"Wir können nur Vermutungen anstellen“

Interview: Stefan Löffler | aus HEUREKA 4/07 vom 21.11.2007

Medikamente gegen psychische Krankheiten zu entwickeln gleicht dem Picken eines blinden Huhns. Der britische Neuropharmakologe David Nutt, Professor an der Uni Bristol, erklärt, warum die Hirnforschung bisher nicht die erwarteten Durchbrüche gebracht hat.

heureka!: Die Hirnforschung hat auf vielen Gebieten neue Einsichten gebracht - auch für die Entwicklung von Medikamenten?

David Nutt: Leider nein. Praktisch alle Wirkstoffe, die wir gegen psychische Erkrankungen haben, beruhen auf Zufallsfunden, angefangen vom ersten Antidepressivum, das eigentlich ein Mittel gegen Schizophrenie werden sollte. Auf dem Markt gibt es nur ein einziges, gezielt entworfenes Medikament, und eines steht vor der Zulassung.

Hören die Pharmafirmen nicht auf die Wissenschaftler?

Im Gegenteil. Sie haben vielleicht zu viel auf uns gehört. Praktisch alle großen Pharmafirmen haben große Summen in die Hirnforschung gesteckt. Inzwischen fahren viele ihre Investitionen zurück. Fast alle Versuche, Wirkstoffe auf neurowissenschaftlicher Basis zu entwickeln, sind gescheitert.

Warum?

Man zielt auf einen bestimmten Rezeptor. Doch das beste Medikament, das wir gegen Schizophrenie haben, wirkt auf dreißig verschiedene Rezeptoren zugleich. Vielleicht ist das logische und theoriegeleitete Entwickeln der falsche Ansatz, und vielleicht wären wir mit der Maschinengewehrmethode weiter: blindlings Moleküle entwickeln, testen, welche etwas versprechen, und mit denen weitermachen.

Warum ist die Entwicklung von Neuround Psychopharmaka so schwer?

Der Wirkmechanismus ist bei vielen Medikamenten ungeklärt, aber im Gehirn ist es besonders verzwickt. Die Hälfte aller Gene drückt sich im Gehirn aus. Wir verstehen nicht, warum manche Wirkstoffe die Blut-Hirn-Schranke überwinden und andere nicht. Überhaupt können wir das lebende Hirn nur sehr eingeschränkt beobachten. Rückschlüsse aus Tierversuchen lassen sich beim Hirn besonders schwer ziehen. Außerdem wissen wir erst über einen Neurotransmitter wirklich Bescheid.

Ist das Ihr Ernst?

Die US-amerikanische Suchtforschungsstelle NIDA hat Milliarden in die Erforschung von Dopamin geschüttet, weil es bei Kokainsucht und anderen Abhängigkeiten eine entscheidende Rolle spielt. Der Dopaminkreislauf ist hochinteressant. Das ist aber eben der einzige Neurotransmitter, der gut erforscht ist.

Wie viele gibt es?

Wir kennen achtzig Neurotransmitter und gehen davon aus, dass es etwa hundert weitere gibt. Aber wir können nur Vermutungen anstellen, was sie in unserem Hirn genau tun. Die Verfahren und Marker für die Beobachtung weiterer Neurotransmitter kann kein Institut, kann keine Firma allein entwickeln. Dafür braucht es ein Konsortium. Die European Science Foundation ESF wird im Dezember hoffentlich die nötige Anschubfinanzierung von 35 Millionen Euro für fünf Jahre beschließen. Sobald wir Noradrenalin, Serotonin und Endorphin im Hirn verfolgen können, erwarte ich wichtige Einsichten.

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