Die Besten in Bio

Karin Chladek | aus HEUREKA 5/07 vom 12.12.2007

Österreich ist ein Biomusterland, glaubt man den Werbekampagnen der Lebensmittelindustrie und den Verlautbarungen des Umweltministers. Nur: Wie "gut in Bio" ist Österreich wirklich? Und wie "gut" ist eigentlich Bio?

Ganz oben. Wenigstens in Bio sind wir Weltmeister. "14 Prozent der gesamten Agrarfläche Österreichs bringen kontrollierte Bioprodukte hervor, das ist so viel wie in keinem anderen Staat, sieht man von Liechtenstein ab", sagt Helga Willer vom Schweizer Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL). Einzelne Regionen in den Alpenländern bringen es noch auf viel höhere Anteile, so sind fast fünfzig Prozent der Bauernhöfe im Schweizer Kanton Graubünden "Bio", im Land Salzburg sind es 45,21 Prozent.

Beeindruckend klingen auch die letzten Konsumzahlen: Laut RollAMA, einer von der Agrarmarketing Austria (AMA) jährlich in Auftrag gegebenen Motivanalyse, kaufen 87 Prozent der österreichischen Konsumenten regelmäßig Bioprodukte. Wie aber geht das zusammen mit einem Marktanteil von Bio im Lebensmitteleinzelhandel von derzeit gerade einmal sechs Prozent?

"Das sind Hochrechnungen. 87 Prozent kaufen ab und zu ein Bioprodukt, ein Biojoghurt zum Beispiel alle drei Tage", erklärt Wilfried Oschischnig, Sprecher von Bio Austria, des größten Dachverbands der österreichischen Biobauern. Dennoch: Sechs Prozent Anteil am Gesamtmarkt bedeutet laut dem Marktinformationsspezialisten AC Nielsen, dass Bio vom Nischensegment zu einem ökonomisch ernstzunehmenden Marktfaktor geworden ist.

Wachsende Nachfrage. Nicht nur in Österreich, auch in vielen anderen westlichen Industrieländern herrscht rege Nachfrage nach Bioprodukten. "Vom Ökotraum zur globalen Massenproduktion", titelte der Spiegel unlängst und berichtete über Ein- und Ausstieg der sozial und ökologisch übelbeleumdeten Lidl-Kette bei den Basic-Biomärkten, vom Widerstand von Kunden und Lieferanten, denen das zu weit ging, von Entpolitisierung und zunehmender Kommerzialisierung der Bioszene, sogar von Betrug. Reale Gefahr oder Skandalisierung?

"99 Prozent der Missstände gehen auf das Konto der sogenannten konventionellen Landwirtschaft. Aber alle stürzen sich auf Bio, sobald irgendwo die Kontrollen eine Unregelmäßigkeit melden", entrüstet sich Bernhard Freyer, Leiter des Instituts für Ökologischen Landbau (IfÖL) an der Wiener Universität für Bodenkultur: "Das hat schon eine psychopathologische Komponente."

Auch Freyers IfÖL-Kollege Christian Vogl wird deutlich: "Wenn die konventionelle Landwirtschaft ähnlich streng kontrolliert würde wie der Biosektor, würde jeden zweiten Tag ein Lebensmittelskandal auffliegen." Dafür mitverantwortlich ist die schwammige "Feel Good"-Präsentation von Bio für die jene wachsenden Werbezielgruppe, die dem sogenannten Lohas huldigen, dem "Lifestyle of Health and Sustainability". Bio wird auf ein Podest gehoben, überzogene Heilserwartungen führen zu ebenso überzogenen Reaktionen bei der bloßen Andeutung von Mängeln.

Bio oder nicht Bio? "Die meisten Konsumenten wissen aber gar nicht, wie Biolandwirtschaft überhaupt funktioniert", konstatiert Freyer. Er sieht eine riesige Kluft zwischen dem Bioimage aus der Werbung und den eigentlichen Qualitäten von Bio: die weitgehende Rückstandsfreiheit der Lebensmittel, die neue Qualität der Böden, die mehr und länger Wasser speichern können. Das seien wichtige "Bio"-Charakteristika, die aber kaum kommuniziert würden.

Die Werbung greift stattdessen tief in die Klischeetöpfe: Wellnessbilder, Eier von glücklichen Hühnern, Fleisch vom Schweinchen Babe, das natürlich sofort wiederaufersteht und vor Bergpanoramen herumtollt. "Einfach, natürlich", hauchen die grasgrünen Anzeigen. Und knüpfen damit an eine idyllisierende Konstruktion von Landschaft und Heimat an, die in Österreich eine lange Tradition hat und immer wieder ins Nationalistische kippt. "Lang lebe Österreich!" heißt die Biolinie der alteingesessenen Wiener Backkette Anker.

"In Österreich wird Bio vor allem mit kleinteiliger Landwirtschaft assoziiert, wie sie traditionell im Alpenraum verherrschte und vorherrscht", sagt die Umwelthistorikerin Verena Winiwarter von der Uni Klagenfurt: "Der Konsument kann sagen: Ich kaufe Bioprodukte aus Österreich, weil ich diese kleinteiligen Strukturen schön finde und erhalten möchte." Nachsatz: Das sei auch okay.

Bio im Großbetrieb. Aber auch große landwirtschaftliche Betriebe, zum Beispiel in Ostdeutschland, stellten auf Bio um, fährt Winiwarter fort: "Auch wenn sie unseren landläufigen Vorstellungen von der idyllischen kleinteiligen Biolandwirtschaft nicht entsprechen, sind sie nachhaltig. Bio kann also durchaus industriell aussehen, solange die Richtlinien eingehalten werden." An diese neuen Bilder von Bio müssten wir uns gewöhnen.

"Biologische Landwirtschaft ist ein innovatives Konzept, keine pastorale Idylle aus dem 18. Jahrhundert, wie viele Leute glauben", ergänzt Engelbert Sperl, einer der Geschäftsführer von Bio Austria. "Die Konsumenten müssen verstehen, dass Bio von Innovationen lebt und forschungsbasiert ist."

Wirklich problematisch ist allerdings, dass auch viele Werbekampagnen für konventionelle Landwirtschaft mit idyllischen Bildern von einsamen Almwiesen und kleinen Herden à la Bio daherkommen. Die AMA stand dabei schon öfter im Zentrum der Kritik von Konsumentenschützern und NGOs. Mehrere Umfragen in den letzten Jahren zeigten, dass die Verbindung solcher Werbebotschaften mit dem AMA-Gütesiegel für konventionelle landwirtschaftliche Produkte dazu führte, dass dieses von teilweise mehr als der Hälfte der Befragten für ein Biosiegel gehalten wurde.

Bedarf nach Biobauern. Derweil suchen Biovertreter und Handel händeringend nach mehr Bauern, die bereit sind, ihren Betrieb auf Bio umzustellen. Knapp 20.000 Biobetriebe gibt es derzeit in Österreich, Tendenz im Vergleich zum Vorjahr: stagnierend. Zu wenige, um die große Nachfrage nach österreichischen Bioprodukten zu befriedigen. Die Zeit drängt: Nur noch bis Ende 2009 können neue Betriebe in das Bioförderprogramm der EU aufgenommen werden, danach werden die finanziellen Stützen wesentlich geringer sein.

Woran liegt es, dass nicht mehr Bauern auf Bio setzen, wo doch die Nachfrage angeblich so groß ist? "Die Investitionen in der zweijährigen Umstellungsphase sind hoch", erklärt Wilfried Oschischnig von Bio Austria. "Der Anreiz eines Mehrverdienstes von durchschnittlich acht Prozent pro Person im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft ist kein ausreichendes Argument, einen Betrieb auf Bio umzustellen." Acht Prozent mehr klinge nicht schlecht. Nur: Das durchschnittliche Jahreseinkommen von österreichischen Bäuerinnen und Bauern liegt etwa ein Drittel unter dem durchschnittlichen Jahreseinkommen in Österreich insgesamt.

Das Leben von Bauern, auch das von Biobauern, ist also kein Honiglecken. "Die Krux an der Sache ist, dass die Investitionskosten bei der Umstellung zu Bio, z.B. für neue Ställe, von den Betrieben nur schwer aufgebracht werden", sagt der Agrarwissenschaftler Thomas Lindenthal von der Wiener Boku. Schuld daran seien zu geringe staatliche Förderungen und die äußerst geringe finanzielle Unterstützung von den Supermärkten für die Biobauern.

Und ja, die Umstellung auf Bio ist auch eine Sache der Einstellung. Bei den Bauern selbst, aber auch bei jenen, auf die sie hören. Engelbert Sperl fordert daher ein ernsthafteres politisches Bekenntnis zu Bio, gerade in der Agrarpolitik. "Der Großteil der Bauern ist bekanntlich sehr konservativ, da braucht es Überzeugungsarbeit." Und weniger Unterstützung von Lobbyisten der konventionellen Landwirtschaft, die mit Werbekampagnen suggerieren, regional (oder national) allein sei schon seligmachend in Sachen Umwelt- und Klimaschutz.3

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