Mitreden, aber richtig

Klaus Taschwer | aus HEUREKA 5/07 vom 12.12.2007

Kürzlich fand in Wien die erste österreichische Bürgerkonferenz zum Thema Energieforschung statt. Laien diskutierten darüber, mit welchen neuen Technologien man am besten Strom sparen könnte. Und hatten den Experten auch sonst noch einiges zu sagen.

2 von 36. Bernhard Ertl tat es auch wegen des Geldes. Zu 200 Euro konnte der ausgebildete Pilot, der zurzeit Sozialhilfeempfänger ist, schlecht Nein sagen. Die Gegenleistung des Wieners für die zwei grünen Scheine: Er verbrachte das letzte Novemberwochenende, zusammen mit anderen repräsentativ ausgewählten Bürgerinnen und Bürgern Österreichs, damit, über Fragen der Energie zu diskutieren. Das Ziel der Veranstaltung: Die Laien sollten - unterstützt von Experten und den Moderatoren - konkrete Vorschläge machen, welche Technologien gefördert werden sollen, um es dem Endverbraucher - also uns - zu erleichtern, im Haushalt Energie zu sparen.

Auch Eva Granitz aus Graz, sechsfache Mutter und von Beruf Mediatorin, war eine der 36 Teilnehmer dieser ersten Bürgerkonferenz Österreichs zum Thema Energie. "Ich hatte keine großen Erwartungen", sagt Granitz im Rückblick. Doch das arbeitsintensive und diskussionsreiche Wochenende hat sie positiv überrascht: "Es war für uns extrem informativ, und umgekehrt waren auch die Experten von unseren konkreten Wünschen überrascht." Und Ertl ergänzt euphorisch: "Das war gelebte Demokratie. Ich könnte mir das noch für viele andere Bereiche vorstellen."

Sozial akzeptiertes Wissen. Diese Energie-Bürgerkonferenz war eine der ersten Veranstaltungen dieser Art in Österreich. In anderen europäischen Ländern werden solche partizipativen Verfahren, die auch unter den Bezeichnungen Konsensuskonferenzen oder Dialogforen firmieren, schon seit Jahren praktiziert, so unter anderem in Deutschland, in der Schweiz, in den Niederlanden und vor allem in Dänemark. Dort haben die Ergebnisse von Bürgerkonferenzen bereits Eingang in die Gesetzgebung gefunden.

Diese neuen Formen der Partizipation von Laien sind ein Versuch, auf die rasanten Entwicklungen in der Wissenschaft zu reagieren, deren Wissen und Artefakte unser

Leben immer stärker prägen. Während man sich in den 1970er- und 1980er-Jahren vor allem Experten (eben solchen für Technikfolgenabschätzung) bediente, um die "Gesellschaftsverträglichkeit" neuer und womöglich riskanter Technologien von vornherein zu beurteilen, erkannte man in den 1990er-Jahren, dass es womöglich besser ist, die eigentlich Betroffenen vorab auch ein Wörtchen mitreden zu lassen.

Das würde zum einen Geld sparen helfen - Beispiel: das bereits gebaute Atomkraftwerk Zwentendorf, das nach Volksentscheid doch nicht in Betrieb ging - und zum anderen die Wissenschaft vor einem öffentlichen Vertrauensverlust bewahren, indem sie im Idealfall "sozial robustes Wissen" produziert, wie das die Wiener Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny nennt.

Zu kompliziert? Bleibt die Gretchenfrage, ob und wie Laien überhaupt mitreden können, wenn es um neueste wissenschaftliche Erkenntnisse und ihre möglichen Auswirkungen geht. Denn sind Wissenschaft und Technologie nicht längst so kompliziert geworden, dass einzig Experten in der Lage sind, ihre Chancen und Risiken richtig zu beurteilen?

So argumentieren nach wie vor viele Wissenschaftler, die jedes Mitdiskutieren von gewöhnlichen Bürgern ablehnen. Im Gegensatz zu solchen traditionellen Positionen ist der Soziologe Nico Stehr auf heureka!-Nachfrage weitaus weniger skeptisch: "Ich denke, dass der durchschnittliche Bürger in all diesen Fragen sehr wohl mitreden kann. Es kommt halt auch darauf an, wie das organisiert ist."

Organisator der österreichischen Bürgerkonferenz zum Thema "Energie und EndverbraucherInnen" war Michael Nentwich, Leiter des Instituts für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Er und seine Mitarbeiter beschäftigen sich schon seit einiger Zeit mit partizipativen Verfahren. Unter dem Titel "Techpol 2.0" hat man bereits im Vorjahr konkrete Vorschläge zur partizipativen Gestaltung der österreichischen Technologiepolitik vorgelegt.

Nentwich, dem beim Interview am Tag nach dem intensiven Diskussionswochenende die Anstrengungen noch etwas ins Gesicht geschrieben waren, hält Laien im Prinzip für fähig, sich bei jedem forschungspolitisch relevanten Thema einzubringen. "Aber je weiter das Thema von der Lebenswelt der Bürger entfernt ist - wie zum Beispiel die Nanotechnologie -, umso aufwendiger werden solche partizipativen Verfahren in der Vorbereitung." Denn die Bürger müssten ja erst mit den ganzen einschlägigen Informationen versorgt werden, um sich ihre eigene Meinung bilden zu können.

Zurückhaltende Experten. So betrachtet war das Thema "Energie und Endverbraucher" eine Steilvorlage für eine Bürgerkonferenz, bei der es konkret vor allem um zwei Probleme ging: Zum einen sollten von den Teilnehmern Leitbilder der Energiepolitik, aber auch der nachhaltigen Entwicklung diskutiert werden, die von der österreichischen Regierung, aber auch der EU für die nächsten Jahrzehnte formuliert worden waren. Zum anderen standen fünf in Entwicklung befindliche Technologien zur Diskussion, mit denen in Zukunft in den Haushalten Strom eingespart werden kann.

Zunächst einmal waren aber die 36 Bürger zu informieren, was - so die einhellige Meinung der von heureka! befragten Teilnehmer - die sieben dafür engagierten Experten, ohne bevormundend oder tendenziös zu sein, taten. Im Gegenteil: "Die haben sich so wie die Moderatoren dann zurückgenommen und uns überhaupt nicht ihre Ansichten aufgedrängt", so Teilnehmerin Eva Granitz. "Die Experten haben die Technologien vorgestellt, und wir haben unsere Meinung dazu gesagt", bringt Kollege Bernhard Ertl den Prozess auf den Punkt.

In Sachen Leitbilder kamen bei den stundenlangen Diskussionen in den verschiedenen Kleingruppen einige auch für Michael Nentwich unerwartete Ergebnisse heraus. Ganz im Zentrum des Bürgerinteresses standen nämlich Maßnahmen gegen den Klimawandel - die Berichterstattung rund um die Veröffentlichungen des UN-Weltklimarats IPCC in den letzten Monaten scheint ihre Wirkung getan zu haben.

Rund um dieses zentrale Leitbild gruppierten die Bürger dann Themen wie Energiesparen, Förderung sozial- und umweltfreundlichen Konsums, Steigerung der Energieeffizienz, aber auch soziale Gerechtigkeit. In dem Zusammenhang wurden den Experten und der Forschungspolitik auch gleich ein paar konkrete Wünsche übermittelt: Energiefragen sollten etwa von der Sozialpolitik nicht entkoppelt werden, es sollte mehr Bewusstseinsbildung in den Schulen betrieben werden. Und man sollte sich um einfache, zugkräftige Ziele bemühen, wie etwa Schweden, das die Unabhängigkeit von Erdöl ab 2020 anstrebt.

Von Bürgern lernen. Bei der Frage, welche Technologien des Energiesparens gefördert werden sollten, wurde am heftigsten über neue Möglichkeiten des Stromverbrauchmonitorings und intelligente Stromzähler diskutiert. Auf der einen Seite werde durch eine detaillierte Aufschlüsselung des Verbrauchs nach Gerät unmittelbar klar, wo gespart werden kann. Zumal der Strompreis je nach Auslastung des Netzes unterschiedlich hoch ist.

Auf der anderen Seite müsse auf alle Fälle auch auf den Datenschutz geachtet werden - was den Teilnehmern ein besonderes Anliegen gewesen sei, so Bernhard Ertl und Eva Granitz übereinstimmend. Und so gab es am Ende bei allen fünf zur Förderung auszuschreibenden Energiespartechnologien eine Liste an Wünschen aus der Perspektive der künftigen Endverbraucher.

Wären die Experten eigentlich auch alleine zu den Ergebnissen gekommen, die von den Bürgern am Ende formuliert wurden? "Unser Zugang war praktischer", meint Eva Granitz. "Möglicherweise wären die Experten auch draufgekommen, was uns an bestimmten Dingen stört", sagt ihr Kollege Ertl. "Aber es gab bei ihnen schon auch den einen oder anderen Aha-Effekt." 3

Literatur

Helga Nowotny, Peter Scott und Michael Gibbons: Wissenschaft neu denken. Wissenschaft und Öffentlichkeit in einem Zeitalter der Ungewissheit. Weilerswist 2004 (Velbrück). 339 S., € 37,10

Anders Blok: Experts on public trial: on democratizing expertise through a Danish consensus conference. Public Understanding of Science, Bd. 16 (2007), S. 163-182.

Michael Nentwich et al.: Techpol 2.0: Awareness - Partizipation - Legitimität. Vorschläge zur partizipativen Gestaltung der österreichischen Technologiepolitik. Wien 2006.

http://epub.oeaw.ac.at/ita/ita-projektberichte/d2-2e15-2.pdf

Linktipp

www.oeaw.ac.at/ita/fsa.htm

Infos zum ITA-Projekt "Energie und Endverbraucher"

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