In alter Frische

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 3/07 vom 03.10.2007

Ist es bloß Geschäftemacherei von gerissenen Ärzten oder die Medizin der Zukunft? Jugendwahn oder berechtigter Wunsch? Die Debatte um Anti-Aging ist nun auch in Österreich angekommen.

A dirty word. "Der Begriff Anti-Aging ist leider nicht mehr auszurotten", bedauert Georg Wick, Doyen der medizinischen Altersforschung in Österreich. Es müsste Präventions- und Regenerationsmedizin heißen. Für die akademische Altersmedizin ist Anti-Aging zu einem roten Tuch geworden. Die gleichnamige Fachzeitschrift hat sich in "Rejuvenation Journal" umbenannt, sagt Wick: "Und jene Ärzte, die Anti-Aging auf ihre Ordination schreiben, haben von der grundlegenden Forschung oft wenig Ahnung."

Der Konflikt zwischen den auf Seriosität pochenden Biogerontologen und den Anti-Aging-Aposteln ist in den USA bereits voll ausgebrochen. Letztere haben sich mit der American Academy of Anti-Aging Medicine (4AM) mit - laut eigenen Angaben - 20.000 Mitgliedern ein mächtiges Forum geschaffen, das Studien sammelt, Fortbildungen anbietet und Messen organisiert, auf denen Vitamine, Hormone, Mineralstoffe Antioxidantien und Antifaltencremes beworben werden.

Kritiker orten in den Reihen der A4M geldgierige Geschäftemacher, die in verantwortungsloser Manier ihre Pillen und Ampullen der Generation der Babyboomer aufschwatzen, die sich ob ihrer grauen Haare und hängenden Muskeln grämen. Es fehlten klinische Studien für die Wirksamkeit und vor allem: die Unbedenklichkeit ihrer nicht gerade billigen Therapien.

Der Anti-Aging-Markt wurde in einem Artikel der New York Times vom April allein in den USA auf 50 Milliarden Jahresumsatz geschätzt, 2009 sollen es bereits 71 Milliarden sein. Für Ronald Klatz und Robert Goldmann, die Gründer der A4M, gehören ihre Kritiker zum "gerontologischen Establishment", die einen "Kult des Todes" praktizierten und nicht willens und fähig seien, den Bedürfnissen der Menschen gerecht zu werden.

Während die Labormediziner versuchen, die zellulären Mechanismen des Alterns besser zu verstehen und auf einen Durchbruch in der Grundlagenforschung hoffen, glauben die slicken Anti-Ager, den Jungbrunnen bereits angezapft zu haben. Insbesondere das menschliche Wachstumshormon ist für Klatz und Goldman der Quell aller Jugend, obwohl dieses auch in den USA nur unter strengen Auflagen an Patienten abgegeben werden darf.

Homepageprobleme. Die Anti-Aging-Welle ist längst auch über Europa hinweggerollt. "Altern ist unnormal" lässt Alexander Römmler wissen, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Anti-Aging-Medizin. In Österreich ist der "Hormonpapst" Johannes Huber nicht zuletzt dank Büchern wie "Länger leben, später altern" (1998) und "Das Ende des Alterns" (2005) der bekannteste Anti-Aging-Vertreter. Mit den seiner Ansicht nach unseriösen US-amerikanischen Verjüngungsaposteln - "Flachwurzler!" - möchte er aber nicht in einen Topf geworfen werden. Alter ist für ihn keine Krankheit, und er betont, nur bei Hormonmangel Hormone zu verschreiben.

Und warum werden auf der Homepage seiner Privatordination die Hormone Dehydroepiandrosteron (DHEA), Melatonin und das Wachstumshormon unter der Rubrik "Anti-Aging" und nicht unter Hormonbehandlung gelistet? "Sind sie das? Da müsste ich jetzt einmal nachschauen." Ja, das sind sie. Er werde das ändern. "Aber wissen Sie auch, wie viel das kostet?" Ob er bei der Gelegenheit nicht auch Hinweise auf mögliche Risiken und Nebenwirkungen einfügen wolle? Ja, auch das.

Und warum preist er auf der Homepage von "Titania's Dream" die hautverjüngende Wirkung einer Mischung aus Eselinnenmilch, Ginseng und Myrrhe an, zu der keine wissenschaftlichen Studien vorliegen? Huber wundert sich, dass diese Homepage noch online ist, denn das liege schon Jahre zurück. "Ich habe das damals ohne Honorar und aus Gutmütigkeit gegenüber der mittlerweile bereits verstorbenen Betreiberin getan."

Huber ist kein Scharlatan, sondern ein renommierter Mediziner und Leiter der Abteilung für Gynäkologische Endokrinologie am Wiener AKH. Umso mehr wundert man sich über jene Mischung aus Naivität, mangelnder Sensibilität und Verliebtheit ins Scheinwerferlicht, die für ihn im Juni zum Rohrkrepierer wurde.

Als die Illustrierte News ihn und seinen Kollegen Sepp Leodolter aufs Cover hob und "Wunderwaffe gegen Krebs" titelte, brach ein Sturm der Entrüstung los. Die angepriesene Zelltherapie war unausgereift und, schlimmer noch, beide Mediziner waren an Firmen beteiligt, die diese entwickeln, und gerieten so in den Geruch, sich selbst zu promoten. Dies brachte Huber eine anhängige Untersuchung der Medizinuni Wien ein und kostete ihn letztlich den Vorsitz der österreichischen Bioethikkommission.

Krieg der Studien. Erich Müller-Tyl betreibt in Wien ein "Privatinstitut für Hormon- und Anti-Aging-Behandlung". Er preist auf seiner Website die Vorzüge des Wachstumshormons an, das im Hochleistungssport als Doping zum illegalen Einsatz kommt. Eine Behandlung zur "Verjüngung" kostet bei ihm bald einmal einen vierstelligen Betrag.

Dass viele Mediziner die möglichen Nebenwirkungen des Wachstumshormons höher veranschlagen als seinen Nutzen, ficht Müller-Tyl nicht an. Er führe maximal achtwöchige Behandlungen durch, was völlig unbedenklich sei, und verweist im Gegenzug auf Forschungsergebnisse, wonach das Wachstumshormon krebshemmend wirken könne.

Die Debatte um Anti-Aging ist immer auch eine Debatte um die Bewertung von klinischen Studien. Müller-Tyl etwa dreht den Spieß kurzerhand um und beschuldigt die Pharmafirmen, gezielt Arbeiten zu befördern, die den Absatz ihrer Produkte steigern und jene der Konkurrenten schlechtmachen. Auch Publikationen in begutachteten Wissenschaftszeitschriften seien daher mit Vorsicht zu genießen, warnt er. Die Forderung nach Langzeitstudien in diesem Bereich hält er für realitätsfern: "Ein 73-Jähriger mit starken Einschränkungen seiner Lebensqualität und einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 76 Jahren ist sicherlich kein Kandidat für eine zwanzigjährige Langzeituntersuchung."

Hormone online. Wie Johannes Huber verweist auch er darauf, dass Hormone nur nach genauer Untersuchung und vom Facharzt verabreicht werden dürfen. Freilich, in Zeiten des globalen Tourismus und der Onlineapotheken ist diese Hürde für den Konsumenten längst überwunden. Immer wieder sitzen in Johannes Hubers Ordination Menschen, die sich in den USA mit Hormonen eingedeckt haben. Er könne sie ihnen doch nicht wegnehmen.

Für Astrid Stückelberger vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Genfer Universitätsklinik gehen die Globalisierung der Produkte und der Lügen Hand in Hand. Die Grenze zwischen Medikament und Ware löse sich auf. In der Schweiz hat man die Dringlichkeit des Problems erkannt und eine Studie "Anti-Aging? Better Aging!" in Auftrag gegeben, die im Dezember dem Nationalrat in Bern präsentiert wird.

In Österreich sieht Georg Wick ähnliche Probleme: "Ich habe ein flaues Gefühl bei all den Wundermitteln, die vertrieben werden." Die Menschen seien leider bereit, sehr viel Geld auszugeben, und die Industrie versuche den Krankenkassen Anti-Aging-Therapien unterzujubeln. Es fehle an einer Messlatte für Qualität.

Täglich fasten. Dabei gebe es längst bewährte Rezepte, sagt der Innsbrucker Altersforscher, der noch mit 68 Jahren auf den Patscherkofel radelt. Neben ausgewogener Ernährung und ausreichend Bewegung empfiehlt Wick soziale Kontakte und geistige Betätigung. Mit der Formel der 3 L (laufen, lieben, lernen) versucht er auch Bewusstseinsbildung zu betreiben.

Bei allem Streit um Nutzen und Schaden von Hormonen ist sich die Altersforschung zumindest hinsichtlicht einer "Therapie" einig. Was den Alterungsprozess sicher verlangsamt, ist die "Kalorienrestriktion", so Beatrix Grubeck-Loebenstein, die Direktorin des Instituts für Biomedizinische Alternsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Innsbruck. Was im Lifestyledeutsch gerne auch Dinner-Cancelling genannt wird, bedeutet etwa, nach 16 Uhr nichts mehr zu essen.

Das tägliche Fasten verschafft dem Stoffwechsel eine Pause und wirkt sich positiv auf das körpereigene Abwehrsystem aus. Ein Versuch mit Affen zeigte, dass deren maximale Lebensspanne erheblich stieg, nachdem ihre Kalorienzufuhr über 13 Jahre hinweg um dreißig Prozent gesenkt wurde. Einen klinischen Nachweis beim Menschen wird es wohl nie geben, sagt Grubeck-Loebenstein, denn wer findet sich schon bereit, über Jahrzehnte hinweg unter kontrollierten Bedingungen auf sein Abendessen zu verzichten?

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige