Schiedsgericht mit Schlagseite

Elke Ziegler | aus HEUREKA 1/08 vom 30.04.2008

Peer-Review ist das Standardverfahren zur Beurteilung der wissenschaftlichen Qualität von Studien und Projekten. Doch diese Form der Begutachtung geht immer wieder zuungusten von Frauen aus.

Sturm der Entrüstung. Das Vorhaben von Christine Wennerås und Agnes Wold klang einfach und musste dennoch bei Gericht eingeklagt werden: Bewerbungen von Frauen um Post-Doc-Stipendien beim Schwedischen Forschungsrat für Medizin wurden doppelt so häufig abgelehnt wie jene ihrer männlichen Kollegen. Die beiden Medizinerinnen wollten den Grund wissen und die Bewertungen der Frauenanträge im Rahmen des Peer-Review analysieren - und lösten damit einen Sturm der Entrüstung aus.

Das Verfahren sei geheim, eine Einsicht deshalb nicht möglich, und außerdem sei alles höchst objektiv abgelaufen, so die Argumentation. Die Forscherinnen klagten. Laut einem schwedischen Gesetz haben alle Bürger Zugang zu Dokumenten, die sich im Besitz von staatlichen und regionalen Behörden befinden. Das Gericht verpflichtete den Forschungsrat, die Dokumente herauszurücken.

Die Analyse von Wennerås und Wold erschien bereits 1997 im britischen Wissenschaftsmagazin Nature (Bd. 387, S. 341-343; begutachtet von drei Männern, wie Nature anmerkte). Bis heute wird sie als der Beleg schlechthin dafür zitiert, was die Verzerrung des scheinbar objektiven Peer-Review-Verfahrens zum Nachteil der Frauen betrifft: Es konnte nämlich erstmals eindeutig belegt werden, dass männliche Gutachter die wissenschaftliche Kompetenz von Forscherinnen geringer einschätzten als die der Geschlechtsgenossen - und zwar unabhängig von Zahl und Ort der Publikationen.

Beste Qualitätsprüfung? Das Peer-Review-Verfahren gilt als die beste Methode, um die inhaltliche Qualität von Projektanträgen, aber auch von Publikationen zu prüfen. Dabei ist das Verfahren noch gar nicht so alt: "Erfunden" im England des 18. Jahrhunderts, konnte sich die Methode erst nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Förderungseinrichtungen und Magazine im englischsprachigen Raum richtig etablieren. Nicht ohne Funktionsverschiebung: Während ursprünglich die Klärung inhaltlicher Fragen im Mittelpunkt stand, wurde es zu einem Schiedsgericht, das über Geld und Publizität entscheidet.

Genau darin liegt aber auch die Problematik von Verzerrungen, etwa hinsichtlich des Geschlechts. Wer weniger bewilligte Projekte und eine geringere Anzahl von Veröffentlichungen vorzuweisen hat, bekommt wieder weniger Geld und Öffentlichkeit in Form von Publikationen: ein Teufelskreis, der von einem Peer-Review-Verfahren mit geschlechtsspezifischer Voreingenommenheit am Leben erhalten wird.

Aber wie lässt sich diese Verzerrung festmachen? Renommierte Zeitschriften weisen jedenfalls entrüstet von sich, dass es bei ihnen so etwas wie einen Gender-Bias gebe.

Nachfragen bei Nature. Anfragen von heureka! bei den einflussreichen Wissenschaftsjournalen Nature und Science zeigen jedenfalls, dass sie auch kein Interesse daran haben, der Frage nachzugehen: Ruth Francis, Pressesprecherin von Nature, betont, dass sie keine Aussagen dazu machen kann, weil es bei ihrer Zeitschrift keine Aufzeichnungen zum Geschlecht ihrer Autoren gibt.

Wie das Männer-Frauen-Verhältnis bei den Gutachtern aussieht, dazu könne sie sowieso nichts sagen, denn das sei alles "streng vertraulich". Gleichlautend die Aussage von Natasha Pinol von Science: Man wolle schlicht die "beste Forschung" publizieren, ohne dabei auf das Geschlecht zu achten, so der Tenor beider Journale.

"Das ist genau das Problem: Man erfährt einfach nichts, und das Peer-Review-Verfahren bleibt unangetastet als objektiv bestehen", kritisiert Brigitte Ratzer, Leiterin der Koordinationsstelle für Frauenförderung und Gender Studies an der Technischen Universität (TU) Wien.

Dass akademische Leistungen von Frauen und Männern unterschiedlich bewertet werden, habe sie hauptsächlich in Berufungsverfahren erlebt: "Da wird beim Herrn Kollegen die lange Publikationsliste gelobt, während man bei der Frau Kollegin kritisiert, dass man bei den vielen Publikationen gar nicht wissen kann, was sie tatsächlich zu den Studien beigetragen hat", erzählt Ratzer, die viele Jahre als Gleichstellungsbeauftragte der TU tätig war.

Matthäus und Matilda. Sie bestätigt damit aus der Praxis den sogenannten "Matthäus-Effekt" und seine Gender-Variante "Mathilda": "Wer hat, dem wird gegeben werden", heißt es im Matthäus-Evangelium. In der Wissenschaft gilt das offenbar vor allem für Männer. Ihre Publikationen werden häufig zitiert, ihre Forschung damit angesehener, wodurch sie bei Gutachten besser abschneiden. Der "Mathilda-Effekt" führt hingegen dazu, dass die Arbeit von Frauen Männern zugerechnet wird und die positive Aufmerksamkeitsspirale nie in Gang kommt.

Trotz der Geheimniskrämerei gibt es doch immer wieder Belege, dass Peer-Review eine Frauen benachteiligende Schlagseite haben kann. Zuletzt machte ein Versuch des Fachjournals Behavioral Ecology Schlagzeilen: Die Zeitschrift stellte ihr Begutachtungsverfahren im Jahr 2001 von "single-blind" auf "double-blind" um: Plötzlich waren nicht mehr nur die Gutachter anonym, sondern auch die Namen der Autorinnen und Autoren wurden so verändert, dass kein Geschlecht mehr abgelesen werden konnte - beide Seiten waren also "blind".

Doppelblind macht's sichtbar. Die Veränderungen waren erstaunlich: In den vier Jahren vor 2001 stammten in Behavioral Ecology 220 Veröffentlichungen von männlichen Erstautoren und 84 von weiblichen, in den vier Jahren nach der Umstellung waren es 277 Studien von Männern und 162 von Frauen. Ein klarer Fall von Gender-Bias, heißt es in der heuer veröffentlichten Analyse (Trends in Ecology and Evolution, Bd. 23, S. 4). Denn auch die Anzahl von Ökologie-Absolventinnen ist in den analysierten Jahren nicht so stark gestiegen, dass sich damit der sprunghafte Zuwachs bei den Erstautorinnen erklären ließe.

"Doppelblindverfahren sollten eigentlich Standard bei Peer-Reviews sein", meint auch der Wissenschaftsforscher Gerhard Fröhlich von der Universität Linz. Zeitschriften rühmen sich gerne mit prominenten Forschern, deshalb sei eigentlich die dreifache Blindheit angesagt, um systematische Verzerrungen zu verhindern, so Fröhlich: Auch die Herausgeber sollten nicht erfahren, wer Studien zur Publikation einreicht. Dann könnten sie nicht etwa durch die Wahl besonders strenger oder milder Gutachter das Ergebnis weitgehend vorherbestimmen.

Mit seinem Vorstoß wird Fröhlich aber wohl ungehört bleiben: Nature hat sich kürzlich erst sogar gegen die Einführung von Double-Blind ausgesprochen - das sei einfach nicht nötig, die Objektivität auch so gesichert, wurde argumentiert.

Antragsteller ohne Anonymität. Auch bei den Forschungsförderungseinrichtungen hält man bisher nicht viel von einer Anonymisierung der Antragsteller: Man brauche die Angaben zur Person und die Publikationslisten, um die Ansuchen in ihrer Qualität beurteilen zu können, erklärt Gerhard Kratky, Geschäftsführer des Forschungsförderungsfonds FWF. Angesichts der nahe beieinanderliegenden Bewilligungsraten von Frauen und Männern (40,6 Prozent der Frauenanträge wurden 2007 bewilligt, 41,8 von jenen der Männer) könne man nicht von einem Gender-Bias bei der Begutachtung sprechen.

Beim START-Programm, das sich an junge Spitzenforscherinnen und -forscher wendet, weisen die Zahlen für 2007 sogar einen Vorteil für Wissenschaftlerinnen aus: Frauen stellten 18,7 Prozent der Bewerbungen und bekamen 25 Prozent der Bewilligungen. Für die Jahre zuvor sieht die Sache allerdings etwas anders aus: von den 1996 bis 2006 von einer Fachjury (also per Peer-Review) ausgewählten 54 Preisträgern waren nur zwei Frauen, also 3,7 Prozent. Bei den Anträgen stellten Frauen indes (immer noch schwache) 13 Prozent, nämlich 46 von 354. Kratky meint dazu, dass der FWF sensibler geworden sei für die Schwierigkeiten von Frauen in der Forschung - indem man unter anderem das strikte Alterslimit von 35 Jahren aufweichte.

Systematische Unterschiede. Bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ist man in einer Analyse auf nur kleine, aber als systematisch bewertete Unterschiede nach Geschlecht und Alter gestoßen. Dort vermutet man im Peer-Review-Verfahren die Ursachen und denkt ein Experiment an: Durch einen vorübergehenden Blind-Review könnte überprüft werden, ob Gutachten durch die Reputation der Einreichenden beeinflusst werden - sprich: ob der Matthäus-Effekt auch hier gilt.

Es könnte sein, dass - analog zur Analyse der Schwedinnen Wennerås und Wold - Antragstellerinnen höhere Nachweise wissenschaftlicher Kompetenz abverlangt werden als männlichen Kollegen. Im Reich des geheimnisumwitterten Peer-Review klingt das fast schon wie ein Offenbarungseid. 3

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