Energiesparlampen gehören dazu

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 5/07 vom 12.12.2007

Essen Sie bio? Fliegen Sie in den Urlaub? Und sind Sie nüchterner Wissenschaftler oder Ökoaktivist? heureka! fragte fünf Nachhaltigkeitsforscher nach ihrem Alltagsverhalten und ihrer "Mission".

Keine Schuldgefühle. Als Klimatologe will ich zunächst einmal die Natur besser verstehen und dieses Wissen möglichst verständlich, aber trotzdem exakt weitergeben. In die öffentliche Debatte bringe ich mich trotzdem ein, versuche jedoch immer, meine Rolle dabei klarzustellen: entweder die des Experten in meinem schmalen Sachgebiet - ansonsten die des einfachen Diskussionspartners.

Bio und Nichtbio kommen bei uns buntgemischt auf den Tisch. Unser Haus ist gut isoliert, wir haben eine Ölheizung plus Wärmepumpe im Keller, dafür kaum Energiesparlampen und etliche Stand-by-Geräte, also ein ziemlicher Mix im Hinblick auf Energiesparen.

Ich fliege zwei- bis dreimal jährlich, meist beruflich. Mich plagen beim Reisen keine Schuldgefühle, auch weil ich mir ungern solche von anderen einreden lasse und ich Reisen für eine sehr positive Angelegenheit halte, die Tendenz zur Abschottung vor den anderen, vor deren Kultur, auch deren Produkten hingegen für unsympathisch und für einen Rückschritt.

Natürlich kann nur die Summe aller Einzelnen etwas bewegen, und somit ist es nicht unwesentlich, was die wenigen Österreicher tun. Die Verantwortung dafür allerdings allein dem Einzelnen aufzubürden, ist hochgradig ineffizient. Nur für alle gleich geltende Rahmenbedingungen sind fair und zielführend. Ich werde mir also Kiwis kaufen, solange das nicht verboten ist. Sich seitens der Politik um klare Regelungen herumzudrücken und lediglich mit Schuldzuweisungen zu agieren, erregt in mir nur Widerspruch - und das offenbar bei vielen, wie man am endenwollenden Erfolg unserer "Klimaschutzpolitik" sieht.

Das wirklich Wichtige. Nachhaltigkeit ist quasi mein tägliches Brot, mein Berufsfeld in Forschung und Lehre. Oder vielmehr: mein täglicher Kampf gegen festgefahrene Überzeugungen, die allgemeine Gleichgültigkeit ("sollen doch die anderen beginnen"), aber auch gegen die eigene Bequemlichkeit - wenn es etwa für das Fahrradfahren schon sehr kalt wird. Idealismus und Motivation spielen da schon eine Rolle.

In gewissen Bereichen ist es ja einfach, nachhaltig zu leben. Biolebensmittel sind nunmehr fast überall erhältlich, und die Energiesparlampe gehört zum guten Ton. Allergisch bin ich gegen unnötig fließendes Wasser oder ständig laufende Transformatoren in Elektrogeräten, die nur sinnlos Strom fressen. Beim Thema Reisen komme ich allerdings etwas ins Stottern. Man versucht zwar immer, im Urlaub nachhaltig und ökologisch verträglich zu leben, aber einmal ehrlich: Kann ich bei so vielen Flugkilometern, die nicht immer nur beruflich waren, noch von "nachhaltig" sprechen?

Aber was bedeutet dann Nachhaltigkeit wirklich? - eine Frage, die ich immer wieder mit meinen Studierenden diskutiere. Meiner Meinung nach müsste jeder für sich anfangen, darüber nachzudenken, wo man überall ansetzen kann, um ökologisch und sozial verträglicher zu leben. Das soll zwar nicht Verzicht auf alle Annehmlichkeiten bedeuten, aber doch zuweilen auch eine Einschränkung auf das Notwendige und wirklich Wichtige im Leben. Um somit seinen eigenen ökologischen Fußabdruck, auf den man selber Einfluss hat, so klein wie möglich zu halten.

Kleine Fische. Als Nachhaltigkeitsforscher stehen wir oft vor der Aufgabe, aktiv zum Bewusstseinswandel in der Öffentlichkeit beizutragen. Diese Herausforderung deckt sich aber nur bedingt mit dem Selbstverständnis vieler Wissenschaftler. Das Ringen um mediale Aufmerksamkeit ist mit Pauschalisierungen und Vereinfachungen verbunden, die dem Ethos guter Wissenschaft nicht selten entgegenstehen. Das ist eine Gratwanderung zwischen den Rollen des unparteiischen Berichterstatters und engagierten Advokaten "für den guten Zweck".

In meinem eigenen Forschungsfeld habe ich dazu beigetragen, dem Vorgang der fischerei-induzierten Evolution mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Die industrielle Fischerei verändert die Umweltbedingungen von Fischbeständen in den Weltmeeren so stark, dass genetische Anpassungen der Bestände an diese neuen Bedingungen unausweichlich sind. Dies geschieht nicht etwa schleichend, sondern erstaunlich schnell: innerhalb von zehn bis zwanzig Jahren. Zu Beginn unserer Forschung wollte dies niemand wahrhaben.

Die meisten Menschen verbinden Evolution ja mit geologisch langen Zeiträumen und können sich solch rasche evolutionäre Anpassung deshalb gar nicht vorstellen. Heute lacht keiner mehr über dieses globale evolutionäre Nachhaltigkeitsproblem, da wir die von uns vorhergesagten Anpassungen - hin zu früherer Geschlechtsreife und verminderter Körpergröße - inzwischen in mehr als einem Dutzend Fischbeständen nachweisen konnten.

Auf Crashkurs. Bei Nachhaltigkeitsforschung komme ich mir häufig vor wie eine Ärztin, die einem Patienten sagt: "Sie haben eine schwere Stoffwechselstörung und müssen sofort auf Diät gehen, dann werden Sie auch auf die Medikamente gut ansprechen. Sonst nehmen Ihre Organe Schaden, und dann kann es zu spät sein." Und der Patient antwortet: "Na gehen Sie, Frau Doktor, ich hab noch nie eine Diät gemacht. Und jetzt, wo ich so viel anderes vorhab, ist das überhaupt ganz unmöglich. Verschreiben Sie mir was zum Einnehmen!"

Die Ärztin kann sich dann denken: "Soll er machen, was er will" und die Sache vergessen. In meiner Rolle ist das schwieriger. In fünfzig Jahren werden die hochentwickelten Industriegesellschaften völlig anders ausschauen und funktionieren. Die Frage ist, ob diese massiven Transformationen in einem Rahmen bleiben, innerhalb dessen ich mir ein wünschenswertes Leben für künftige Generationen vorstellen kann. Das ist keine lösbare Forschungsfrage, sondern nur ein Zweifel, eine Skepsis, eine Hoffnung.

Die Forschungsfragen zu "Nachhaltigkeit" fangen damit an, den Crashkurs zu analysieren, auf dem wir uns bewegen und auf dem wir wider alle Vernunft bleiben. Sie erstrecken sich bis dorthin, wo die Hebel, die Interventionsmöglichkeiten liegen mögen. Klare Antworten sind schwer zu finden, aber sehr befriedigend, wenn es gelingt, sie zu finden. Dabei bleibe ich cool und analytisch. Wenn allerdings Forschung und Diagnose folgenlos bleiben, kann ich nicht sagen: "Die Schmerzen hat schließlich wer anderer", sondern ich komme auch dran, und meine Kinder und Enkel.

Es muss auch schmecken. Ich bin sicherlich kein "Nachhaltigkeitsradikalist", versuche aber soweit wie möglich auch im Alltag nachhaltig zu handeln. Aufgrund meines Forschungsschwerpunktes liegt mir natürlich eine nachhaltige Ernährung besonders am Herzen, d.h. "Bio" kommt täglich auf den Tisch. Prioritär ist aber die Qualitätsfrage: "Bio" muss auch schmecken, was es in vielen Fällen auch tut. Daneben sind Regionalität und Saisonalität wichtige Faktoren und insbesondere auch Artenvielfalt, d.h. ich bevorzuge - sofern verfügbar - seltene Sorten bei Gemüse und Obst.

Ich fliege etwa drei- bis viermal im Jahr in den Urlaub und ebenso oft aus beruflichen Gründen. Diesen Text schreibe ich in einem Internetcafé in Australien, wo ich auf einer Ernährungs- und Nachhaltigkeitstagung bin. Ein Auto haben meine Partnerin und ich seit 15 Jahren nicht mehr. Bei Bedarf wird auf Car-Sharing zurückgegriffen, was aber nur selten der Fall ist. Da zeigt sich, wie viel im Bereich Konsum Gewohnheit ist: Wenn ein Auto vorhanden ist, wird damit gefahren. Wenn es nicht da ist, nimmt man Öffis oder geht mehr zu Fuß.

Natürlich ist der Einfluss des Einzelnen beschränkt. Aber ohne entsprechendes Handeln werden auch kleine Erfolge nicht möglich sein bzw. strahlt das auch nicht auf größere Gruppen aus. "Pionierhandeln" kann längerfristig durchaus gewichtige Auswirkungen haben. Ein grundlegender Wandel wird aber nur im Zusammenspiel mit "systemischen" Lösungen möglich sein.

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