Mensch Methusalem

Birgit Dalheimer | aus HEUREKA 3/07 vom 03.10.2007

Das maximale Lebensalter der Menschen scheint auf rund 120 Jahre beschränkt. Doch damit gibt sich der britische Biogerontologe Aubrey de Grey nicht zufrieden, er hat kühne Pläne zur Lebensverlängerung, die von der Fachwelt nicht nur belächelt werden.

Älter als alle anderen. "Im Leben macht man eben manchmal schlechte Geschäfte", meinte Jeanne Calment schlicht. Mit neunzig Jahren hatte die Französin einem über vierzig Jahre jüngeren Anwalt ihre Wohnung gegen Zahlung einer moderaten monatlichen Leibesrente überschrieben. Der freute sich damals wahrscheinlich über den vermeintlich guten Handel. Doch er sollte das Ende seine Verpflichtungen nicht erleben: Dreißig Jahre später musste seine Witwe die Rentenzahlungen übernehmen.

Als Jeanne Calment schließlich am 4. August 1997 starb, war sie 122 Jahre, 5 Monate und 14 Tage alt. Geboren im südfranzösischen Arles, hatte sie als Kind noch Bekanntschaft mit Vincent van Gogh gemacht. Calment gilt bis heute als der älteste Mensch, der je gelebt hat - zumindest soweit sich das anhand zuverlässig dokumentierter Geburts- und Sterbedaten sagen lässt.

Die letzten Jahre ihres Lebens war sie blind, im Rollstuhl und fast taub, aber geistig höchst lebendig und den überlieferten Interviews zufolge witzig und schlagfertig. Als Calment am Tag nach ihrem 120. Geburtstag vom deutsch-amerikanischen Altersforscher und Demografen James Vaupel besucht wurde, nannte sie ihm bereitwillig ihre Rezepte für ihre Langlebigkeit: ein Leben in Wohlstand, ihr tägliches Glas Portwein und große Mengen regelmäßig verzehrter Schokolade. Außerdem verwies sie darauf, dass sie im Alter von 119 Jahren das Rauchen aufgegeben habe.

Geist und Fleisch. Rund 120 Jahre scheinen - zumindest heute - die maximale Lebensspanne zu sein, die ein Mensch erreichen kann. In dem Punkt stimmen viele Altersforscher damit im Übrigen sogar mit der Bibel überein. In Genesis Kap. 6, Vers 3 verfügte der Herr nämlich Folgendes für die Zeit nach der Sintflut: "Mein Geist soll nicht für immer im Menschen bleiben, weil er auch Fleisch ist; daher soll seine Lebenszeit hundertzwanzig Jahre betragen."

Von welchen Faktoren aber hängt es ab, wie nahe wir an dieses Maximalalter herankommen? Was beeinflusst die besondere Langlebigkeit von Menschen? Liegt es in bzw. an unseren Genen? Oder sind es doch die Umwelteinflüsse und unser Lebenstil? Und nicht zuletzt: Wird die medizinische und molekularbiologische Altersforschung an diesen rund 120 Jahren Obergrenze in absehbarer Zeit etwas ändern können?

Altern als Krankheit. Einer, der sich mit den 120 Jahren definitiv nicht zufriedengibt, ist der Brite Aubrey de Grey. Der heute 43-jährige Biogerontologe hält das menschliche Altern für eine Krankheit, die er heilen will - mit dem erklärten Ziel, dass Menschen irgendwann einmal tausend Jahre werden, ohne dabei senil und krank zu sein.

Kenntnisse über die Prozesse des menschlichen Alterns hat sich der Informatiker im Selbststudium und in Gesprächen mit seiner um 19 Jahre älteren Frau, einer Genetikprofessorin, angeeignet. De Grey selbst versteht sich als theoretischer Gerontologe - so wie es auch theoretische Physiker gibt. Das ist nicht bloß so dahergeredet: Zwischenergebnisse seiner Foschungen wurden in angesehenen Wissenschaftszeitschriften publiziert, und er erhielt dafür ein Biologiedoktorat an der Cambridge University.

Seit einiger Zeit hat de Grey auch einen ambitionierten Siebenpunkteplan, wie es mit der Abschaffung des Alterns klappen könnte. Auf Englisch nennt sich das Konzept SENS, was für "Strategies for Engineered Negligible Senescence" steht und sinngemäß mit "Strategien zur Bekämpfung des Alterns" übersetzt werden könnte.

SENS setzt bei sieben Prozessen auf zellulärer Ebene des Körpers an, die in letzter Konsequenz letal enden: Dazu gehören zum Beispiel - um nur zwei von sieben zu nennen - Veränderungen des Erbuts im Zellkern, die zu Krebs führen können. Oder aber der ersatzlose Verlust von Zellen, wodurch insbesondere das Herz geschwächt wird.

Energie der Reparatur. Die große Frage ist, wie sich diese Veränderungs- und Verschleißprozesse in den bzw. um die Zellen noch besser aufhalten lassen, als es nicht ohnehin schon in unseren Körpern geschieht. Denn erst dank ausgefeilter Reparaturmechanismen in den Zellen überdauern wir so viele Jahre lang. Diese Mechanismen, die Biologen Langlebigkeitsstrategien nennen, kosten indes Energie - Energie, die die Zelle aber auch für alle anderen Lebensvorgänge braucht.

In diesem Balanceakt zwischen Energieverbrauch für das unmittelbare Überleben und Energieraufwand für nötige Reparaturen für ein längeres Leben scheint der Mensch aber ohnehin bereits ein besonders ausgefeiltes System entwickelt zu haben. Für den Altersforscher Gerhard Hofecker von der Wiener Veterinärmedizinischen Universität ist es schlicht "das Optimierteste unter den Warmblütlern".

Wie effizient das System ist, verdeutlicht Hofecker am Beispiel des Sauerstoffs. Mithilfe von Sauerstoff kann der Körper sehr schnell enorm viel Energie gewinnen - allerdings entstehen dabei auch freie Radikale, also kurzlebige, hoch aggressive Sauerstoffverbindungen, die auch schädlich sein können. "Für die Reparatur der Schäden, die die freien Radikale anrichten, bräuchten wir wiederum noch mehr Energie. Also wir können das nicht beliebig erhöhen, weil wir die Nebeneffekte nicht kontrollieren können."

Altern gegen Krebs. Auf eine andere Schwierigkeit bei der Bekämpfung von Alterungsprozessen in Zellen verweist der Molekularbiologe Josef Penninger, Direktor des Instituts für Molekulare Biotechnologie (IMBA) in Wien: Alterungsprozesse in der Zelle dienen dazu, die Entstehung von Krebs zu verhindern; in Krebszellen sind umgekehrt Alterungsprozesse aufgehoben. Das eine ohne das andere - ewig junge Zellen ohne Anfälligkeit für Krebs - scheint also nur schwer zu haben sein.

Aufgrund dieser und weiterer molekularbiologischer Zusammenhänge gibt sich Penninger entsprechend skeptisch, was etwaige Hoffnungen auf ein Medikament gegen das Altern betrifft - jedenfalls mittelfristig: "Zumindest für die nächsten dreißig Jahre sehe ich eine solche Pille nicht."

Die Visionen des Propheten. De Grey lässt sich von solchen realistischen Einwänden kaum beirren. Seine Strategien gegen das Altern klingen manchmal mehr, manchmal weniger nach Science-Fiction: Stammzellentherapien gehören ebenso zu seinen Lösungsvorschlägen wie völlig neuartige Impfungen oder eingeschleuste Gene aus Bodenbakterien zum "Aufräumen" in den Zellen.

Doch die Visionen des Biogerontologen, der mit seinem rötlichen Rauschebart und seinem eher nachlässigen Kleidungsstil perfekt dem Image eines Propheten entspricht, sind nicht nur Fantasterei. Prominente Altersforscher aus aller Welt bezeichnen seine Thesen zumindest als anregend. Und einige angesehene Molekularbiologen und Stammzellenforscher aus der halben Welt haben es sich nicht nehmen lassen, an der zweiten Konferenz von SENS teilzunehmen, die vor ein paar Wochen in Cambridge stattfand. Schließlich gibt es da auch noch die von de Grey geleitete Methuselah Foundation, die den hochdotierten Methusalem-Maus-Preis für wissenschaftliche Beiträge zur Beseitigung des Alterns vergibt. Das Preisgeld wird aus einem Spendenfonds bezahlt, in dem sich zurzeit über vier Millionen Dollar befinden. Verliehen wird der Preis an jene Forscher, denen es gelingt, den Tod von Hausmäusen möglichst weit hinauszuschieben. Zurzeit steht der Rekord bei 1819 Tagen, also knapp fünf Jahren. Erreicht wurde er durch die Veränderung eines Mäusegens.

Gene oder Zufall? Haben sich bei Tierexperimenten einzelne Gene als ausgesprochene Lebensverlängerer erwiesen (s. S. 10-11), so ist Josef Penninger skeptisch, dass es ähnliche Mastergene für das Altern beim Menschen gibt. Dennoch arbeiten viele Humangenetiker eben daran: Gene zu identifizieren, die für die Langlebigkeit eine Rolle spielen.

Mehrere internationale Teams haben ihre Ressourcen und Kompetenzen zusammengeführt, um hundertjährige Menschen auf Varianten in Genkandidaten zu untersuchen, bei denen ein Zusammenhang mit einer längeren Lebensdauer vorliegt. Dabei gibt es jedoch ein grundsätzliches Problem: Wie Studien an Zwillingen gezeigt haben, ist die Erblichkeit einer hohen Lebenserwartung relativ gering. Die Korrelation zwischen der Lebensspanne eineiiger und zweieiiger Zwillinge erwies sich nämlich als wenig stark.

Was nichts anderes bedeutet, als dass ein Großteil des Alterungsprozesses auf Zufälle zurückzuführen sein dürfte. Selbst einfache Würmer können unter anscheinend identischen Laborbedingungen Unterschiede in der Lebensdauer um mehr als das Doppelte aufweisen. Und bei komplexeren Lebewesen wie uns Menschen dürfte der Faktor Zufall eine noch einmal größere Rolle spielen.

Wahrscheinlich hat Jeanne Calment also einfach besonderes Glück gehabt - ebenso wie beim Verkauf ihrer Wohnung.

Mitarbeit: Klaus Taschwer

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