Unter Verschluss

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 4/07 vom 21.11.2007

Wissen, das nicht öffentlich wird, ist Nichtwissen. In Österreich landen sozialwissenschaftliche Studien immer wieder in der Schublade, weil manche Ergebnisse den Auftraggebern nicht genehm sind. Erkundungen im Spannungsfeld von Auftragsforschung und Politik.

Im Nationalrat. "Die Ergebnisse passen dem Minister wohl nicht.“ Am 24. Mai 2006 beschuldigte die SPÖ-Abgeordnete Renate Csörgits bei einer Rede im Nationalrat Wirtschaftsminister Martin Bartenstein, er halte eine mit Steuergeldern finanzierte Studie zum Thema "Leiharbeit und neue Selbstständige“ unter Verschluss. In der - wohl doch nicht so geheimen - Studie sei unter anderem nachzulesen, dass 65 Prozent der Frauen, die in Leiharbeit beschäftigt sind, akut armutsgefährdet seien. Wohl nicht nur für die Frauenpolitikerin Csörgits eine alarmierende Zahl.

Wenn sie denn stimmt. Veröffentlicht ist die Untersuchung aus den Jahren 2003/04 bis heute nicht. Der Leiter der Leiharbeitsstudie Andreas Riesenfelder von der Wiener L&R Sozialforschung möchte zu deren Inhalt nichts sagen, daran sei er vertraglich gebunden. Nur so viel: Es habe eine Fortsetzung der Studie gegeben, die das Problem der Zeitarbeit auch aus Arbeitgeberperspektive betrachte, nachdem der erste Teil die Arbeitnehmerperspektive beleuchtet habe. Die Fortsetzungsstudie sei nun ebenfalls abgeschlossen und liege seit einigen Wochen zur Begutachtung beim Wirtschaftsministerium. Er gehe davon aus, dass diese danach veröffentlicht werde.

Im Wirtschaftsministerium möchte man am liebsten gar nichts dazu sagen, etwa ob allein der erste Teil der Studie über 200.000 Euro gekostet habe. Stattdessen übt man sich in Kryptologie: Die Art der Veröffentlichung hänge von der Zielsetzung der Studie ab. Entziffert heißt das wohl, dass man sich eine Publikation der Leiharbeitsstudie vorbehält.

Zensuriert und umgeschrieben. Sozialwissenschaftler, die in der außeruniversitären Auftragsforschung arbeiten, berichten hinter vorgehaltener Hand immer wieder von Studien, die in der Schublade landen, von Zensur und Umschreiben durch die Auftraggeber. heureka! wollten sie zum Teil nur unter Zusicherung von Anonymität Auskunft geben. Denn die Financiers der eigenen Arbeit öffentlich zu kritisieren ist nicht sehr geschäftsfördernd.

Deswegen wird der folgende Fall nur verklausuliert beschrieben. Andrea Begmann (Name geändert) berichtet von einem ambitionierten, international vergleichenden Projekt, an dem mehrere Sozialwissenschaftler eineinhalb Jahre gearbeitet haben. Nach dessen Abschluss habe der Auftraggeber jedes Mal andere Gründe ins Feld geführt, warum der Bericht nun nicht veröffentlicht werden könne. Schließlich hieß es, die Zahlen seien nun veraltet.

"Wir durften nicht einmal den beteiligten ausländischen Institutionen, die uns ja bereitwillig mit Datenmaterial versorgt haben, Belegexemplare schicken“, klagt Begmann. Schwerer wiegt, dass den jungen Forschern der Kompetenzausweis für ihre weitere Karriere fehlt: Die Studie gibt es offiziell nicht, weshalb sie auch auf keine Publikationen verweisen können. Eine innovative, weil international vergleichende Methode zum Finanzierungsbedarf von Institutionen bleibe der Fachöffentlichkeit nun vorenthalten, so die Forscherin, ganz abgesehen von den eigentlichen Ergebnissen.

Doch das ist nicht das einzige Problem im Spannungsfeld zwischen Sozialforschung und Politik. Denn auch wenn eine Studie veröffentlicht wird, sind die dazugehörigen umfangreichen Datensätze von Umfragen und statistischen Erhebungen häufig gesperrt, berichtet Begmann weiter. Anfragen anderer Forscher oder auch von Diplomanden müsse man ablehnen: "Um dies zu umgehen, klopfen wir alle Daten in den Bericht und produzieren 700-Seiten-Ziegel.“ So werden wenigstens alle Daten öffentlich.

Heiße Eisen. Sozialwissenschaftliche Studien zu heiklen Themen werden schnell zum Politikum. Deswegen handeln viele Auftraggeber getreu der Devise, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Ein Ministerium behauptete vor Jahren steif und fest, dass lediglich ein Prozent jedes Jahrgangs die Schule abbreche, während mehrere Studien von etwa sieben Prozent ausgehen. Eine Stadtverwaltung legte noch vor Beginn einer Untersuchung über die Anzahl von Obdachlosen in der Stadt fest, wo die "maximale Obergrenze“ zu liegen habe. Und - die eingangs erwähnte Leiharbeitsstudie ist dafür nur ein Beispiel - fast schon ein Klassiker: die Politik hört ungern von der Entstehung eines Prekariats, also von Menschen, für die die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und die damit einhergehenden neuen Beschäftigungsformen zur Armutsfalle wird.

Für Andreas Riesenfelder von L&R Sozialforschung stellt die Nichtveröffentlichung von Studien aber ein weitaus geringeres Problem dar als jene Untersuchungen, die gar nicht erst in Auftrag gegeben werden. Gerade an so entscheidende politische Fragen wie Integration traue sich die Politik zu wenig heran, nicht zuletzt aus Angst, dass entsprechende Studien von der "falschen Seite“ instrumentalisiert werden könnten.

Herrschaftswissen. Wer will seinem politischen Gegner die Munition schon frei Haus liefern - zumal in dem weiterhin in eine rote und eine schwarze Reichshälfte aufgeteilten Österreich? Besonders gut eingespielt sind hier Arbeiter- und Wirtschaftskammer, deren jeweils beauftragte Studien vor allem dazu da sind, sie der jeweils anderen Kammer um die Ohren zu hauen. Dass im politischen Stellungskrieg mit Forschungsergebnissen selektiv und geheimniskrämerisch umgegangen wird, liegt auf der Hand. Was der Sozialforschung allerlei Verbiegungen abverlangt, ist rechtlich indes absolut legitim: Es besteht keinerlei Anspruch, Studien - auch solche, die mit Steuergeldern finanziert wurden - zu veröffentlichen. Der Vertrag mit dem Forschungsinstitut legt fest, dass die Rechte an den Ergebnissen beim Auftraggeber liegen. Wobei die Gründe für eine Nichtveröffentlichung keineswegs immer politisch-taktischer Art sein müssen.

Das Wissenschaftsministerium teilt auf Anfrage mit, dass es zum Beispiel explorative Studien gebe, die nicht unmittelbar "herzeigbar“ wären, deswegen aber keineswegs als "Wissen in der Schublade“ abzuqualifizieren seien: "Das Ziel solcher Studien ist in erster Linie, bei forschungspolitischen Entscheidungen des Ministeriums das für neue strategische Ausrichtungen nötige Wissen mit wissenschaftlichen Methoden zu generieren.“

Interesse verloren. Wenn eine Studie nicht veröffentlicht wird, gebe es häufig banalere Gründe als bösen Willen oder Angst vor der Öffentlichkeit, gibt auch Christoph Hofinger vom Wiener Forschungsinstitut SORA zu bedenken. Eine Untersuchung könne sich etwa als schlechtgemacht entpuppen. Möglicherweise ist die infrage stehende Entscheidung bereits gefallen oder die Fragestellung der auftraggebenden Einrichtung hat sich verlagert, sprich: sie hat das Interesse an der Studie und deren Veröffentlichung verloren.

Wissen wird mitunter auch deshalb nicht zugänglich, weil die Studie als "graue Literatur“ in einem Regal verstaubt. In Zeiten des Internets bieten sich freilich neue Suchmöglichkeiten. Viel Lob von den Forschern heimst etwa die Plattform www.amsforschungsnetzwerk.at des Arbeitsmarktservice ein, die Zugriff auf zahlreiche Studien ermöglicht.

Auch wenn gezielte Informationsvorenthaltung dazugehört, darf man Beamten und Politikern ein genuines Interesse an der Sache unterstellen. Und schließlich sind Ministerien, Magistrate und Kammern keine monolithischen Blöcke. Auch hier gibt es Fraktionen, und Studien werden hier für interne Auseinandersetzungen instrumentalisiert. "Und wir wissen nicht einmal, wofür.

Die Beauftragung einer Studie hat immer auch eine Geschichte“, weiß Sozialforscher Christian Drau (Name geändert) aus langjähriger Erfahrung. Bei der Erstellung des Endberichts werde schon um die Botschaft gefeilscht. "Wenn einem Auftraggeber ein Wort nicht passt, dann streichen wir es halt. Dass eine Studie vom Auftraggeber völlig umgeschrieben werde, sei aber die große Ausnahme und ihm erst zweimal passiert, so Drau.

Das System sozialisiert. Christoph Hofinger kann sich an gar keinen Fall erinnern, bei dem massiv umgeschrieben worden sei. Was die befragten Forscher vielmehr bei manchen ihrer Kollegen beobachten, sei ein vorauseilender Gehorsam: Das Ministerium werde das schon so oder so wollen. Das sei aber überhaupt nicht gesagt.

Hofinger glaubt, dass man sich als unangenehmer Forscher den Auftraggebern interessanter macht. Letztlich sei es anstrengender, sich ständig nach dem Wind zu drehen, und daher besser, mit der Wahrheit anzuecken. "Sich nicht verbiegen zu lassen geht nicht“, glaubt hingegen Christian Drau: "Das System sozialisiert mich, nicht umgekehrt.“

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