Angriff auf alte Arbeiter

aus HEUREKA 3/07 vom 03.10.2007

Alle über Vierzigjährigen sind "vergleichsweise nutzlos", alle über Sechzigjährigen "vollständig entbehrbar", befand der kanadische Mediziner William Osler und regte einen "friedlichen Abgang durch Chloroform" an. Osler war kein durchgeknallter Dr. Mabuse, sondern einer der weltweit renommiertesten Mediziner um 1900. In der Hochzeit der Eugenik wurden auch Euthanasiekonzepte ganz ungezwungen diskutiert. Diese richteten sich nicht nur gegen Behinderte und "Andersrassige", sondern auch ganz vehement gegen Alte.

Oslers Aussagen stehen beispielhaft dafür, dass die Verdrängung älterer Menschen aus dem Arbeitsmarkt kein Phänomen der jüngeren Gegenwart ist. Wir klagen über zu viele Frühpensionierungen und kaum mehr zu vermittelnde fünfzigjährige Arbeitssuchende. Der Trend der Altersdiskriminierung lässt sich aber mindestens bis ins späte 19. Jahrhundert zurückverfolgen. Der Druck auf Ältere sei damals sogar ungleich höher und brutaler gewesen als heute, sagt der Wiener Sozialhistoriker Hermann Zeitlhofer. "Labor, Aging, and the Elderly: Historical Variations and Trends" heißt sein Projekt im Rahmen des Forschungsschwerpunktes "Ethische und gesellschaftliche Perspektiven des Alterns" der Universität Wien.

Zeitlhofer versucht in mühevoller Quellenkleinarbeit etwa die Altersstruktur von Belegschaften von Firmen in Mitteleuropa zu rekonstruieren. Im Bergbau und in der Textilindustrie betrug der Anteil der über Fünfzigjährigen häufig nicht mehr als zwei Prozent. Neben den nackten Zahlen finden sich in den Quellen auch Berichte, dass betagte Hackler zu verbergen suchten, dass sie eine Brille benötigten. Ältere Arbeitnehmer wurden nicht deshalb diskriminiert, weil sie teuer gewesen wären. Ihre Löhne waren im Vergleich zu den Jüngeren sogar niedriger - also ganz anders als heute.

Im gleichen Maße, wie im Zeichen der Industrialisierung die Arbeit als Lebenszweck des Menschen verherrlicht worden sei, seiauch so etwas wie ein "Jugendkult" entstanden, sagt Zeitlhofer. Arbeit und Alter wurden zu Gegensätzen.

Was aber taten die Grauschöpfe, die aufgrund der steigenden Lebenserwartung zahlreicher und so vehement aus der Lohnarbeit gedrängt wurden? Viele hatten keine andere Wahl, als sich "selbstständig" zu machen. In der Gruppe der Selbstständigen waren 20 bis 25 Prozent über sechzig Jahre alt. Dazu zählen Handwerksmeister, aber auch sehr viele, die marginale Tätigkeiten kombinierten - gleichsam die "Scheinselbstständigen" von gestern. Die nicht gerade beliebte Tätigkeit des Totengräbers etwa übten unverhältnismäßig viele Männer über siebzig aus.

In der Frühen Neuzeit hackelte jeder so lange, wie es ging. Erst im 19. Jahrhundert wurden Lohnarbeit und unbezahlte Arbeit streng getrennt. Damals entstand allmählich - quasi als andere Seite der Medaille - die Idee von Freizeit. Und erst kurz vor 1900 wurde erstmals eine formale Altersgrenze (zunächst 70, später 65) und der Zwang zur Pensionierung festgesetzt.

Freilich: an der wirtschaftlich prekären Situation vieler alter Menschen (s. auch S. 15) änderte die Einführung der Rentenversicherung erstmal nur wenig.

Diese wurde in Deutschland bereits 1889 eingeführt, in Österreich für Arbeiter erst 1938 durch die Nazis. (Beamtenpensionen gab es schon seit Joseph II., für gehobene Angestellte seit 1906.) Nur die allerwenigsten konnten von der Rente alleine leben, die vom Gesetzgeber nur als Ergänzung gedacht war. So mussten sich die armen Alten häufig als Tagelöhner verdingen oder auf ein Gratiswohnrecht hoffen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Pension dann wirklich zu einem Ruhestand. Für das 21. Jahrhundert ist auch das nicht in Stein gemeißelt.

William Osler hatte übrigens bis zu seinem Tode im Alter von siebzig Jahren einen Lehrstuhl in Oxford inne. O.H.

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