Heilsamer Glaube

Stefan Löffler | aus HEUREKA 4/07 vom 21.11.2007

Placebos waren lange Zeit der Ärzte einziges Kapital. Doch je besser verstanden wird, wie Erwartungen die Heilung beeinflussen, umso mehr ignoriert die moderne Medizin ihren Effekt.

Ungenutztes Wissen. "Eine effiziente Placeboreaktion bringt zufriedene und gesunde Patienten“, appelliert Brian Olshansky an seine Arztkollegen. Der Effekt des Placebos (lat.: ich werde gefallen) werde unterschätzt, meist gar nicht bemerkt und immer öfter gar nicht genutzt, schreibt der US-amerikanische Kardiologe. Olshansky fürchtet, dass die moderne Medizin eine der wichtigsten Grundlagen für Heilung einbüßt, wenn Patienten keine Aufmerksamkeit erhielten und im Eiltempo abgefertigt würden.

Auch bei etablierten Medikamenten und Eingriffen beruht ein Teil der Heilwirkung auf dem Placeboeffekt. Die sogenannte Komplementär- und Alternativmedizin beruht ausschließlich darauf. Anhänger der Bachblütentherapie schwören auf Notfalltropfen, die sie stets bei sich tragen. Die Flüssigkeit, in der ein paar Blütenblätter geschwommen sind, chemisch betrachtet pures Wasser, verschafft ihnen rasche Abhilfe bei Befindlichkeitsstörungen jeglicher Art. Auf Verdünnung setzt auch die Homöopathie und zwar so hochgradig, dass in vielen ihrer Mittel kein einziges Molekül des vermeintlichen Wirkstoffes mehr enthalten ist.

Gehackte Kreuzotter. Dass die Einnahme von Notfalltropfen und Homöopathika, einmal abgesehen von den Kosten, völlig unbedenklich ist, markiert einen Fortschritt gegenüber den Arzneien unserer Vorfahren. Die haben zur Ankurbelung ihrer Selbstheilungskräfte allerhand in Kauf genommen: Theriak, ein bis ins 19. Jahrhundert verbreitetes Allheilmittel, basierte auf gehackter Kreuzotter. Apotheker rührten Fliegendreck und bestenfalls ein paar harmlose Kräuter zusammen. Zum Teuersten, was Pharmazeuten früher zu bieten hatten, zählten pulverisierter Narwalzahn und Gallensteine von der Ziege. Weil solche Gaben die Genesung nicht immer verhinderten, wurde ihnen Heilkraft zugeschrieben.

Die Aufklärung brachte zumindest in der Medizin keine Wende, sondern nur mehr Fantasie in die Behandlungen: Franz Anton Mesmer magnetisierte, John Wesley elektrisierte, und in Frankreich waren Blutegel so in Mode, dass sie fast ausgestorben wären. Über den Placeboffekt hinaus wirkende Therapien und Medikamente blieben indes bis ins 20. Jahrhundert Mangelware.

Effekt entdeckt. 1927 bemerkte Iwan Pawlow, dass sein Hund, der nach Morphinspritzen regelmäßig erbrochen hatte, sich auch übergab, wenn ihm beim nächsten Mal lediglich Kochsalzlösung gespritzt wurde. Als dem amerikanischen Militärarzt Henry Beecher das Morphin für die Verwundeten ausging, spritzte er ebenfalls gesalzenes Wasser, und siehe da: vielen verschaffte es Linderung.

War Placebo lange eine höfliche Umschreibung für Quacksalberei, bezeichnete es nach 1950 auch die wirkstofflose Pille, gegen die ein neues Medikament sich nunmehr im Doppelblindversuch behaupten musste: Wer den Wirkstoff kriegt und wer das Placebo, weiß weder der Patient noch der Arzt, erst bei der Auswertung der Studie wird das Geheimnis gelüftet. Viele Hoffnungsträger der Pharmafirmen sind gescheitert, weil sie nicht signifikant besser, in manchen Fällen sogar weniger gut wirkten als das Placebo.

Ein Abfallprodukt der neuen Methode war die Erforschung des Placeboeffekts: Große Pillen wirken besser als kleine, Schlafpillen eher, wenn sie blau oder grün und nicht rot sind, besser wirkt eine Substanz, wenn sie der Professor verabreicht und nicht die Schwester. Selbst die Überzeugung des Arztes von der Wirksamkeit macht nachweislich einen Unterschied.

Was unter die Haut geht, kommt besonders gut an. Das gilt nicht nur für Spritzen, sondern auch für Akupunktur. Dass das Pieksritual vielen, die über chronische Rücken- oder Gelenksschmerzen klagen, eher hilft als die Schulmedizin, muss an der besonderen Portion Aufmerksamkeit liegen. Ob die Nadeln nämlich in die Punkte einstechen, die der traditionellen chinesischen Lehre entsprechen, oder an frei gewählten Hautstellen oder die Nadeln beim Berühren der Haut sich sogar teleskopartig zusammenschieben, machte in Vergleichsexperimenten, die in München, Heidelberg und Harvard durchgeführt wurden, keinen Unterschied.

Krebs nein, Asthma ja. Der Berner Epidemiologe Mattias Egger verglich Wirkungsstudien von Homöopathika mit den Ergebnissen, die Placebos in Medikamentenstudien erzielten. Das wenig überraschende Ergebnis: Homöopathische Mittel wirken genau so gut oder schlecht wie Pillen, von denen man erst gar nicht vorgibt, dass sie einen Wirkstoff enthalten. Auch Ärzte, die es nicht mit der Homöopathie halten, verschreiben mitunter Pillen auf Pflanzenbasis oder in wirkungslos niedriger Dosierung und versichern ihren Patienten dabei, dass die Beschwerden bald verschwunden sein werden. Besser, als wenn der Patient sich nicht ernst genommen fühlt, ist es allemal. Bei Krebs oder Epilepsie ist kein Placeboeffekt zu beobachten, bei Asthma, Angina Pectoris, Bluthochdruck, Hautentzündungen, Depression oder Husten hingegen schon. Und am meisten vermögen Placebos bei Schmerzen, Arthritis oder Magengeschwüren.

Der Effekt ist nicht, wie lange geglaubt wurde, rein psychischer Art. Bei der Akupunktur werden im Hirn Neurotransmitter freigesetzt, besonders das Dopamin, aber auch Endorphine, die wiederum Immunzellen aktivieren können. Zwischen Personen, bei denen Placebos wirken, und solchen, bei denen sie es nicht tun, ist bisher allerdings kein signifikanter Unterschied gefunden worden.

Ich werde schaden. Jede Behandlung habe einen kognitiven Teil, der aber allzu oft unterschätzt werde, warnt Fabrizio Benedetti. Es kann nämlich, so der Turiner Neurologe, auch ein Noceboeffekt (lat.: ich werde schaden) eintreten. Den gibt es nicht nur beim Voodoozauber, sondern etwa auch in klinischen Studien. Deren Teilnehmer müssen pingelig genau über mögliche Nebenwirkungen aufgeklärt werden. Von denen, die ein zumindest physiologisch wirkungsloses Placebo empfangen haben, teilt fast jeder Vierte später mit, dass Nebenwirkungen eingetreten sind.

Das wirft ein bedenkliches Licht auf einen anderen Trend der modernen Medizin. Auf den Beipackzetteln der Medikamente wird immer ausführlicher auf ungewünschte Nebenwirkungen hingewiesen. Ihr Eintreten wird durch die wohlgemeinte Warnung allenfalls wahrscheinlicher.

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