Wir Flächenfresser

Susanne Strnadl | aus HEUREKA 5/07 vom 12.12.2007

Ökologischer Fußabdruck oder HANPP: Es gibt mehrere wissenschaftliche Methoden zur Berechnung unseres Ressourcenverbrauchs. Die Ergebnisse sind die gleichen: Wir verbrauchen zu viel. Viel zu viel.

Auf großem Fuß. Der durchschnittliche Österreicher etwa benötigt 4,9 Hektar, der US-Amerikaner 9,6 und ein Bewohner der Vereinigten Arabischen Emirate 11,9. Dem gegenüber stehen etwa ein afrikanischer Durchschnitt von 1,1 Hektar und die Tatsache, dass weltweit für jeden der 6,3 Milliarden Menschen nur rund 1,8 Hektar zur Verfügung stehen.

Die Rede ist vom ökologischen Fußabdruck, der Währung der Nachhaltigkeit. Das 1994 von Mathis Wackernagel und William E. Rees entwickelte Konzept rechnet alle menschlichen Aktivitäten, von der Nahrungsbeschaffung bis zur Urlaubsreise, in die bioproduktive Fläche um, die dafür verbraucht wird.

Wie viele "globale Hektar" ein Mensch, eine Gemeinschaft, ein Staat oder die Menschheit als Ganzes verbraucht, hängt vom Lebensstil ab - weshalb der Fußabdruck auch hervorragend geeignet ist, mit einer einzigen Zahl transparent zu machen, welche Teile der Menschheit auf besonders großem Fuß leben.

Schwierige Kalkulation. Wie errechnen sich jedoch diese Fußabdrücke? Die Flächen, die für Nahrungsmittelproduktion oder Infrastruktur beansprucht werden, lassen sich leicht bestimmen. Beim Energieverbrauch wird es schwieriger. Für die Verbrennung fossiler Energieträger wird entweder die Fläche berechnet, die man für die Erzeugung derselben Energiemenge durch nachwachsende Rohstoffe bräuchte. Oder man ermittelt die Fläche, die notwendig wäre, um das durch die Verbrennung frei werdende Kohlendioxid durch Vegetation wieder zu binden.

Das hat zur Folge, dass sich der Fußabdruck zwar durch Energiesparen verkleinern lässt, nicht aber im selben Ausmaß durch den Umstieg auf umweltschonendere Produktionsmethoden wie Biomasseheizungen oder Windenergie (das gilt sogar dann, wenn die Energie aus Kernkraftwerken stammt).

Fehlende Handlungsempfehlungen. "Der herkömmliche Fußabdruck eignet sich sehr gut dazu, ein Problembewusstsein zu schaffen, aber er sagt wenig darüber aus, was ich nun konkret tun soll. So kann man zum Beispiel im Energiesektor bis auf Energiesparen keine Handlungsempfehlungen ableiten", moniert Gernot Stöglehner von der Wiener Universität für Bodenkultur. "Ein Umstieg von fossilen Energieträgern auf erneuerbare Energieträger wird nicht wirklich abgebildet."

Deshalb hat der Landschaftsplaner und Umwelttechniker Indizes entwickelt, die für jede Form des Energieverbrauchs in einer bestimmten Region die Erstellung eines Energiefußabdruckes erlauben. Dieser modifizierte Energiefußabdruck kann auch als Basis für handfeste Entscheidungen herangezogen werden: Der oberösterreichische Bezirk Freistadt etwa hatte 1998 allein für die Energieversorgung einen Fußabdruck, der 44-mal so groß war wie die Fläche des gesamten Bezirkes.

Stöglehner entwickelte konkrete Pläne, wie den Umstieg auf erneuerbare Energiequellen, um diese Fläche ohne Einbuße an Lebensqualität und bei maximaler Nachhaltigkeit auf 28 Prozent der Bezirksfläche zu reduzieren. In der Praxis sind die Freistädter noch weit von diesen Ökotraumzahlen entfernt. Doch erste Maßnahmen, wie z.B. ein Windpark und ein Fernheizwerk, wurden bereits gesetzt.

Menschliche Beanspruchung. Von einer ganz anderen Seite gehen Helmut Haberl und seine Mitarbeiter vom Institut für Soziale Ökologie der Universität Klagenfurt das Problem der Nachhaltigkeit an: Sie betrachten nicht die Fläche, die der Mensch für sich beansprucht, sondern wie viel er von dem, was sie produziert, für sich beansprucht. Das Konzept nennt sich Human Appropriation of Net Primary Production (menschliche Aneignung von Nettoprimärproduktion), kurz: HANPP, und rechnet mit Biomasse, also der gesamten organischen Substanz, die von Pflanzen und Tieren erzeugt wird.

Ausgangspunkt ist dabei die Nettoprimärproduktion der Pflanzen, das heißt die Erzeugung von Biomasse mittels Sonnenenergie. In Österreich eignet sich rund die Hälfte davon der Mensch an, weltweit geht derzeit ein knappes Viertel an uns Menschen. Davon entfällt etwas mehr als die Hälfte auf Ernten, vierzig Prozent auf Änderungen der Landnutzung, wie z.B. Flächenversiegelung, und immerhin sieben Prozent auf vom Menschen ausgelöste Brände.

Daran wird auch der vermeintliche Hoffnungsträger Biosprit nichts ändern - im Gegenteil: Nicht genug, dass der Anbau von Energiepflanzen wie Raps und Mais in manchen Teilen der Welt zu Hunger und sozialen Verwerfungen führt, sind die Vorteile für die Treibhausbilanz auch mehr als zweifelhaft (s. auch S. 16).

Streit um die Biomasse. "Die ökologischen Folgen einer Spriterzeugung aus Biomasse im großen Maßstab werden desaströs sein", fürchtet Haberl. "Wenn man diese Debatte nicht sensibel genug angeht, könnte es zu einem Fundamentalwiderstand gegen jede Biomasseverwendung kommen." Dabei gibt es durchaus sinnvolle Anwendungen, wie etwa Holz oder Stroh für Pelletsheizungen oder Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen.

Was den Verkehr betrifft, sieht Haberl die Zukunft eher in alternativen Antriebssystemen wie Solarzellen und in effizienteren Fahrzeugen, aber auch in kompakteren Siedlungsstrukturen, die Autofahren weniger notwendig machen.

Ein Trend zu weniger Verbrauch ist auch nach dieser Berechnungsmethode nicht absehbar. Und jede für sich macht klar: Am Ressourcensparen führt kein Weg vorbei - auch wenn wir noch so viele CO2-Wälder pflanzen. 3

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