Leidenschaft und Vorurteile

Christiane Nüsslein-Volhard | aus HEUREKA 1/08 vom 30.04.2008

Frauen in wissenschaftlichen Spitzenpositionen sind nach wie vor eine Minderheit. Das hat eine ganze Reihe von Gründen. Doch etliche dieser typischen Karrierefallen könnten entschärft werden.

Leben im Ausnahmezustand. Wissenschaftliche Forschung erfordert spezielle Talente, wie Intelligenz, Leidenschaft und Fleiß. Diese allgemein anerkannten Tatsachen gelten für Männer und Frauen gleichermaßen. Gemessen an ihrem Potenzial waren und sind Frauen aber in der Wissenschaft immer noch unterrepräsentiert, speziell wenn es um Professuren oder leitende Forschungspositionen geht. In Deutschland beispielsweise sind nur rund elf Prozent aller Professoren Frauen. In der Max-Planck-Gesellschaft ist der Anteil von Frauen unter den Direktoren mit etwa sieben Prozent noch geringer.

Früher habe ich mich als Repräsentantin einer kleinen Minderheit vielfach unwohl gefühlt, ungeschützt und oft übersehen. Dieses Leben im Ausnahmezustand, als Rollenbild war nicht immer angenehm.

Als man mir seinerzeit am Europäischen Labor für Molekularbiologie (EMBL) in Heidelberg eine Gruppenleiterstelle anbot, musste ein jüngerer männlicher Kollege das Labor mit mir teilen. Eine Frau alleine hätte kein eigenes Labor überantwortet bekommen.

Das funktionierte jedoch sehr gut, der junge Kollege war Eric Wieschaus. Unsere "erzwungene" Zusammenarbeit war Ausgangspunkt eines fantastischen Projekts, für das wir 15 Jahre später den Nobelpreis erhielten.

1985 wurde ich zur Direktorin eines Max-Planck-Instituts ernannt. Ich erachtete das als großen Erfolg - bis ich herausfand, dass nie zuvor oder danach ein neuer Direktor so wenig Geld und Platz bekommen hat wie ich. Aber das sollte sich bald ändern: Dank sehr guter Arbeitsbedingungen und exzellenter Mitarbeiter war mein Labor sehr erfolgreich. Die Anerkennung ermutigte mich, den Präsidenten um eine Aufstockung zu bitten, und schließlich wurde auch mir zugeteilt, was meine männlichen Kollegen von vornherein erhalten hatten.

Bewunderung und Ablehnung. Ich denke, die Situation für Frauen in der Wissenschaft hat sich inzwischen entscheidend verändert. Offene Diskriminierung ist sehr selten geworden. Im Gegenteil, in vielen Ländern gibt es enormen politischen Druck auf Universitäten und Forschungseinrichtungen, den Anteil an Wissenschaftlerinnen in Leitungspositionen zu erhöhen. Damit erhebt sich die Frage nach möglichen Zielen einer Politik für Frauen in der Wissenschaft: Sollten etwa fünfzig Prozent aller Posten mit Frauen besetzt sein?

Ich halte dieses Ziel zugegebenermaßen für nicht sehr vernünftig. Viele Frauen bewundern mich zwar für meinen Erfolg, würden aber gleichzeitig meinen Job nicht haben wollen. Männer und Frauen sind einfach verschieden. Das ist selbstverständlich keine Frage von Intelligenz, Fähigkeiten oder Talenten. Aber nach meinen Beobachtungen unterscheiden sich die Stärken, Ziele und Interessen von Frauen - zumindest im Durchschnitt - von denen ihrer männlichen Zeitgenossen.

Die Eitelkeit der Männer. Ich kenne viele Frauen, die meine Abneigung gegen den persönlichen Stolz, die Eitelkeit und den engen Fokus mancher erfolgreicher männlicher Kollegen teilen. Ich verstehe Frauen, die es nicht ausstehen können, wenn sich jemand in den Vordergrund spielt, und die nicht willens sind, das Spektrum ihrer Interessen, inklusive Familie und Freunde, einzuengen.

Ich persönlich habe während meiner Schul- und Studienzeit breite Interessen verfolgt, mich dann aber notwendigerweise weitgehend auf mein wissenschaftliches Leben konzentriert. Ich habe keine Familie, was viele mögliche Konflikte vermeiden hilft.

In meiner wissenschaftlichen Karriere hatte ich mehr Glück und Erfolg, als man erwarten kann. Nichtsdestotrotz wären nicht alle als Wissenschaftlerinnen ausgebildeten Frauen gern an meiner Stelle. Das muss man respektieren. Offensichtlich ist allerdings auch, dass viele talentierte Frauen mit großem Potenzial keine wissenschaftliche Karriere machen, obwohl sie es wollten. Und zwar aus einer komplizierten Mischung verschiedener Gründe.

Geschlecht und Charakter. So mangelt es Frauen vielfach an Selbstvertrauen, sie sind zu zurückhaltend und bescheiden. Auf der anderen Seite aber werden Frauen mit Eigenschaften, die generell eher Männern zugeordnet werden - wie eine laute Stimme, dominant-aggressives Verhalten oder offenes Zur-Schau-Stellen von Selbstvertrauen - in unserer Gesellschaft auch nicht geschätzt. Oft hilft es, Arbeitssituationen im Geist durchzugehen und zu erkunden, ob dieselben Erwartungen und Fragen, die man an Frauen stellt, auch für einen männlichen Wissenschaftler gelten würden.

Eine erfolgreiche Wissenschaftlerin wird von ihren Mitmenschen oft als Bedrohung und ehrfurchtgebietend empfunden - sowohl von Männern wie von Frauen. Als Attraktivitätsmerkmale gelten bei Frauen im Allgemeinen eher Schönheit und soziale Fähigkeiten als intellektuelle Errungenschaften.

Im Rückblick erkenne ich, dass ich meinen Erfolg intuitiv so weit wie möglich vor meinen Kollegen und Freunden verborgen habe, um nicht zu provozieren. Vielen Männern fällt es deutlich schwerer, die Überlegenheit einer Frau zu akzeptieren als die eines männlichen Kollegen.

Karriere auch mit Kindern. Das Problem, Familienleben und Karriere zu vereinen, betrifft meistens die Frauen. Viele Wissenschaftlerinnen entscheiden sich deshalb gegen Kinder. Wir sollten daher alles tun, um talentierten und ehrgeizigen Wissenschaftlerinnen auch mit Familie eine unabhängige, erfolgreiche Karriere zu ermöglichen. Die Vorbehalte mancher männlicher Wissenschaftler gegenüber ihren Mitarbeiterinnen mit Kindern kommen vielleicht einfach daher, dass sie sich nicht vorstellen können, wie sie selbst ihre Karrieren ohne die ständige Unterstützung ihrer Frauen geschafft hätten.

Eine typische Karrierefalle für Frauen ist, dass sie lange Karenzzeiten nehmen und in Teilzeitpositionen zurückkehren. Das ist oft das Ende unabhängiger wissenschaftlicher Arbeit. Talent, Fähigkeiten und Qualifikation reichen nicht - eine wissenschaftliche Karriere verlangt auch eigenständige wissenschaftliche Arbeit und Publikationen. Das wiederum braucht Zeit und Energie, anders geht es nicht. Man kann Frauen mit Kindern Zugeständnisse in Bezug auf ihr Alter machen, aber nicht, was die Qualität und Bedeutung ihrer Publikationen betrifft.

Frauen haben oft große emotionale Probleme, einen Teil der Erziehung und Betreuung ihrer Kinder anderen zu überantworten, selbst wenn es geschultes Personal ist. In vielen europäischen Ländern macht der gesellschaftliche Druck Frauen ein schlechtes Gewissen, nicht ausreichend Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Tatsächlich ist es aber so, dass Kindern eine qualitätsvolle Tagesbetreuung und die Gesellschaft anderer Kinder zumeist viel Freude macht.

Laborarbeit statt Hausarbeit. Manche Frauen - speziell in Österreich, der Schweiz oder Deutschland - weigern sich, Haushaltshilfen in Anspruch zu nehmen, auch wenn sie so mehr Zeit mit ihrer Familie oder im Labor verbringen könnten statt damit, Wäsche zu waschen. Für Frauen am Beginn ihrer Karriere ist das klarerweise oft zu teuer. Ich habe gemeinsam mit meiner Kollegin Maria Leptin deshalb eine Stiftung gegründet, die talentierte junge Mütter mit Förderungen für Haushaltshilfen unterstützt. Unsere ersten Erfahrungen sind positiv, nicht zuletzt wegen der moralischen Unterstützung, die wir diesen Frauen geben können.

Ein weiteres Problem, das Frauen mehr betrifft als Männer, ist ihre Bereitschaft, organisatorische Arbeiten in ihrer Institutionen zu übernehmen, wenn immer sie darum gebeten werden. Zusätzlich werden Frauen, weil sie in der Wissenschaft immer noch eine Minderheit sind, gerne mit Einladungen zu Mitgliedschaften in verschiedensten Gremien überhäuft. Frauen müssen solche Anfragen häufiger ablehnen als Männer, und sie müssen es aushalten, dafür nicht immer geliebt zu werden. Wären Männer sensibler gegenüber Genderfragen, wäre die verpflichtende Teilnahme einer Frau in Kommissionen unnötig.

Ende der Diskussion. Die Aussichten für Wissenschaftlerinnen waren zwar nie besser als jetzt, aber immer noch haben Frauen nicht die gleichen Möglichkeiten wie Männer, ihre Leidenschaft für die Wissenschaft in eine erfolgreiche Karriere zu verwandeln. Ich hoffe, dass all die Bemühungen, das zu ändern, bald zu einer Situation führen, in der das Thema Frauen in führenden Positionen in der Wissenschaft nicht mehr ständig diskutiert werden muss. 3

Übersetzung: Birgit Dalheimer

Der Text ist eine gekürzte Fassung des Artikels: "Women in science - passion and prejudice", erschienen in Current Biology (Bd. 18, Nr. 5, 2008). Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von Elsevier.

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