"Schrumpfen erwünscht"

aus HEUREKA 3/07 vom 03.10.2007

Politik und Pensionskassen haben die Bevölkerungs- und Altersentwicklung völlig falsch eingeschätzt, nicht nur hierzulande. Ein Gespräch mit dem international angesehenen und tätigen Demografen Wolfgang Lutz. Interview: Stefan Löffler

heureka!: In Europa, Nordamerika und Ostasien altert die Bevölkerung. Ist das eigentlich ein historisch neues Phänomen?

Wolfgang Lutz: Insofern ja, als die Bevölkerung noch nie so schnell gealtert ist. Die Geburtenraten waren in Mitteleuropa aber schon vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zur Weltwirtschaftskrise so niedrig wie heute. Damals wurde viel spekuliert, ob es eine Folge der schlechten Wirtschaftslage war oder ein permanenter Zustand wird. Die ersten Befürchtungen einer Bevölkerungsschrumpfung standen damals unter nationalistischen Zeichen. Die Franzosen machten sich Sorgen, dass sie weniger Soldaten haben werden als die Deutschen. Das war am Ende des sogenannten demografischen Übergangs, der in allen Ländern der Welt früher oder später abläuft.

Was ist mit diesem Übergang gemeint?

Zunächst sinken die Sterberaten durch höheren Lebensstandard und bessere medizinische Versorgung. Nach einiger Zeit merken die Familien, dass mehr Kinder überleben, und kriegen weniger. In Europa spielte sich das bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts ab. Viele Entwicklungsländer vor allem in Afrika sind noch mitten in diesem Prozess.

Was halten Sie davon, dass die Österreicher derzeit im Durchschnitt mit 59 ihre Pension antreten?

Frauen sogar noch ein paar Jahre früher. Sozialpolitiker argumentieren oft mit der Lebenserwartung bei der Geburt. Es kommt aber auf die Lebenserwartung bei Pensionsantritt an. Und eine Österreicherin, die mit 57 in Pension geht, hat im Durchschnitt noch weit über dreißig Jahre vor sich, wenn man die zukünftige Verbesserung in der Lebenserwartung abschätzt.

Seit wann gibt es denn diese letzte Lebensphase des Ruhestands?

Das ist eine relativ junge Errungenschaft. Früher haben fast alle Menschen gearbeitet, bis sie gestorben sind. Als Bismarck 1889 in Deutschland die Rentenversicherung einführte, lebten die Leute, wenn sie überhaupt das Rentenalter erreichten, im Durchschnitt noch zwei, drei Jahre. Die Demografen sind bei ihren Prognosen bis in die Siebzigerjahre davon ausgegangen, dass die Lebenserwartung nur bis etwa 76 Jahre steigen und sich dann stabilisieren würde.

Tatsächlich steigt sie aber derzeit pro Jahrzehnt um zwei bis drei Jahre an, während das Pensionsalter seit Jahrzehnten unangetastet bleibt.

Faktisch ist das Pensionsalter sogar gesunken. Als wir 1981 vor den Folgen des demografischen Wandels für die Pensionskassen gewarnt haben, erhielten wir wütende Anrufe. Gewerkschafter haben uns beschimpft, wie wir die Leute so verunsichern können. Damals hätte man den Übergang schonend gestalten können, aber weder die Politik noch die Pensionskassen sahen dafür eine Notwendigkeit.

Warum eigentlich nicht?

Die Kassen operieren mit einem Horizont von zwanzig, fünfundzwanzig Jahren. Und damals begannen die geburtenstärksten Jahrgänge erst ins Erwerbsleben einzutreten. Inzwischen sehen die Kassen, was auf sie zukommt, denn ab etwa 2020 werden diese Jahrgänge in den Ruhestand gehen. Die Politik tut sich heute noch schwerer, denn Ruheständler und diejenigen, die weniger als zehn Jahre davon entfernt sind, machen mittlerweile die Hälfte der Wählerschaft aus.

Wer heute unter fünfzig ist, würde wahrscheinlich mit eigenen Rücklagen fürs Alter besser fahren als mit dem Umlagesystem.

Aber die Rücklagen haben das Risiko, dass eine Weltwirtschaftskrise alle Ersparnisse vernichten könnte. Das Umlagesystem hat den Vorteil, dass es immer Leute geben wird, die arbeiten.

Sie forschen auch in und über Ostasien. Haben diese Länder ähnliche Probleme mit dem demografischen Wandel?

Die sind sogar noch gravierender. Ich komme gerade aus Südkorea zurück. Dort ist die Zahl der Geburten seit 1970 von fünf Kindern pro Frau auf 1,08 Kinder gesunken. Damit altert dort die Gesellschaft noch viel schneller.

Wie reagieren die Koreaner?

Zutiefst verunsichert. Einwanderung wird von der Gesellschaft nicht goutiert. Es kann nur durch längeres Arbeiten gehen.

Was in Japan bereits üblich ist.

Die Japaner haben auch ein gesetzliches Pensionsalter, aber danach kehren sie häufig zu ihrer alten Firma zurück und arbeiten dort für weniger Gehalt als vorher weiter, was vor dem Ruhestand wegen des Senioritätsprinzips nicht ging. Auch in Österreich gibt es sicher viele, die sich ihre Pension gerne aufbessern würden, aber es gelten strenge Grenzen, bis wann wie viel dazuverdient werden darf. An mehr Flexibilität führt kein Weg vorbei. In den Firmen war die Bereitschaft bisher nicht groß, Ältere zu behalten oder einzustellen. Doch das ändert sich durch den Fachkräftemangel gerade.

Hört man in Asien eher auf die Demografen?

In China waren es demografische Analysen, die zur 1-Kind-Politik geführt haben. Nach dem Rückgang der Geburtenrate stellt sich häufig ein demografischer Bonus ein: Für einige Jahrzehnte gibt es einen hohen Anteil der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter, aber weniger Kinder und noch nicht so viele Alte. In diesem Zeitraum erreicht ein Land ein besonders starkes Wirtschaftswachstum. Die 1-Kind-Politik hat ihren Zweck voll erreicht: Chinas Geburtenrate schätzen wir heute auf 1,5 Kinder. Die Bevölkerung wird noch zehn bis fünfzehn Jahre wachsen und von da an sinken.

Wie geht es der Demografie im deutschsprachigen Raum?

Als ich mich für das Fach entschied, musste ich in die USA gehen. Seit einigen Jahren gibt es in Deutschland ein Max-Planck-Institut für Bevölkerungsforschung, und beide Direktoren sind US-Amerikaner. Die Expertise muss von außen geholt werden, weil die deutschen Fachvertreter durch ihre Naziverstrickungen kompromittiert waren.

Laut dem Historiker Thomas Etzemüller haben die deutschen Demografen in den Zwanziger- und Dreißigerjahren nicht anders argumentiert als ihre Kollegen in Frankreich oder Großbritannien.

Ein Großteil der Bevölkerungswissenschaft ist damals auf der Welle der Eugenik geschwommen. Während die deutschen Demografen nicht ungeschoren durch die Entnazifizierung kamen, haben die - oftmals aber auch weniger extremen - Eugeniker in den Siegermächten nach dem Krieg die Kurve gekratzt und sind wieder seriöse Wissenschaftler geworden.

Was halten Sie von Schlagzeilen wie "Die Europäer sterben aus"?

Aus nationalistischer Perspektive mag die niedrige Geburtenrate ein Problem sein, wenn das eigene Volk schrumpft und das Nachbarvolk wächst. Aber innerhalb der EU ist diese Sicht nicht mehr zeitgemäß. Ich finde, dass die Geburtenrate nicht das Bestandserhaltungsniveau von zwei haben muss, sondern besser bei 1,7 oder 1,8 liegt wie in Großbritannien oder den skandinavischen Staaten. Dann kann man mehr in die Bildung der zukünftigen Generation investieren. Auch ökologisch ist ein langsames Schrumpfen erwünscht. Ein explosionsartiges Wachsen, wie es in vielen afrikanischen Staaten noch der Fall ist, oder ein implosionsartiges Schrumpfen, wie es sich in Osteuropa abzeichnet, bringt sicher Nachteile mit sich.

Österreich liegt mit 1,4 Geburten pro Frau näher bei der osteuropäischen Quote als den von Ihnen genannten nordischen Vorbildern.

Dieser Wert ist aber durch einen Tempoeffekt verzerrt: Wenn, wie derzeit, das mittlere Gebäralter ansteigt, weil die Frauen das Kinderkriegen hinausschieben, wird die durchschnittliche Kinderzahl etwas unterschätzt. Die Skandinavier stehen heute besser da, weil dort während des Wirtschaftswachstums der Sechzigerjahre auf den Arbeitskräftemangel anders reagiert wurde: Dort wurden die Frauen auf den Arbeitsmarkt geholt, während bei uns in Mitteleuropa noch ein konservatives Familienbild vorherrschte und wir lieber die Gastarbeiter geholt haben. Heute tun wir uns sowohl mit den ehemaligen Gastarbeitern schwer als auch mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die in den nordischen Ländern eine viel längere Tradition hat.

Haben die Skandinavier auf ihre Demografen gehört?

Nein. Weil die Frauen besser ausgebildet waren, war das Rollenbild der Frau in Skandinavien eben schon moderner. Um noch einmal auf das Pensionsalter zurückzukommen: Das niedrigere Pensionsantrittsalter von Frauen, das in Österreich absurderweise sogar in der Verfassung festgeschrieben ist, wird gerne als Ausgleich hingestellt, um die Benachteiligungen der Frauen zu kompensieren. Eine eigenartige Methode: Statt gegen die Benachteiligungen der Frauen beim Gehalt oder der Vereinbarung von Beruf und Familie vorzugehen, schickt man sie, nachdem sie diese Mühen hinter sich gebracht haben, früher in Pension. Das frühere Pensionsalter der Frauen ist kein erhaltenswertes Recht, sondern die Fortsetzung ihrer Unterordnung mit anderen Mitteln: In der Regel sind die Männer in den Ehen ein paar Jahre älter. Wenn sie in Pension gehen, wollen sie, dass die Frauen auch zuhause bleiben und für sie kochen.

Zur Person

Wolfgang Lutz (50) leitet das Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien sowie das World Population Program am International Institute for Applied System Analysis (IIASA) in Laxenburg. Er ist Professor, Projektleiter oder Direktoriumsmitglied von Universitäten und Forschungsinstituten in Wien, Washington, Nairobi, Bangkok und Singapur. =

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige