Alt, aber gut

Klaus Taschwer | aus HEUREKA 3/07 vom 03.10.2007

Nicht nur unsere Gesellschaft wird älter, auch die Wissenschaft ergraut. Was aber machen Forscher im Alter? Und: Sollen sie mit 65 emeritieren oder den Universitäten besser doch erhalten bleiben?

Professor mit 100. Carl Djerassi wollte der Erste sein. Der aus Wien stammende Miterfinder der Antibabypille hatte vollmundig angekündigt, auch noch im Alter von hundert Jahren als Professor an der Stanford University in Kalifornien zu lehren. In der Zwischenzeit überlegte er es sich anders: Mit siebzig löste er nach und nach sein Labor auf, mit achtzig entschloss er sich, sich ganz der Schriftstellerei zu widmen, und schreibt, mittlerweile 83, nur mehr Theaterstücke.

In seinen frühen Sechzigern hatte der höchst erfolgreiche Chemiker seine zweite Karriere begonnen. Und gleich in seinem zweiten Roman, "Das Bourbaki Gambit" (1993), hat Djerassi das Leben von vier Wissenschaftlern nach der Emeritierung zum Thema gemacht - diese rächen sich für ihre vorzeitige Verabschiedung in den Ruhestand am wissenschaftlichen Establishment.

Wann Wissenschaftler in Pension gehen, ist an den heimischen Universitäten eindeutig geregelt: Mit 65 ist Schluss, in Ausnahmefällen können noch zwei Jahre angehängt werden. Ist das klug, angesichts des immer wieder konstatierten Forschermangels und angesichts der oft noch hochproduktiven Wissenschaftler jenseits der 65? Oder ist es in dem Alter nicht hoch an der Zeit, dass die Alten den Jungen Platz machen?

Christoph Kratky, Professor für Physikalische Chemie an der Universität Graz und Präsident des Wissenschaftsfonds FWF, ist hin und her gerissen - nicht nur deshalb, weil er selbst vor kurzem die Sechzig überschritten hat: "Wenn es um die möglichst gute Nutzung von Humanressourcen geht, ist die strikte Pensionsregelung nicht ideal. Das Gegenargument, dass die älteren Forscher das System verstopfen, ist natürlich auch nicht von der Hand zu weisen."

Kratky jedenfalls verweist mit einem Beispiel aus der Familie darauf, dass es früher einmal anders war: Sein eigener Vater hat noch im Alter von achtzig Jahren ein Institut der Akademie der Wissenschaften geleitet. Doch nicht nur an den Universitäten, auch an Österreichs wichtigster außeruniversitärer Einrichtung für Grundlagenforschung hat in den vergangenen Jahren eine strikte Pensionsregelung Platz gegriffen. Schließlich ging es darum, dem nicht ganz unberechtigten Altherrenimage entgegenzuwirken.

Braindrain der Alten. Während die Regelungen in Deutschland - sowohl an den Universitäten wie auch an der Max-Planck-Gesellschaft - ähnlich sind wie in Österreich, sieht die Sache in den USA ganz anders aus. Weil die Verfassung Diskriminierungen jeglicher Art verbietet, darf es an den Universitäten auch keine Benachteiligungen wegen des Alters geben. Sprich: So lange die Wissenschaftler die Leistungskriterien erfüllen und weiterarbeiten wollen, dürfen sie das. Theoretisch auch bis hundert.

Einer von vielen ist Eric Kandel, der im November 78 Jahre alt wird. Der aus Wien stammende Neurobiologe und Medizinnobelpreisträger ist fast jeden Tag in dem von ihm geleiteten Labor an der Columbia University in New York. Vor allem sind es natürlich die Topforscher, die in den USA auch lange nach ihrem 65. Geburtstag noch gefragt sind und die sogar aktiv angeworben werden.

Entsprechend hat in den letzten Jahren nicht nur bei europäischen Nachwuchsforschern ein Braindrain gen Westen eingesetzt: Etliche der besten Wissenschaftler Europas, die nach 65 weiterforschen und weiterlehren wollen, haben eine Stelle an Spitzenforschungseinrichtungen in den USA angetreten. Zugleich gibt es dort aber auch immer wieder Klagen seitens der Uni-Leitungen, die alten Forscher nicht mehr aus den Universitäten hinauszubringen, zumal sie auch teurer sind, als wenn sie in Pension wären.

Forschen nach 65. Ob Wissenschaftler hierzulande nach der Emeritierung weiterarbeiten, hängt neben ihrer Motivation nicht zuletzt auch davon ab, aus welchem Fach sie kommen. Beim FWF gibt es jedenfalls kein Alterslimit bei der Antragstellung. Zuletzt reichten jährlich allerdings im Schnitt nur rund dreißig Wissenschaftler jenseits der 65 Projekte ein. Benötigen sie Laborinfrastruktur, was in den meisten Naturwissenschaften unumgänglich ist, brauchen sie auch die Unterstützung eines Instituts. Und das macht die Sache oft schwierig.

Leichter haben es die Geistes- und Sozialwissenschaftler, die im Wesentlichen auf die eigene Arbeitskraft angewiesen sind - und nach der Emeritierung mitunter zu noch größerer Produktivität auflaufen. Besonders unermüdlich: der Soziologe Leopold Rosenmayr, der heuer 82 wurde und als Doyen der österreichischen Sozialgerontologie gewissermaßen im besten Alter ist. Seine jüngste Monografie erschien heuer, ihr Titel ist Programm: "Schöpferisch altern".

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige