Never give up!

aus HEUREKA 1/08 vom 30.04.2008

Boku-Rektorin Ingela Bruner und Biochemikerin Renée Schroeder sind Ausnahmen in der österreichischen Wissenschaft. Eine Diskussion über die Gründe, wo und wann Frauen der Forschung verloren gehen und was dagegen getan werden kann.

Moderation: Birgit Dalheimer & Klaus Taschwer

heureka!: Es gibt in Österreich nach wie vor verhältnismäßig wenige Forscherinnen, auch und zumal in Spitzenpositionen. Wo und wann gehen die Frauen, die ja bei den Studierenden noch die Mehrheit stellen, der Wissenschaft verloren?

Renée Schroeder: Meinen Beobachtungen nach beginnt das bereits bei der Dissertation. Zwar gibt es ungefähr gleich viele männliche wie weibliche Doktoranden. Aber bei den finanzierten Doktorarbeiten - das sind zurzeit ungefähr 2000 von insgesamt 16.000 - fallen die Frauen schon auf ein Drittel zurück. Das heißt, die Frauen schreiben mehr unbezahlte Dissertationen.

Ingela Bruner: Nach der Dissertation geht das in ähnlicher Tonart weiter. Es scheint ja so zu sein - wir arbeiten an der Boku gerade an einer diesbezüglichen Bestandsaufnahme - dass junge Frauen eher auf Stellen landen, die durch Drittmittel finanziert oder befristet sind - und daher prekär sind.

Seit einigen Jahren gibt es in Österreich spezielle Förderungsschienen wie die Lise-Meitner-Stipendien, das Elise-Richter-Programm oder die Hertha-Firnberg-Stellen. Was bringen die?

Bruner: Forschungsförderschienen speziell für Frauen können tatsächlich auch in eine Sackgasse führen, wenn die Frauen nach Ablauf der Spezialprogramme keine feste Stelle an der Uni haben. Ich wäre deshalb unbedingt dafür - obwohl es meinen Entscheidungsfreiraum als Rektorin einengt -, dass die Unis dazu verpflichtet werden, jene Frauen definitiv zu stellen, die bei solchen hochkompetitiven Programmen reüssieren.

Schroeder: Hart formuliert könnte man sagen, dass das zu viel zum Sterben, aber zu wenig zum Leben ist. Bei uns am Campus des Vienna BioCenter gibt es viele Frauen, die auf diese Form - aber auch durch andere Drittmittel - ihre Forschungen und ganze Gruppen finanzieren. Diese Frauen sind sehr gut, aber weniger kompetitiv, weil sie ihre eigene Finanzierung auch immer wieder einwerben müssen.

Die Jahre zwischen dreißig und vierzig, wo Frauen dann oft aus der Wissenschaft aussteigen, sind im Normalfall auch die der Familiengründung. Lassen sich Kinder und Wissenschaft überhaupt vereinbaren?

Schroeder: Ich denke, dass Kinder im Prinzip nicht unbedingt ein Problem für die wissenschaftliche Karriere sein müssen. Das sind eher die männlichen Partner, auf die ihre Frauen oft viel zu viel Rücksicht nehmen. Ich kenne Frauen, die zurückstecken, weil sie dachten, dass ihre Ehe in Brüche gehen würde, wenn sie erfolgreicher wären als ihre Männer. Faktum ist auch, dass Väter hierzulande zumeist nicht dieselbe Leistung bei der Kindererziehung erbringen. Wir werden am Campus bald einen eigenen Kindergarten haben - und erleben gerade einen sensationellen Babyboom. Aber es gibt natürlich auch Probleme, zum Teil aber auch künstlich geschaffene.

Zum Beispiel?

Schroeder: Wenn frau schwanger wird, muss sie im Prinzip sofort aus dem Labor raus. Das sind heute die Schutzbestimmungen, die Frauen quasi entmündigen. Ich habe damals noch bis zu den Wehen gearbeitet. Das geht heute nicht mehr. Und die Projektleiter müssen trotzdem das Geld für diese Zeit zahlen.

Nach wie vor besonders gering ist in Österreich der Anteil der Professorinnen. In der Novelle zum UG 2002 ist nun eine vierzigprozentige Frauenquote in allen Gremien vorgesehen. Ist das nicht eine etwas zahnlose Methode, um die Anzahl der Professorinnen zu erhöhen?

Schroeder: Ich bin da auch skeptisch. Mehr Frauen in den Gremien bringen meiner Erfahrung nach relativ wenig, weil Frauen viel kritischer urteilen als Männer. Dazu kommt das Problem, dass einige Frauen jetzt nur mehr in den Gremien sitzen werden, statt die Arbeiten zu erledigen, die der Karriere zugutekommen. Ich lehne solche Jobs immer öfter ab, einfach weil ich nicht die Zeit dafür habe.

Bruner: Ich bin da etwas anderer Meinung. Ich habe mich über die 40-Prozent-Quote sehr gefreut, auch wenn ich noch lieber eine 50-Prozent-Parität gehabt hätte. Wichtig wäre, diese Positionen auch für den Mittelbau zu öffnen. Dann hätten wir nämlich genügend Frauen. Wir müssen aber noch etwas tun: Wir müssen jenen Personen stärkere Anerkennung entgegenbringen, die diese Formen von Gremialarbeit übernehmen.

Warum eigentlich? Wäre es nicht für die Karriere besser, mehr zu forschen?

Bruner: Ja, das ist ja auch ein Teil des Problems. Wenn wir nur nach Publikationslisten und Impaktfaktoren gehen, dann wird niemand mehr solche Gremialjobs annehmen. In angelsächsischen Ländern oder in Skandinavien wird ein Engagement für die "Zivilgesellschaft Universität" oder auch die Leitung von Departments viel stärker anerkannt als hier. Das möchte ich ändern. Wenn eine Person Verantwortung an der Boku übernimmt oder sich "zivilgesellschaftlich" an der Universität engagiert, dann wird diese die entsprechende Wertschätzung erhalten.

Aber wie kann man den Anteil der Professorinnen nun erhöhen?

Schroeder: Also, ich wäre durchaus dafür, dass man eine bestimmte Anzahl von Professuren einfach für Frauen ausschreibt. Das wäre ehrlich. Frauen sind in Sachen Quoten oft skeptisch. Männer nennen es halt einfach anders. Wenn Männer über Beziehungen zu einem Job kommen, dann haben sie kein Problem damit, Frauen hingegen schon. Als ein grundsätzliches Problem bei Berufungsverfahren sehe ich heute, dass Quantitätskriterien die Qualitätskriterien abgelöst haben. Es geht nur mehr um Impaktfaktoren, und man schaut gar nicht mehr auf die Arbeit selbst. Das macht es für Frauen auch nicht leichter.

Aber das trifft doch Frauen und Männer gleichermaßen?

Schroeder: Nicht unbedingt. Wenn ich mir anschaue, was Männer alles tun, damit sie in eine Zeitschrift kommen, die einen hohen Impaktfaktor hat - das wäre vielen Frauen nur peinlich. Wenn ihre Arbeit abgelehnt wird, fangen Männer an, mit dem Herausgeber zu streiten oder bitten befreundete Kollegen um Interventionen. Die meisten Frauen hingegen reichen dann einfach bei einer anderen Zeitschrift ein, die weniger Impaktpunkte hat.

Bruner: Ich denke, wir sind uns einig, dass es bei den Entscheidungen darum gehen muss, die bestmöglichen Kandidaten und Kandidatinnen auszuwählen. Als Rektorin bin ich ja glücklicherweise in der Lage, bei Berufungen das letzte Wort zu haben. Und ich wehre mich dagegen, dass mir mein Denken durch Impaktfaktoren abgenommen wird. Kennzahlen mögen wichtig sein, aber eine gute Führung muss auch auf die Persönlichkeit der Bewerber und Bewerberinnen achten - sowie auf ihre Fähigkeit, zu lehren und eine Gruppe zu leiten. Wenn wir das wieder gleichberechtigt mitbewerten, dann bin ich mir sicher, dass viele starke Frauen zum Zug kommen werden.

Lässt sich das an Ihrer Uni schon abschätzen?

Bruner: Zu meiner Freude sehe ich, dass wir eine Frau nach der anderen in leitende Positionen bringen können, was uns aber gewissermaßen - offensichtlich bedingt durch ihre hervorragenden Qualifikationen - passiert ist! Die erste Professur wurde mit einer Frau besetzt, bei der nächsten ist eine Frau sehr gut im Rennen. Wir sollten auch nicht vergessen, dass es Uni-Führungspositionen nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in den Serviceeinrichtungen gibt: Das Zentrum für Lehre wurde auf der Boku mit einer Frau besetzt, die eindeutig am besten geeignet war. Ebenso die Bibliotheksleitung und das Strategische Controlling. Und jede dieser erfolgreichen Frauen bewirkt etwas, weil sie selbst zum Vorbild wird.

Frau Schroeder, an Ihnen könnten sich Frauen doch auch ein Vorbild nehmen?

Schroeder: Ich glaube nicht, dass ich ein gutes Rollenmodell bin. Denn wer macht das schon, so viele Jahre lang zu kämpfen und immer wieder Ohrfeigen dafür zu bekommen. Ich habe halt einfach nie aufgegeben. 2002 war eine Professur für Biochemie ausgeschrieben. Beim Dreiervorschlag war ich der Meinung, dass die alle drei schlechter qualifiziert sind als ich und ich drohte, die Universität zu klagen, wenn sie einen der drei beruft. Dann hat der Rektor die Professur einfach nicht nachbesetzt. Die volle Professur habe ich ja erst vor einem halben Jahr erhalten.

Hatten Sie selbst Vorbilder?

Schroeder: Ich habe in Wien Chemie studiert. Damals gab es überhaupt keine Professorinnen. Nur eine Assistentin, die sich das Leben genommen hat, als ich im zweiten Semester war. Bei meinem Post-Doc in Frankreich hatte ich mit Frauen zu tun, die selbst Forschergruppen leiteten und für mich extrem wichtig waren. Meinen dritten Post-Doc machte ich in den USA, und da hatte ich eine Frau als Chefin, die ich gerade wieder in den USA besucht habe. Die ging damals durch eine Krise, und ich sagte ihr, dass sie kämpfen soll, was sie auch getan hat. In Österreich zurück hatte ich dann die Probleme, die sie hatte.

Bruner: Ich hatte keine so direkten Vorbilder und Mentoren. Aber es gab viele Menschen, von denen ich viel gelernt habe, von denen Einzelsätze sich bei mir tief eingeprägt haben. In meiner schwedischen Familie mütterlicherseits gab es eine ganze Reihe toller Frauen, die für uns junge Mädchen durchaus Vorbilder des Aufbegehrens waren. Eine Person, die wichtig war für mich, war Dr. Manfred Winterheller in Graz. Der bestärkte mich darin, große Ziele zu haben. Und nach einem Seminar 1996 beschloss ich, ganz ehrlich zu mir selbst zu sein und mir gegenüber zuzugeben: Ja, ich will Rektorin werden. Eine andere wichtige Einstellung, die ich von ihm vermittelt bekommen habe, war: Never give up!

Für wie wichtig halten Sie Mentorenprogramme?

Bruner: Das ist etwas ganz Wichtiges. Wobei Programme, um Frauen am Beginn der Karriere zu begleiten, nur ein Teil sind. Sie brauchen auch Unterstützung, wenn sie es zu einer Professur gebracht haben, weil solche Frauen es oft nicht leicht haben. An der MedUni Wien zum Beispiel treffen sich die Professorinnen regelmäßig zum Netzwerken und erarbeiten gemeinsame Strategien. So etwas will ich auch hier an der Boku unterstützen. Darüber hinaus freue ich mich über das Kooperationsangebot von Renée Schroeder, verantwortliche Boku-Frauen mit ihren Kolleginnen an den Max-Perutz-Laboratorien zusammenzubringen. Wie Sie sehen, hat das heutige Gespräch bereits etwas ausgelöst!

Schroeder: Ich bin selbst auch eine Mentorin und ich denke, dass meine Mentees schon davon profitiert haben. Und ich finde auch internationale Mentorinnenprogramme wie WISE-Net, was für "Women in Science and Education" steht, sehr wichtig - auch um Dinge zu besprechen, die sonst nicht besprochen werden. Und dafür gehen wir alle 14 Tage - wie die Männer - auch ordentlich was trinken. Unser zweites Hauptanliegen ist es, die Sichtbarkeit von Frauen zu erhöhen.

Apropos Sichtbarkeit. Sie stehen beide als Wissenschaftlerinnen sehr stark in der Öffentlichkeit. Wie wichtig ist Ihnen das selbst?

Schroeder: Mir ist diese Medienpräsenz eindeutig passiert. Begonnen hat das mit dem Gentechnik-Volksbegehren im Jahr 1997. Da dachte ich mir, dass ich eine Botschaft habe, die ich vermitteln möchte. Und da bekam ich sehr viel Feedback, und ich entdeckte, dass ich eine gewisse Begabung habe, Dinge zu erklären. Außerdem macht es mir Spaß. Ich glaube nicht, dass ich als Frau gefragt werde, sondern als Expertin. Auf Podien hab ich oft drei Rollen: die Frau, die Wissenschaftlerin und die Atheistin. Ich soll alle drei Rollen verkörpern - nicht selten gegen drei Männer. Das ist oft recht anstrengend.

Bruner: Ich war von der großen medialen Aufmerksamkeit, die meine Wahl zur Rektorin unmittelbar danach auf sich zog, ziemlich überrascht, werde aber an der Uni durch eine sehr gute Medienspezialistin, mit der ich mich berate, wunderbar unterstützt. Außerdem habe ich enorm viel Freude daran, in Interviews und Diskussionen zu bildungspolitischen Fragen Stellung zu nehmen - so wie jetzt gerade. Die Interviewenden lösen bei mir immer wieder einen interessanten Nachdenkprozess aus. 3

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige