Daniel Kehlmanns Kolumne

Science@Fiction

aus HEUREKA 5/07 vom 12.12.2007

Entschuldigen Sie, wenn ich Sie mit einem altmodischen Thema belästige, aber zum Thema Nachhaltigkeit wäre es doch vielleicht angebracht, mal wieder eine Frage zu stellen: Wie oft denken Sie über Atomkraft nach?

Jede Woche? Einmal im Monat? Nie vielleicht? Und wenn Sie hören, dass anlässlich des Bali-Klimagipfels die Befürworter wieder auf den Plan treten und sagen, ihre Energie wäre eine saubere, die keinen Wald vernichtet und keinen Dreck in die Atmosphäre bläst, - nicken Sie dann vielleicht, zucken Sie die Achseln oder sagen Sie: "Ja, da ist schon was dran, Tschernobyl ist lange her, und seitdem ist viel verbessert worden"?

So mache auch ich es, so machen wir es alle. Wenn es um die Atomkraftwerke geht, mit denen wir unseren Planeten überzogen haben, leben wir im Zustand einer faszinierend wirksamen Verdrängung.

Wissen Sie, dass es bislang keine funktionierenden Atommüllendlager gibt? Ja, wahrscheinlich wissen Sie das. Stellen Sie sich manchmal vor, was ein Tschernobyl-Unfall in Frankreich oder Tschechien bewirken würde - oder richtiger, was er bewirken wird, wenn er früher oder später passiert? Und, ganz nebenbei, wissen Sie, dass es auch keine funktionierenden Zwischenlager gibt? Dass die Müllbehälter in Gorleben noch an der Luft stehen und über siebzig Jahre brauchen, um sich abzukühlen, bevor man überhaupt darüber nachdenken kann, wie man sie unter die Erde bringt, ein Vorhaben, für das man bislang noch keine zuverlässige Lösung gefunden hat? Wissen Sie - aber ja, Sie wissen es, wir wissen es alle -, dass jene Orte, an denen wir Atomkraftwerke gebaut haben, noch in 20.000 Jahren Quellen einer tödlichen Strahlung sein werden? 20.000 Jahre, - das ist nicht eine Verunreinigung unseres Lebensraumes, sondern eine Verschmutzung der Zeit selbst; etwas ontologisch noch nie Dagewesenes, ein achtlos begangenes Verbrechen, nicht an unseren so oft herbeizitierten Enkeln, sondern an den Urenkeln der Enkeln von deren Urenkeln, die wohl nicht einmal mehr unsere Sprachen kennen werden und von uns nur wissen, dass wir aus rätselhaften Gründen Plätze hinterlassen haben, die töten.

Daniel Kehlmann ist Schriftsteller ("Die Vermessung der Welt") und lebt in Wien. =

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