Ist Bio wirklich …

aus HEUREKA 5/07 vom 12.12.2007

… klimafreundlich?

Auch wenn bei ihrer Produktion durch geringeren Düngereinsatz weniger Treibhausgase entstehen als in der konventionellen Landwirtschaft, so sind doch nicht alle Bioprodukte automatisch klimafreundlich. Reisen Biokiwis oder andere leichtverderbliche Waren mit dem Flugzeug, ist die Klimabilanz eindeutig negativ.

Allerdings werden Bioprodukte aus Übersee hauptsächlich mit dem Schiff transportiert - und das verursacht keinen nennenswerten Ausstoß an CO2 oder anderen klimarelevanten Gasen. "Damit ist noch nicht gesagt, dass der Schiffsdiesel umweltfreundlich wäre", relativiert Karlheinz Erb vom Institut für Soziale Ökologie der Uni Klagenfurt (s. auch S. 4).

"Uns wird ständig eingeredet, regional sei immer besser, was einfach nicht stimmt", ergänzt Christian Salmhofer vom Klimabündnis Kärnten. Teile der konventionellen österreichischen Landwirtschaft und Politik würden mit falschen Argumenten zum Klimaschutz Wirtschaftsprotektionismus betreiben und damit zu Unrecht Bioprodukte diskreditieren.

Aus Klimasicht und aus Sicht des Energieeinsatzes bei der Produktion ist Bio besser als regional. Wenn saisonal ins Spiel kommt, kann die Sache schon wieder anders aussehen. Bio in Verbindung mit regional und saisonal ist das Optimum.

… gut kontrolliert?

Gleich, ob Düngemittel, Futter und Platz für Nutztiere, Produktzusätze oder Kontrollen - ein echtes Bioprodukt wird unter deutlich strengeren Vorgaben produziert als industriell-konventionell hergestellte Lebensmittel. In Österreich haben acht private Kontrollstellen eine Zulassung. Die größte, die Austria Bio Garantie, beschäftigt 130 Kontrolleure und überprüft rund 10.000 der insgesamt knapp 20.000 Biobauern sowie 800 Bioverarbeitungsbetriebe. Insgesamt wurden in Österreich 2006 rund 24.000 Biokontrollen durchgeführt.

Es gibt jedoch wunde Punkte in diesem System: Kommunikation und Vernetzung zwischen Kontrollstellen und Behörden könnten besser sein, gegenseitige Abhängigkeiten zwischen Auftraggebern und Kontrolleuren sind durchaus vorhanden. Eine viel größere Herausforderung stellt jedoch die Kontrolle der stark zunehmenden Bioimporte dar. Auch Österreichs Biosektor hat keine blütenweiße Weste: In den letzten Jahren sind eine Reihe von Unregelmäßigkeiten aufgeflogen, die bis auf wenige Ausnahmen jedoch weniger Betrugsfälle als Schlampereien waren.

… auch im Sprit?

Das positive Image von "Bio" wird gerne auch für Produkte ausgenützt, die mit Nachhaltigkeit wenig bis nichts zu tun haben: Prominentester Trittbrettfahrer der Biowelle: der Biosprit, der aus Pflanzen wie Raps, Ölpalmen, Mais, Zuckerrohr, Elefantengras oder Pappeln gewonnen wird. Kritiker sprechen von "Bioschmähtanol" statt Bioethanol; die Politik sei den Interessen der Industrie auf den Leim gegangen.

Immer mehr Wissenschaftler kritisieren, dass die mit massivem Pestizid- und Düngereinsatz hochgezogenen Energiepflanzenplantagen fatale ökologische und soziale Folgen hätten. "Biosprit wird als Klimaschutzmaßnahme kaschiert, was er aber nicht ist", so Karlheinz Erb. Im Gegenteil, die Auswirkungen vieler Energiepflanzenplantagen auf das Klima seien negativ, da zwar weniger CO2, dafür aber Methan und Lachgas produziert würden, so Rudy Rabbinge von der Universität Wageningen in den Niederlanden. Allein der zusätzliche Flächenverbrauch ist keinesfalls nachhaltig.

"Die Versorgung mit dem Biosprit kann sich allein von der vorhandenen Fläche in Europa und Nordamerika her nicht ausgehen", ist sich auch Karlheinz Erb sicher. "Also greift man auf die Flächen zu, wo heute noch Regenwald wächst. Und das bedeutet einen rasanten Verlust an Biodiversität."

Weshalb viele Forscher dafür plädieren, "Biosprit" als "Agrarsprit" zu bezeichnen, um die Öffentlichkeit nicht länger zu täuschen.

... global möglich?

Die Frage, ob biologische Landwirtschaft die Weltbevölkerung überhaupt ernähren könne, wurde schon oft gestellt und bislang - wegen der vermeintlich geringeren Ernteerträge - negativ beantwortet. Eine neue Studie kommt jedoch zu einem positiven Schluss. Die Forscher unter der Leitung von Ivette Perfecto verglichen Erträge aus biologischer Produktion mit denen aus konventioneller Landwirtschaft auf der Basis von 293 internationalen Untersuchungen.

Die Ergebnisse (veröffentlicht in der Zeitschrift Renewable Agriculture and Food Systems, Band 22, S. 86-108) zeigten, dass die Erträge der biologischen Landwirtschaft in den Industrieländern des Nordens etwas geringer ausfallen als die der konventionellen Landwirtschaft, in den Ländern des Südens dafür aber deutlich höher. Daten von gemäßigten und tropischen Agrarökosystemen zeigten laut Studie, dass durch Gründüngung mit sogenannten Leguminosen genug Stickstoff fixiert werden kann, um die Menge an derzeit ausgebrachtem mineralischen Dünger zu ersetzen.

Fazit der Studienautoren: Eine Umstellung auf biologische Landwirtschaft ohne Erweiterung der landwirtschaftlichen Fläche würde die globale Lebensmittelversorgung nicht gefährden und in den Entwicklungsländern die Versorgungssicherheit sogar erhöhen. K. C.

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