Wissen, das unsicher macht

Andreas Feiertag | aus HEUREKA 4/07 vom 21.11.2007

"Fortschritte in der Gendiagnostik ermöglichen das Erstellen individueller Risikoprofile. Lassen sich so Krankheiten präventiv bekämpfen? Oder wird dem Patienten nur gegen Gebühr Angst eingejagt?“

Erkenne dich selbst. Craig Venter war schon immer sehr von sich selbst eingenommen. Beim Wettrennen um die Sequenzierung der menschlichen DNA vor knapp sieben Jahren stilisierte er sich zum "Herrn der Gene“. Nun hat er dem Begriff des Selbstdarstellers eine neue Bedeutung gegeben: Auf der Website der Public Library of Science (http://biology.plosjournals.org) kann man das komplette Erbgut des US-Forschers in einer nur 88 Megabyte großen Datei kostenlos herunterladen. Für alle, die es wissen wollen.

Freilich interessiert die eigene Gensequenz viel mehr als die eines Fremden. In etwa zehn Jahren, so hoffen vor allem geschäftstüchtige Wissenschaftler, werde es Routine sein, dass sich der Mensch seine gesamte DNA um geschätzte 750 Euro aufschlüsseln lässt. Zu welchem Preis jedoch ist fraglich - vielleicht zu dem der permanenten Angst.

Derzeit liegt noch eine andere, weniger aufwendige genetische Analyse im Trend, quasi eine Vorstufe der DNA-Vollanalyse: die von bestimmten Polymorphismen. Das sind geringfügige Abweichungen im Erbgut, die sich positiv oder negativ auf den Organismus auswirken können. Je nach Umfang und Art dieser Untersuchung erhält man ein persönliches Risikoprofil bereits ab etwa 300 Euro. Und weil sich der wissenschaftsgläubige Mensch heute gerne von der Genetik verführen lässt, springen immer mehr Firmen, besonders in den USA, auf diesen Zug auf.

Geschäfte mit Genen. "Die Risiken bestimmter Krankheiten zu kontrollieren, basierend auf individueller DNA-Analyse“, verspricht beispielsweise das in Boulder, Colorado, angesiedelte Unternehmen Sciona. Die Biotech- Firma führt "persönliche nutrigenetische Analysen“ durch, die daraus resultierende Diät wird per Post in einem blauen Büchlein zugestellt. Jedem seine eigene Ernährungspyramide, in Hochglanz und vierzig Seiten stark. Eine - von Sciona bezahlte - Forschungsstelle an der Yale University besorgt den wissenschaftlichen Anstrich des Marktführers in Sachen "Nutrigenomics“.

Die deutsche Journalistin Kathrin Burger ließ für die Zeit diesen Gentest mit sich machen, schickte Angaben zu ihren Ernährungsgewohnheiten und Wattestäbchen mit Abstrichen ihrer Mundschleimhaut über den Atlantik. Die Analyse von 19 ihrer Gene ergab: "Risiko für Herzkrankheiten erhöht, Risiko für Krebs erhöht. Und das Risiko für Übergewicht, Diabetes und Osteoporose auch.“ Weiters habe sie Variationen im B-Vitamin-Genprofil. Sie müsse daher "mehr Lebensmittel mit viel Vitamin B“ zu sich nehmen, beispielsweise "Schwein, Leber, Nieren“. Friss oder stirb.

Sciona weiß zwar, dass bei der Entstehung eines Infarkts mehrere Gene zusammenspielen. Aber hat man auch nur eine Variation in einem der zwölf Herzgene, ist man für Sciona Risikopatient. Noch komplizierter ist es bei Diabetes: Auf diese Krankheit sollen 300 Variationen Einfluss haben. Wird man bald krank, wenn man nur eine davon in seinen Genen trägt? Was kann aus dem Erbgut tatsächlich herausgelesen werden? Soll man es überhaupt wissen?

Venters Ohrenschmalz. Craig Venters biologisches Selbstporträt zeigt immerhin 300 Genvarianten, die mit dem Auftreten von Krankheiten assoziiert werden, sowie 4000 noch unerforschte Varianten der etwa 26.000 bekannten Gene des Menschen. Außerdem unterscheidet sich seine DNA in deutlich mehr als vier Millionen Bereichen von jenem menschlichen Genom, das im Jahr 2001 sequenziert wurde, einem Mischgenom, dessen Bausteine von mehreren Menschen stammten, unter anderen von Venter selbst.

Die Wissenschaft weiß sich nach Venters molekularer Selbstdarstellung jedenfalls in ihren jüngsten Vermutungen bestätigt: Der Mensch gleicht dem Mitmenschen genetisch doch nicht zu 99,9 Prozent, es sind nur 99, vielleicht sogar lediglich 98 Prozent. Was aber weiß der DNA-Exhibitionist darob über seine Konstitution? Venters Sequenz im ABCC11-Gen zum Beispiel zeigt deutlich, dass er eher flüssiges als festes Ohrenschmalz produziert. Verräterisch ist auch seine Sequenz im MAOA-Gen: Wiederhole sie sich nur viermal - wie bei Venter - oder seltener, sei das ein starkes Indiz für antisoziales Verhalten, wie Genetiker in Nature süffisant feststellten. Sein DNA-Profil zeigt aber auch genetisch bedingte höhere Risiken für Hautkrebs, Fettsucht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Alzheimer als bei Menschen ohne entsprechende Polymorphismen.

Begrenzter Nutzen. Auch wenn heute eine mehr oder minder starke Veranlagung für Tausende von Erkrankungen anhand von Gentests erkannt werden können, sei deren Aussagekraft doch sehr beschränkt, so der deutsche Humangenetiker Helmut Blöcke vom Braunschweiger Helmholtz-Forschungszentrum, so etwa bezüglich der Frage inwiefern genetische Faktoren für die großen Volkskrankheiten verantwortlich seien. Ob jemand etwa eine Veranlagung zu erhöhten Blutfettwerten hat, erkenne er genauso gut beim Blick auf die Krankengeschichten der Großeltern, Eltern, Onkeln und Tanten.

Venter selbst hatte übrigens zu Protokoll gegeben, sein Vater sei am Herzinfarkt gestorben. Zu einer entsprechend einfachen Prophylaxe, nämlich der Anpassung seines Lebensstils an dieses mögliche Risiko, hatte er sich bisher nicht aufraffen können. Doch seit er endlich sein Genom kenne, gestand der Forscher, nehme er vorsichtshalber ein cholesterinsenkendes Medikament. Die Pharmaindustrie dankt.

Punktuell sinnvoll. Ist es aber ausreichend, nichts über sein genetisches Profil zu wissen und sein Schicksal allein in Gottes Hände zu legen? Nein, konstatiert das jüngste Mitglied der päpstlichen Akademie für das Leben, Markus Hengstschläger: "Dort, wo ein kausaler Zusammenhang von genetischer Veränderung und Erkrankung nachgewiesen ist und wo es auch eine Therapie gibt, ist ein Gentest sinnvoll.“ Wenngleich der Wiener Humangenetiker einschränkend zu bedenken gibt:

"Wie bei allen medizinischen Diagnosen ist seine Sicherheit niemals hundert Prozent.“ So werden in Österreich und andernorts Neugeborene auf Mutationen eines Gens auf Chromosom 12 getestet, den Verursachern der angeborenen Stoffwechselerkrankung Phenylketonurie. Betroffene können dann mit entsprechender Diät schwere geistige Entwicklungsstörungen verhindern. Schwieriger sei die Analyse des Huntington- Gens. Ist es verändert, entwickeln Betroffene etwa ab dem vierzigsten Lebensjahr die neurodegenerative Erkrankung Chorea Huntington. Und zwar mit hundertprozentiger Sicherheit. Diese Mutation kann, muss aber nicht vererbt werden, die Chancen stehen fünfzig zu fünfzig. Soll man Menschen mit einer entsprechenden familiären Krankheitsgeschichte genetisch testen? Hier will sich Hengstschläger zwar nicht festlegen, gibt aber zu bedenken: "Was nützt es, wenn ich weiß, dass ich die Mutation habe und deshalb krank werde, wenn es keine Therapie gibt?“ Und abgesehen von den persönlichen Auswirkungen eines solchen Wissens seien die Analysedaten, so sie in die Hände Dritter geraten, ein Handicap bei Versicherungen und auf dem Arbeitsmarkt.

Unverantwortlicher Wildwuchs. Gerade weil der Umgang mit genetischen Daten derart heikel sei, müssten DNA-Analysen äußerst behutsam durchgeführt werden. "Was in der Praxis jedoch nicht geschieht“, bedauert Hengstschläger, der einen "unverantwortlichen Wildwuchs an Genanalysefirmen“ beobachtet. Hier werde, wissenschaftlich teils unhaltbar, mit der Genetik das große Geld gemacht, den Betroffenen ohne persönliche Beratung irgendein Risikoprofil vor die Nase geknallt, ein Geschäft mit der Angst betrieben. Besonders im heiklen Bereich der Polymorphismen.

Dieser Kritik sah sich auch der Wiener Hormonspezialist und Gynäkologe Johannes Huber ausgesetzt, der mit einer umstrittenen Zelltherapie erst vor wenigen Monaten negative Schlagzeilen schrieb und danach den Vorsitz der Österreichischen Bioethikkommission zurücklegte. Huber war Kopf einer Gruppe von Ärzten und Biochemikern, die gemeinsam mit einem Spin-off der Universität Wien im Jahr 2001 die Firma Genosense Diagnostics gründeten. Beschränkte sich das Unternehmen anfangs auf eine Handvoll wissenschaftlich sehr gut untersuchter Polymorphismen aus dem gynäkologischen Bereich, beinhaltet das Portfolio heute annähernd hundert solcher geringfügiger Variationen, abgedeckt werden neben der Gynäkologie und Geburtshilfe auch die Andrologie und Urologie, die Kardiologie sowie die Pharmakologie. Zu viel, meinen Skeptiker.

"Ich bin zwar eine große Anhängerin von Polymorphismusstudien, weil sie uns ein gewaltiges Wissen über die Pathogenese vieler Krankheiten liefern“, erklärt beispielsweise Christine Mannhalter vom Institut für Medizinische und Chemische Labordiagnostik am AKH Wien und Mitglied der österreichischen Bioethikkommission, die selbst derartige Studien durchführt. "Ich bin aber sehr restriktiv, was ihren Einsatz in der individuellen Diagnostik betrifft. Für viele heute angebotene Tests liegen divergierende Studienergebnisse vor, sodass der mögliche Nutzen für den Patienten zu wenig abgesichert ist.“

Dem widerspricht Huber, auch wenn er seine "unentgeltliche Funktion als wissenschaftlicher Berater von Genosense“ nun niedergelegt hat und sich auch sonst "aus privaten Gründen“, so Huber, aus dem Unternehmen zurückziehen will.

Studien über Polymorphismen boomten derzeit, ständig seien neue, für die individuelle Diagnose relevante Erkenntnisse in großen Fachjournalen nachzulesen. "Und der britische Wellcome Trust hat gerade 250.000 Polymorphismen miteinander vergleichen lassen. Für fünf sogenannte Coming Diseases, für Diabetes, Multiple Sklerose, Adipositas, den rheumatischen Formenkreis und Herz- Kreislauf-Erkrankungen wurden dabei relevante Polymorphismen gefunden und bestätigt.“

Eine Packung Prävention. Die Kosten eines Gentests von Genosense Diagnostics betragen je nach Umfang zwischen 380 und 1200 Euro. Angefordert werden könne ein solcher jedoch, dem österreichischen Gentechnikgesetz konform, "ausschließlich von ärztlichem Fachpersonal“, wie der wissenschaftliche Geschäftsführer Christian Schneeberger erklärt, und auch die Analysedaten würden "ausschließlich an den zuweisenden Facharzt geschickt“.

Ob dieser mit den Daten etwas anfangen kann oder nicht, scheint egal zu sein. Immerhin wirbt Genosense auf der Homepage: "Unsere Befunde bestehen aus dem Laborergebnis und einer naturwissenschaftlichen und klinisch-medizinischen Interpretation jeweils durch den befundenden Facharzt. Daher muss der zuweisende Facharzt kein Genetikexperte sein, um die Testergebnisse anwenden und eine erfolgreiche Diagnose für seinen Patienten ableiten zu können.“ Und er muss auch keine Ahnung von Prävention haben, die nach der Genanalyse vielleicht angesagt wäre. Denn das Service der Wiener Gentech-Firma umfasst auch gleich Vorschläge für geeignete Hormone und andere Pillen sowie für ihre Dosierung. Individuell abgeleitet aus dem Gentest.

Christine Mannhalter freilich bleibt dabei: Ein großer Teil der bisherigen Studien über Polymorphismen könne lediglich statistische Aussagen über eine große Gruppe von Menschen mit eben diesen Polymorphismen liefern, erlaube aber keine individuellen Aussagen. Abgesehen davon "fehlen noch wichtige biostatistische Grundlagen“, um die Fülle der möglichen genetischen Variationen und Interaktionen zu erfassen. Des Weiteren seien "die heutigen bioinformatischen Messsysteme noch nicht so ausgereift“, wie sie es sein sollten. Vielleicht sei es daher besser, noch nicht allzu viel über mögliche Variationen seiner Erbsubstanz zu wissen.

Alles in den Genen. Was aber, wenn man nicht anders kann, als wissen zu müssen? Craig Venter etwa macht für seine zwanghafte Neugierde sein Erbgut verantwortlich. Auch sein Hang zu Nikotin und Alkohol sei in seinen Basenpaaren festgeschrieben. Und nicht zuletzt will der Wissenschaftler in seinem genetischen Selbstbildnis 750 "einmalige Mutationen“ entdeckt haben, die seine englische Abstammung belegen. Was wiederum einige Kollegen Venters verblüfft, die wissen wollen, dass seine Eltern deutsche Vorfahren haben. Aber wer weiß.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige