?

Die Ideen kommen von mir. Ob sie sich darstellen lassen, probieren wir im Team. Das ausformulierte Thema geht dann an unsere wissenschaftlichen Berater: Zoologen, Botaniker, Kunsthistoriker usw. Wir diskutieren dann so lange, bis beide Seiten zufrieden sind. Alles, was wir zeigen, ist wissenschaftlich korrekt. Da fährt die Eisenbahn drüber!

Wann spricht ein Thema Kinder an?

Die Kinder müssen es im Alltag verwenden oder beobachten können. Wir verwenden auch keine Einheiten wie Quadratkilometer, sondern wir vergleichen: Etwas ist so groß wie vier Fußballplätze, so schwer wie fünf Elefanten usw. Wir beginnen meist mit einer spannenden Frage, zum Beispiel: Wie kann ein kleines, dünnes Mädchen einen unglaublich schweren Mann heben? So kommen wir zum Hebelgesetz. Dann zeigen wir praktische Anwendungen, etwa das Heben eines Schrankes. Als Schlussgag hebt dann ein kleines Mädchen mithilfe einer riesigen Wippe einen schweren Mann.

Macht es einen Unterschied, ob Sie einen Beitrag für Mädchen oder für Burschen machen?

Ja, natürlich. Es gibt Themen, die stärker Burschen ansprechen, und andere, bei denen ich weiß: Das ist jetzt für Mädchen. Ich weiß, man darf es eigentlich nicht aussprechen: aber Männer und Frauen sind unterschiedlich. Ich verstehe nicht, warum man sich darüber hinweglügen sollte.

Und was sind Themen für Mädchen?

Sie interessieren sich sehr für Tiere. Auch für historische Sachen, wenn sie einen sozialen Aspekt haben. Bei den Wikingern wollen sie wissen, wie sie zusammengelebt haben. Die meisten Buben interessieren sich für ihre Schiffe und dafür, wie sie gekämpft haben.

Wenn Sie eine Tochter hätten: Würden Sie sie in Richtung Technik lenken?

Ich würde sie dort fördern, wo sie ihre Interessen hat. Ich halte dieses Krampfhafte nicht für zielführend.

Sie werden in Österreich oft kritisiert. Warum?

Teilweise ist es einfach Neid. Viele meiner Kritiker haben gar nichts von mir gelesen. Andererseits sind viele auch stolz darauf, dass ein Österreicher es geschafft hat, in der ganzen Welt Kinder zu erreichen und zu begeistern. S. A.

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