Nicht in Habachtstellung gehen

aus HEUREKA 5/07 vom 12.12.2007

Soll man auf Wissenschaftler hören? Und zwar sofort? Warum das Zögern auch Vorteile hat und Missverständnisse Erfolge sein können. Ein Gespräch über das Verhältnis von Bürger und Experte mit dem Philosophen und Wissenschaftsforscher Markus Arnold. Interview: Oliver Hochadel

heureka!: Verstehen wir Laien eigentlich, wenn Experten zu uns sprechen und uns etwas raten?

Markus Arnold: Das kommt auf die Situation an. Aber jede erfolgreiche Kommunikation ist bis zu einem gewissen Grad auch die Geschichte ihres Scheiterns.

Wie bitte?

Vermittlung von wissenschaftlichen Erkenntnissen heißt auch: Die Wissenschaft entlässt ihre Begriffe in die Selbstständigkeit. Beispiel Quantensprung: Was Quanten sind, ist den Wenigsten klar, aber was ein Sprung ist, weiß jeder. Die Menschen wollen den aus der Wissenschaft kommenden Begriffen einen Sinn geben und legen ihnen daher Erfahrungen aus ihrem Alltag zugrunde. Daher hat der Quantensprung außerhalb der Wissenschaft heute mehr mit Weitsprung zu tun als mit Physik. Das ist der Preis des Erfolgs: Nur Wissenschaften, die öffentlich nicht wahrgenommen werden, entgehen einem solchen Schicksal.

Dieses Schicksal erleiden ja auch die Klimaforscher. Wir Laien verwechseln ja auch ständig Klima mit Wetter.

Richtig. Was das "Klima" ist, lässt sich nur mithilfe statistischer Methoden und Modelle bestimmen, und nicht, indem man aus dem Fenster schaut. In Alltagsgesprächen ist die Versuchung aber natürlich groß, den Klimawandel durch das aktuelle Wetter zu erklären, etwa durch den letzten Winter, der in Österreich sehr mild war. Und Bilder im Fernsehen, wie die Zerstörung von New Orleans durch den Hurrikan Katrina, werden schnell zu "Beweisen" dafür.

Und Sie können diesen Missverständnissen etwas abgewinnen?

Die Öffentlichkeit befolgt hier eine Maxime der Aufklärung: Sie versucht, jedem Begriff, den sie verwendet, eine ihrer eigenen Erfahrungen zugrunde zu legen. Auch wenn sie - wie beim Klima - zu diesem keine passende Erfahrung hat, da sich die Wissenschaft hier auf Daten stützt, die den Laien nicht zugänglich sind.

Kann Wissenschaft also von Laien nur missverstanden werden?

Nein, da sie aber keine Wissenschaftler sind, sind sie gezwungen, einen eigenen Zugang zu finden. Dabei wird die Möglichkeit, Neues zu verstehen, auch durch die Medien schrittweise erweitert. Heute gehören die im Fernsehen gezeigten Bilder von der Erde aus dem Weltall zu unseren alltäglichen Erfahrungen, obwohl wir selbst niemals Astronauten waren.

Wissenschaftler beklagen aber oft, dass die in den Medien verbreiteten Bilder das von ihnen Gesagte verfälschen.

Medien müssen kreativ sein, um den Begriffen der Wissenschaftler einen allgemeinverständlichen Sinn zu geben. Wir alle haben mit "Star Trek" gelernt, durch gekrümmte Räume zu fliegen und schwarze Löcher zu meiden. An Serien dieser Art ist streng wissenschaftlich betrachtet vieles falsch, aber ohne sie wäre die Physik in unserer Gesellschaft wohl nicht so präsent.

Wie steht es mit der Kommunikation der Nachhaltigkeit?

Nachhaltigkeit ist ein recht komplexes Konzept: Sie umfasst ökologische, wirtschaftliche und soziale Aspekte. Nur in der Verbindung kann überhaupt von einer wirklichen Nachhaltigkeit gesprochen werden. Aber dies ist medial nur schwer zu vermitteln. In der Öffentlichkeit werden daher meist Einzelaspekte in der Berichterstattung herausgegriffen und als "nachhaltig" bezeichnet, z.B: "nachhaltiger Unternehmenserfolg". Was dem Konzept der Nachhaltigkeit eindeutig widerspricht, da kein Aspekt für sich allein genommen nachhaltig sein kann.

Wie könnte man die Kommunikation über Nachhaltigkeit "ganzheitlicher" gestalten?

Das ist bis jetzt leider nur in der medialen Heraufbeschwörung von Katastrophenszenarien gelungen. Beim sogenannten Jahrhunderthochwasser in Österreich vor fünf Jahren wurden ökologische, wirtschaftliche und soziale Aspekte miteinander verbunden.

Inwiefern?

Bei der Berichterstattung über das Hochwasser ging es nicht nur um die Umwelt, sondern auch darum, dass wir solidarisch mit den Opfern sein müssen, also um den sozialen Aspekt der Nachhaltigkeit. Und um die enormen wirtschaftlichen Kosten, die durch ökologische Eingriffe wie Flussverbauung und Flächenversiegelung entstanden sind. Bei einer solchen Katastrophe wird auf dramatische Weise deutlich, wie Ökologie, soziale Gerechtigkeit und Wirtschaft miteinander verknüpft sind. So lassen sich zumindest einige Zusammenhänge thematisieren, jedoch nur auf sehr eingeschränkte Art und Weise.

Ist die Erzählung von der nahenden Katastrophe für die Nachhaltigkeit, was "Star Trek" für die Astrophysik ist?

Überspitzt gesagt, ja. Der Unterschied ist leider, dass wir den Klimawandel wohl früher verwirklichen werden als den Warp-Antrieb. Nur weil zum Teil fiktionale Katastrophenszenarien medial die komplexen Zusammenhänge der Nachhaltigkeit vermitteln, heißt das ja leider nicht, dass sie nicht auf die eine oder andere Weise Realität werden können.

Geht es auch ohne Katastrophenszenarien?

Man müsste Bilder und Szenarien entwickeln, mit denen auf eine differenziertere Art und Weise nachhaltige Entwicklung in ihren Wechselwirkungen und Handlungsoptionen auch in den Medien diskutierbar wird. Das können aber die Medien nicht allein schaffen, da ist auch die Wissenschaft gefordert. Ein gelungenes Beispiel ist der ökologische Fußabdruck. Er leistet diese symbolische Verdichtung und kann Komplexität reduzieren. Aber wegen der erfolgreichen Reduktion kann er auch nur Teilaspekte verdeutlichen.

Sollte die Gesellschaft nicht rascher auf die Erkenntnisse der Wissenschaft reagieren?

Dies wäre fatal. Eine Wissenschaft, welche in der Gesellschaft sofort Gehör findet, müsste sich vor den Folgen ihrer Theorien fürchten. Zur Wissenschaft gehört es, Hypothesen und Argumente aufzustellen, die widerlegt werden können. Auch Irrtümer können in der wissenschaftlichen Debatte fruchtbar sein. Nur als Gedankenspiel: Man stelle sich vor, die Öffentlichkeit würde an den Lippen der Wissenschaftler hängen und versuchen, jede neue Theorie sofort in ihrem Leben anzuwenden. Eine solche wissenschaftsgläubige Öffentlichkeit würde die Wissenschaft mit einer solchen Verantwortung belasten, dass die wissenschaftliche Diskussion aus Angst vor den Konsequenzen bald verstummen würde.

Es braucht also Distanz und Freiräume?

Ja, um Hypothesen offen diskutieren zu können. Je stärker eine Wissenschaft in die öffentliche Diskussion gezogen wird, desto mehr ist sie gezwungen, ihre Worte diplomatisch abzuwägen. Aber in der Wissenschaft muss man bereit sein, klar und deutlich zu formulieren, um die Diskussion weiterzubringen. Genauso benötigt aber auch die Gesellschaft ihre Freiräume.

Den Freiraum, nicht gleich oder nicht nur auf die Wissenschaft zu hören?

Ja, damit verteidigt die Gesellschaft ihre demokratischen Freiheiten gegenüber der Zumutung, von anderen belehrt zu werden. Natürlich irritiert es Wissenschaftler, wenn die Aussage von einem Mediziner auf derselben Ebene diskutiert wird wie die eines Kräuterpfarrers, oder die Aussage eines jungen Ökologen in einer öffentlichen Diskussion weniger gilt als die eines "erfahrenen" Bauern. Aber was wäre die Alternative? Wäre es wirklich besser, wenn Bürger in Habachtstellung gehen, wenn Wissenschaftler sprechen?

Besteht nicht die Gefahr, gerade punkto Nachhaltigkeit, dass so wichtige Entscheidungen vertagt werden?

Die Bürger verteidigen ihre Kompetenz, selbst zu urteilen, und zwar ohne um Erlaubnis zu fragen. Mit der Freiheit, Expertisen zurückzuweisen, muss der Einzelne aber auch die Verantwortung für die Folgen seiner Entscheidung übernehmen. Deshalb sollte sich jeder sowohl Zustimmung wie auch Ablehnung reiflich überlegen und wachsam sein gegenüber den Expertisen von Lobbys mit wirtschaftlichen oder politischen Interessen. Die Wissenschaft und deren Expertise einfach zu ignorieren, wäre jedenfalls sicher der falsche, da äußerst riskante Weg. Aber es stimmt: Die Gefahr besteht. 3

Zur Person

Markus Arnold (44) ist studierter Philosoph und stellvertretender Vorstand des Instituts für Wissenschaftsforschung und Hochschulforschung an der Universität Klagenfurt. Er interessiert sich vor allem für die Frage, wie Wissen gesellschaftlich wirksam werden kann.

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