Daniel Kehlmanns Kolumne

SCIENCE@FICTION

aus HEUREKA 4/07 vom 21.11.2007

Pierre Bayard hat mit seinem Buch "Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“ nicht bloß eine Anleitung für Hochstapler verfasst, sondern darüber hinaus eine kluge kulturtheoretische Meditation über die Frage, was es denn eigentlich bedeutet, sich in der Literatur zu orientieren. Denn, seien wir ehrlich: Das kulturelle Gespräch lebt immer auch vom Reden über Nichtgelesenes. Das Leben ist nicht unendlich, die eigene Disziplin nicht unbeschränkt, und Bildung bedeutet eben, auch Bescheid zu wissen über das, was man sich nicht selbst angeeignet hat. Das ist unvermeidbar und liegt in der Natur der Sache. Natürlich kann man es zu weit treiben. Das literarische Milieu und auch der Anstand verlangen, dass man gewisse zentrale Werke selbst gelesen haben muss oder sich wenigstens bei deren Unkenntnis nicht erwischen lassen darf. (In einer wunderbaren Geschichte von Roberto Bolaño zieht der Protagonist sich für Wochen in die Einsamkeit zurück. Er möchte endlich Prousts "Recherche“ lesen, dabei aber von keinem gesehen werden, da er immer behauptet hat, dieses Werk gut zu kennen.) Während es eine Bildungslücke wäre, nicht wenigstens ungefähr zu wissen, was in Jean Pauls "Titan“ eigentlich passiert, jedoch keine, diesen nicht gelesen zu haben, so wäre es sehr blamabel, "Hamlet“ oder "Faust“ nicht zu kennen. Die Gruppe jener Werke, deren Unkenntnis man nicht zugeben darf, verändert sich ständig. Man nennt sie Kanon.

Man darf also keine Fehler machen: So mancher scheinbare Kenner hat den zweiten Teil des "Faust“ nicht gelesen, ist aber ohne weiters imstande, Sinnvolles darüber zu sagen. Man müsste ihn schon einem scharfen Verhör unterziehen, um ihm Unkenntnis nachzuweisen. Bildung, das ist eben auch ein Habitus, es ist ein Tonfall und es bedeutet, nicht nur die richtigen Bücher zu kennen, sondern dazu noch die richtigen Codes. An all das erinnert uns Pierre Bayard auf höchst geistreiche Weise, weswegen ich sein Buch nachdrücklich empfehle. Selbst habe ich es zwar noch nicht gelesen. Ich werde das aber - so die leere Versprechung, ohne die kein Gespräch über Bücher auskommt - bei nächster Gelegenheit nachholen.

Daniel Kehlmann ist Schriftsteller ("Die Vermessung der Welt“) und lebt in Wien.

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