Senior Scientists

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 3/07 vom 03.10.2007

Publizieren bis kurz vor dem Tod, Wissenschaft als Lebenselixier, Anerkennung oft erst im hohen Alter. Willkommen im Klub der Grauen Genies, Aufnahmekriterium: 90 Jahre.

"Das Leben im Naturzustand ist einsam, armselig, garstig, viehisch und kurz." So lautet Thomas Hobbes' (1588-1679) wohl berühmtester Satz aus dem "Leviathan", den er 1651, kurz nach Ende des englischen Bürgerkrieges, veröffentlichte. Da war der Philosoph des starken Staates selbst schon 63. Im Gesellschaftszustand zieht sich das Leben aber hin. Im Alter von 87 Jahren publizierte Hobbes noch eine komplette Übersetzung der "Ilias" und der "Odyssee" und begann sich langsam zu fragen, ob er denn noch irgendwann ein kleines Loch fände, um dieser Welt zu entschlüpfen. Er fand es mit 91.

Bernard de Fontenelle (1657-1757) fehlten ein Monat und zwei Tage auf den vollen Hunderter. Ein mittelgroßes Licht der Aufklärung und einer der ersten und erfolgreichsten Wissenschaftspopularisierer, wurde er 1697 "Secrétaire perpétuel" der französischen Akademie der Wissenschaften, einen Titel, den er wohl allzu wörtlich nahm. Seine letzten Jahrzehnte verbrachte der ewige Sekretär damit, Elogen, also Grabreden, auf wesentlich jüngere Akademiemitglieder zu schreiben.

Weit über fünfzig Jahre Weltruhm konnte Alexander von Humboldt (1769-1859) nach der Rückkehr von seiner Südamerikaexpedition (1799-1804) genießen. Unzählige Moskitostiche, Wurmbefall und extremer Sauerstoffmangel beim Chimborazo-Aufstieg erwiesen sich für seine eher schwächliche Konstitution offensichtlich als Jungbrunnen.

Der erste Wissenschaftler, der es über die Hundertermarke schaffte, war der französische Chemiker Eugène Chevreul (1786-1889), ein bedeutender Farbentheoretiker. Kurz vor seinem Tode begann er noch die Folgen des Alterns an seiner eigenen Haut zu studieren. Für Leopold von Ranke (1795-1886) wurde Wissenschaft zum lebensverlängernden Anti-Aging-Mittel. Mitte siebzig konnte der Vater der modernen Geschichtsschreibung kaum noch schreiben und lesen, diktierte dafür den ganzen Tag. Vierundachtzigjährig begann er seine "Weltgeschichte", von der jährlich ein Band erschien, kam aber nur bis zum Ende des 11. Jahrhunderts.

Im 20. Jahrhundert nimmt die Zahl der Nestorenwissenschaftler explosionsartig zu. Gleich ob Kritischer Rationalismus oder Hermeneutik: Philosophieren hält frisch. Von Karl Popper (1902-1994) erschienen noch im Todesjahr mehrere Bücher unter seinem Namen. Hans Georg Gadamer (1900-2002) hielt noch mit neunzig frei Vorträge und schaffte es locker über die Hundert.

Ein hohes Alter ist vor allem dann hilfreich, wenn es Jahrzehnte dauert, bis die eigenen Leistungen anerkannt werden. Der deutsche Soziologie Norbert Elias (1897-1990) publizierte sein wichtigstes Werk 1939, musste aber wegen der Emigration nach England auf eine breite Rezeption seiner "Theorie der Zivilisation" im deutschen Sprachraum bis in die Siebzigerjahre warten. Nicht zuletzt seine späten Jubiläen (80, 85, 90) waren für die Verbreitung seiner Thesen hilfreich.

Ähnlich erging es der US-amerikanischen Genetikerin Barbara McClintock (1902-1992). Zwischen ihrer zunächst als Spinnerei abgetanen Entdeckung der "springenden Gene" im Jahre 1951 und dem Nobelpreis 1983 vergingen 32 Jahre. Passend zu ihrem hohen Alter prägte McClintock auch den Begriff der Telomere, der in der Altersforschung von zentraler Bedeutung ist.

Der australisch-südafrikanische Anatom und Paläoanthropologe Raymond Dart (1893-1988) machte im Alter von 31 Jahren einen bahnbrechenden Fund: Der kleine Schädel von Taung (Südafrika) war der erste Beleg dafür, dass die Wiege der Menschheit in Afrika stand - was erst Jahrzehnte später akzeptiert wurde. Als 1984 das 60-Jahr-Jubiläum der Entdeckung begangen wurde, bedauerte Dart, dass seine widerlegten Widersacher nicht mitfeiern konnten.

Der österreichische Biologe Karl von Frisch (1886-1982) erhielt für seine Entdeckung der Bienensprache 1973 den Nobelpreis. Er war damit auch (gemeinsam mit Joseph Rotblat und Payton Rous) der älteste Laureat bei der Verleihung, nämlich 87. Ernst Mayr (1904-2005), der "Darwin des 20. Jahrhunderts", publizierte sein letztes Buch im Alter von hundert. Fast war man überrascht, von seinem Tod zu hören, so aktiv und präsent war er bis zur letzten kurzen Krankheit.

Völlig unangefochten führt freilich der österreichische Mathematiker Leopold Vietoris (1891-2002) die Liste der Methusalemforscher an. Da stellen sich andere Rekorde wie von selbst ein: letzte wissenschaftliche Publikation mit 105, achtzigjähriges Doktorjubiläum mit 108, viertältestes Ehepaar der Welt, wenn man die Lebensjahre zusammenzählt (seine Frau wurde hundert), und - bis heute - ältester männlicher Österreicher mit 110 Jahren, 10 Monaten und 5 Tagen.

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