"Meiden wie die Pest“

Sabina Auckenthaler | aus HEUREKA 4/07 vom 21.11.2007

Was ist die größte Wissenslücke in Ihrem Fach? Und was werden Sie wohl nie herausfinden? heureka! fragte einen Onkologen, eine Philosophin, eine Juristin, einen Mathematiker und eine Astronomin.

Und die Psyche? Das größte Rätsel in der Onkologie ist wahrscheinlich, warum Krebs nicht viel häufiger entsteht. Im menschlichen Organismus müssen Milliarden von Zellen eng miteinander kommunizieren, damit sie sich rechtzeitig erneuern, nachbilden und wachsen können. Und jede einzelne dieser Zellen könnte theoretisch außer Kontrolle geraten.

Viele Dinge, etwa die genetische Veranlagung für bestimmte Krebserkrankungen wie Brustkrebs oder Darmkrebs, waren zu Beginn meiner Beschäftigung mit dem Gebiet vor 15 Jahren absolute Rätsel. Heute verstehen wir die Zusammenhänge. Mit den Methoden der Molekularbiologie, die sich laufend verbessern, werden in den nächsten Jahrzehnten nicht viele Rätsel in Bezug auf die körperlichen Vorgänge bei der Krebsentstehung übrigbleiben.

Alles andere als geklärt ist dagegen der Einfluss der Psyche bei der Entstehung von Krebs. Die meisten Krebspatienten und auch viele Ärzte glauben fest an einen Zusammenhang, obwohl es dafür keine wissenschaftlichen Anhaltspunkte gibt. Am ehesten könnte es noch eine Verbindung über das Immunsystem geben, welches durch psychische Faktoren geschwächt ist. Aber selbst wenn sich zeigen ließe, dass es keinen Zusammenhang gibt: Ich fürchte, man wird dieses Dogma nicht aus den Köpfen der Menschen bringen. Zumindest sollte man aber darüber aufklären, wie sehr diese Mutmaßungen Betroffene belasten können: Es ist fast so, als ob man einem Menschen, der vom Blitz getroffen wurde, erklärt, sein sündiges Leben wäre daran schuld.

Unwissen über das Selbst. Das Nichtwissen ist eng mit der Philosophie verschränkt, genau so, wie es zum Menschsein gehört. Was ist Erkenntnis? Was verstehen wir unter "Wahrheit“? Wie definieren wir "Wissen“? Was ist das Gute? Was kann als gutes und glückliches Leben gelten? Noch spannender sind freilich die impliziten Voraussetzungen dieser großen Fragen, etwa jene nach dem Selbst.

Was bedingt das Ich? Wie verschränken sich die Mechanismen der Repräsentation, Konstruktion und Selbstzuschreibung des Erlebten? Wie werden Erfahrungswelten teilbar? Auf welche Gewissheiten können wir uns berufen, wenn wir die intentionalen Strukturen des Handelns anderer entziffern und bewerten wollen?

Wir bewegen uns so sicher in Behauptungen, Annahmen, Zuschreibungen und Interpretationen - von anderen und uns selbst. Doch wie kann man die Motive rekonstruieren, die uns und andere vorgeblich leiten, wenn wir bereits in der Interpretation unseres eigenen Tuns den Verlockungen der Rationalisierung, der Beschönigung und der Selbsttäuschung so offensichtlich ungeschützt ausgesetzt sind?

Die "großen Philosophen“ haben zahlreiche Erklärungen und Erzählungen anzubieten, um uns über das Unwissen unseres Ichs hinwegzuhelfen: Geschichten über die Macht der Rationalität, der Logik, des folgerichtigen Räsonierens und Argumentierens, der vernunftbetonten Konstruktion der Wirklichkeit und des unerschütterlichen Glaubens an unsere Evidenzen. Wir tun gut daran, diese Geschichten neu zu durchdenken - denn geänderte Kontexte verlangen veränderte Antworten.

Veränderung und Verfassung. Die große offene Frage der Allgemeinen Staatslehre ist zugleich fundamental für das Fortbestehen des Wissenschaftsgebietes selbst: Wird es den Staat im traditionellen Sinn auch in Zukunft noch geben, oder wird er durch eine andere Organisationsform abgelöst werden?

Insgesamt ist die Forschung in der Rechtswissenschaft und -praxis trotz der Herausforderungen durch Europäisierung und Globalisierung immer noch sehr einzelstaatsbezogen. So wird zwar immer wieder plakativ vom "gemeineuropäischen Verfassungsrecht“ gesprochen, doch beschränkt sich die Forschung großteils auf einzelne Länderberichte, ohne das Thema grenzüberschreitend zu betrachten. Nötig wären dafür aber nicht nur Kenntnisse des eigenen, sondern auch des ausländischen Verfassungsrechts und des europäischen Rechts, die sozusagen eine Vogelperspektive erlauben. Hier gibt es einigen Aufholbedarf in Österreich.

Auch viele ganz konkrete Fragen sind ungelöst: Zum Beispiel, wann genau denn eine Gesamtänderung der österreichischen Bundesverfassung vorliegt. Noch strittiger ist die Frage, wann es sich um eine "schleichende Gesamtänderung“ handelt und ob es überhaupt "gesamtänderungsfeste“ Verfassungsinhalte gibt. Überhaupt ist das Verfassungsrecht nicht immer so eindeutig, wie viele Menschen glauben. So sind zum Beispiel die Judikatur eines Verfassungsgerichts oder künftige Verfassungsreformen nie mit Sicherheit vorhersehbar.

Welträtsel meiden. "Das Rätsel gibt es nicht“, zumindest wenn man Wittgenstein glaubt. Er wollte damit wohl besonders rätselhaft erscheinen. Und tatsächlich hört man Wissenschaftler kaum je von Rätseln sprechen, dafür umso mehr von offenen Fragen. Der Unterschied? Zu den offenen Fragen gibt es Hypothesen, die geprüft und verworfen werden können. Zu den großen Welträtseln aber gibt es nicht einmal vernünftige Hypothesen. Wer seine Wissenschaft vorantreiben will, vermeidet sie daher meist wie die Pest.

Die größte offene Frage in der evolutionären Spieltheorie lautet: Wieso trifft man bei Menschen auf so viel Kooperation? Schon Aristoteles wusste, dass auch Ameisen und Bienen kooperieren. Bei diesen sozialen Insekten lässt sich dies durch die enge Verwandtschaft innerhalb der Kolonien noch gut erklären. Aber Menschen kooperieren auch mit Nichtverwandten in enormem, ja globalem Ausmaß. Was sind die Ursachen für diese singuläre Neigung? Wie entstanden die Voraussetzungen dafür, etwa unsere Sprachfähigkeit oder unsere Anlage zu moralischem Verhalten?

Das sind Fragen, die Evolutionsbiologie, Psychologie, Anthropologie, Neurophysiologie und viele andere Disziplinen beschäftigen. Die Spieltheorie befasst sich mit den strategischen, wirtschaftswissenschaftlichen Aspekten dieser Frage. Zwar bestimmt Eigennutz zu einem großen Teil unser Verhalten, aber wir können uns auch in die Lage anderer versetzen, kognitiv und emotional. Wie ist das möglich? Letztlich führt das zu der Frage: "Was ist Bewusstsein?“ Und damit sind wir doch bei einem Rätsel gelandet.

Populär, aber unbeweisbar. Das größte ungelöste Rätsel in der Astrophysik ist wohl, wie aus einer Molekülwolke ein Stern entsteht, der unserer heutigen Sonne entspricht. Die derzeitigen Simulationen treffen die bekannten Eigenschaften unserer Sonne nicht ganz exakt und lassen vermuten, dass uns wesentliche physikalische Prozesse noch unbekannt sind.

Ebenfalls nicht ganz klar ist die Frage der Altersbestimmung: Sterne gleicher Temperatur, Masse und Leuchtkraft können nämlich sowohl junge Sterne sein, bei denen die Strahlungsenergie durch Kontraktion des Sterninneren erzeugt wird, als auch etwas ältere Sterne, bei denen im Kern Wasserstoff zu Helium verbrennt. Auch wenn ein Problem im Moment unlösbar scheint, kann sich das durch neue Erkenntnisse oder Technologien in wenigen Jahren ändern. Ein Beispiel ist die Suche nach Planeten außerhalb unseres Sonnensystems: Spekulationen darüber gab es schon im 18. Jahrhundert, entdeckt wurde der erste extrasolare Planet 1995. Mittlerweile kennen wir etwa 260 solcher Gestirne und sind kurz davor, die ersten erdähnlichen Planeten zu entdecken.

Allerdings gibt es in der Astronomie auch Rätsel, die vermutlich nie gelöst werden: zum Beispiel, was es mit der dunklen Materie und der dunklen Energie auf sich hat, die mehr als achtzig Prozent des Universums ausmachen. Ebenso wird wohl die Frage nach der Entstehung des Universums niemals ausreichend beantwortet werden können, auch wenn es viele, teilweise sehr populäre Modelle dazu gibt, wie zum Beispiel die Urknalltheorie.

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