Lasst sie arbeiten!

Stefan Löffler | aus HEUREKA 3/07 vom 03.10.2007

In Österreich gehen die Menschen zu früh in Pension, darin sind sich die Demografen und Arbeitsmarktforscher einig. Die jüngere Generation muss nun dafür geradestehen.

Schweden hackeln. Nicht nur in der Bildungs- und Gleichstellungspolitik gilt Skandinavien als Vorbild. Auch wer Konzepte sucht, um die Erwerbsbeteiligung der über Fünfzigjähren zu steigern, orientiert sich gerne am Norden. Die Wiener Arbeitsmarktforscherin Karin Steiner war auf einer Schwedenreise beeindruckt, wie viele grauhaarige Menschen ihr in Büros und Ämtern begegneten. Schweden gehen im Durchschnitt fünf Jahre später in Ruhestand als Österreicher. Der Anteil der 55-bis 64-Jährigen, die arbeiten, ist dort fast doppelt so hoch wie hierzulande.

Als das Wirtschaftswachstum in den Siebzigerjahren abflachte und in Mittel- und Nordeuropa die Arbeitslosenraten nach oben schossen, wurde fast überall die vorzeitige Pensionierung eingeführt oder erleichtert. Den geburtenstarken Jahrgängen den Jobeintritt zu erleichtern, hatte damals Priorität.

Inzwischen ist freilich klargeworden: Wer mit 55 statt 65 in Pension geht, zahlt nicht nur zehn Jahre weniger ein, sondern ist auch zehn Jahre länger zu versorgen. Dazu kommen die steigende Lebenserwartung und der Rückgang der Geburtenzahlen. Bis 2050 erwartet die EU einen Rückgang des Anteils der zwischen 15- und 64-Jährigen an der Bevölkerung um immerhin ein Sechstel, von 67 auf 56 Prozent. Ein wichtiges, aber noch zu wenig verbreitetes Argument für eine höhere Erwerbsbeteiligung der Älteren lautet: die jüngere Generation zu entlasten, der die Zeit und das Einkommen fehlt, um so viele Kinder zu kriegen, wie sie sich wünscht.

Active Aging. Fürs Erste hat sich die EU das wenig ehrgeizige Ziel gesetzt, dass bis 2010 wieder die Hälfte der 55-bis 64-Jährigen erwerbstätig sein sollen. "Active Aging" heißt das im EU-Sprech. Auch wenn die OECD Österreich erst kürzlich für die zu geringe Erwerbsbeteiligung der Älteren gerügt hat, ist die Politik nicht untätig geblieben. Mit ein bis zwei Jahren Verspätung wird die 50-Prozent-Quote auch hier geschafft werden.

Ein Hindernis ist dabei das hierzulande verbreitete Senioritätsprinzip bei Löhnen und Gehältern. Wenn ältere Mitarbeiter immer teurer werden, ersetzt man sie schon deshalb gerne durch preiswertere Jüngere. Eine weitere Hypothek ist, dass der gleitende Übergang vom Berufsleben in den Ruhestand durch Altersteilzeit in Österreich durch Konstruktionsmängel floppte.

Die meisten Arbeitgeber stellen sich ihre Mitarbeiter immer noch vor als: männlich, Inländer, zwischen 30 und 45 Jahre alt und jederzeit zu zehn Überstunden die Woche bereit. Doch der Fachkräftemangel, der sich in den nächsten Jahren noch verschärfenmwird, zwingt die Unternehmen zum Umdenken. Schließlich hat Österreich die vierzig kollektiv überschritten. Nicht nur die Gesamtbevölkerung steht durchschnittlich im fünften Lebensjahrzehnt, seit kurzem gilt das auch für die Beschäftigten. Für die Anpassungen, die eine alternde Belegschaft erfordert, werden den Unternehmen neuerdings geförderte Beratungsangebote wie "Roomy Company" angeboten.

Alte ohne Arbeit. Am schwierigsten ist es aber, für Menschen über fünfzig wieder eine Anstellung zu finden, wenn sie ihren Job verlieren. Sowohl der Arbeitsmarktservice als auch das Sozialministerium haben sich mit Studien und Konzepten bewaffnet. Erst vorige Woche organisierte Karin Steiner in Wien eine Tagung zur Frage, wie mehr ältere Menschen in Arbeit zu bringen wären.

Experten raten dazu, die Lohnnebenkosten für ältere Mitarbeiter zu verringern und bei Neuanstellungen ihren Kündigungsschutz zu lockern. Umschulungen und Weiterbildungen gehen meistens an den Bedürfnissen und Voraussetzungen Älterer vorbei. Auf Dauer werden Beschäftigungsprogramme für über Fünfzigjährige nicht reichen. Schon weil die Lebenserwartung Jahr für Jahr um nahezu drei Monate steigt, führt auf die Dauer kein Weg daran vorbei, das Pensionsalter kontinuierlich nach oben anzupassen, so Steiner. Die 35-jährige Arbeitsmarktforscherin rechnet jedenfalls damit, selbst mindestens bis zu ihrem Siebzigsten hackeln zu müssen.

Der Gesundheit abträglich ist längeres Arbeiten übrigens nicht: Wo das durchschnittliche Ruhestandsalter am höchsten ist - wie in Japan, Norwegen, Schweden oder der Schweiz -, dort ist auch die Lebenserwartung der Menschen am höchsten.

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