Verschieden und doch gleich

Birgit Dalheimer | aus HEUREKA 1/08 vom 30.04.2008

Frauen können sich nicht orientieren, Männer nicht zuhören. Solche Thesen à la "Frau kommt von der Venus, Mann vom Mars" verkaufen sich gut. Wissenschaftlich haltbar sind sie aber meist nicht.

Sind Frauen auch nur Männer? Sie werfen weiter und schneller, masturbieren öfter, sind aufgeschlossener gegenüber One-Night-Stands und neigen etwas mehr zu körperlicher Aggression. Das ist es aber auch schon, worin sich Männer im Durchschnitt nachweislich von Frauen unterscheiden. Diesen Schluss hat sich die Psychologin Janet S. Hyde von der University of Wisconsin nicht leicht gemacht. Sie verglich insgesamt 46 Meta-Analysen über Geschlechterunterschiede, die wiederum auf Einzeluntersuchungen über Intelligenz, Sprachvermögen, soziale und psychologische Eigenschaften, motorische Fähigkeiten bis hin zu moralischem Empfinden beruhten (American Psychologist, Bd. 60, S. 581-592, 2005).

Und siehe da: Die lange Liste angeblich angeborener Unterschiede ist laut Hydes Meta-Meta-Analyse schlichtweg völlig übertrieben. Aus Behauptungen wie: Frauen können von Natur aus schlechter einparken und nicht räumlich denken, Männer lernen weniger leicht Sprachen und sind überhaupt nicht so kommunikativ - kurz, Frauen kämen von der Venus und Männer vom Mars -, mögen sich zwar einträgliche Bestseller basteln lassen, sie sind nur einfach großteils falsch.

Bis vor etwa zwanzig Jahren galt die prinzipielle Gleichheit der Geschlechter - abgesehen von den offensichtlichen körperlichen Unterschieden. Dann traten vor allem Psychologie und Neurowissenschaft auf den Plan. Und plötzlich mehrten sich Untersuchungsergebnisse, die vermeintliche naturgegebene Unterschiede im Verhalten der Geschlechter herausarbeiteten und diese mit evolutionär bedingten Notwendigkeiten zu begründen suchten.

Was taten Frauen in der Steinzeit? Versuche, menschliches Verhalten als Folge evolutionär notwendiger Anpassungen vor langer, langer Zeit zu erklären, sind bestechend. Die Eigenschaften, die vor zehntausenden Jahren notwendig waren, um zu überleben und sich fortzupflanzen, so der Grundtenor der Evolutionspsychologie, die hätten sich seither in die menschliche Natur eingeschrieben. Erklärt wird damit alles vom männlichen Seitensprung bis zum fehlenden Orientierungssinn der Frauen.

Allerdings stellen Archäologen immer öfter das klassische Bild der Jäger- und-Sammler-Gesellschaften, das diesen Erklärungsmodellen meist zugrunde liegt, infrage. Das fängt damit an, dass die altsteinzeitliche Frau wahrscheinlich gar nicht nur in ihrer Höhle oder ihrem Zelt saß, Kinder hütete oder Beeren sammelte. Sondern sie beteiligte sich vermutlich ebenso sehr an der Jagd wie die Männer. Nomadisierend durch die Lande gezogen sind unabhängig von Geschlecht und Alter sowieso alle. Weshalb sollte man eigentlich annehmen, dass die Frauen dabei mit Kind und Kegel blindlings den Männern folgten, die immer wussten, wo's langgeht?

Und was die Mutterrolle betrifft, schreibt die US-amerikanische Neuropsychologin Louann Brizendine in ihrem umstrittenen Bestseller "Das weibliche Gehirn. Warum Frauen anders sind als Männer" (2007) zwar, dass die Frau durch das Kinderkriegen seit jeher ein anderer Mensch würde, weil sich ihr Gehirn verändere. Gut, das tut das Hirn einerseits immer wieder als Reaktion auf einschneidende Veränderungen - und zu denen gehört wohl unbestritten auch die Mutterschaft.

Andererseits bedeutet das noch lange nicht, dass die vornehmlich in patriarchalischen Gesellschaften geltenden Rollenbilder von Frauen als Wesen, deren Bestimmung einzig und allein in der liebevollen Aufzucht ihres Nachwuchses liegt, "naturgegeben" wären. Mutterschaft ist überall in der Natur ein ununterbrochener Entscheidungsprozess, zu dem im Extremfall auch Kindstötung, Kinder im Stich zu lassen, Fremdgehen und Promiskuität gehören - keine Spur von zurückhaltenden, leidenschaftslosen Weibchen ohne eigene Interessen, argumentiert die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy in ihrem Monumentalwerk "Mutter Natur" (2000).

Ticken Frauenhirne anders? Die Diskussion über naturgegebene Geschlechterdifferenzen verlagerte sich zuletzt - auch durch den Siegeszug der Hirnforschung - immer mehr in das Gehirn. Da gibt es tatsächlich anatomische Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Das Gehirn einer Frau ist ein bisschen kleiner und leichter als das eines gleich großen Mannes. Was aber bedeuten diese durchschnittlich hundert Gramm Gewichtsdifferenz? "Rückschlüsse auf die Intelligenz lassen sich daraus auf jeden Fall nicht ziehen. Das zeigen unzählige Untersuchungen", sagt der Neuropsychologe Aljoscha Neubauer von der Universtität Graz.

Der britische Psychologe Simon Baron-Cohen (der Cousin des Komikers Sacha Baron Cohen) sieht freilich schon Unterschiede: und zwar in der Verschaltung des weiblichen Gehirns, das eher auf Empathie angelegt sei, "während im männlichen Gehirn die Netzwerke für das Verstehen und Bauen von Systemen die Fundamente bilden". Diese Behauptung untermauerte er durch ein Experiment mit Neugeborenen: Männliche Babys schauten eher auf ein Mobile, während kleine Mädchen das lächelnde Gesicht einer Mitarbeiterin bevorzugten.

Bleibt die Frage, was das bedeutet. Denn schließlich entwickeln sich neunzig Prozent der Verknüpfungen im Gehirn erst in den ersten Lebensjahren, und zwar in Reaktion auf Erfahrungen in und mit der Umwelt. Die wenigsten Unterschiede zwischen den Gehirnen der Geschlechter sind also wirklich angeboren. Und selbst wenn es Unterschiede gibt, kann niemand sagen, ob oder wie sie mit dem Verhalten zusammenhängen, gibt etwa der Neuropsychiater Lutz Jäncke von der Universität Zürich zu bedenken.

Haben Frauen keinen Orientierungssinn? Ob wir in einer fremden Stadt anhand von konkreten Orientierungshilfen wie Wirtshäusern oder Schuhgeschäften oder anhand abstrakterer Richtungsangaben wie Norden, Süden oder 500 Meter geradeaus nachhause finden, ist keine Frage der Natur. Der angeblich schlechtere Orientierungssinn von Frauen ist Folge geschlechtsstereotyper Sozialisation, darin stimmen die meisten einschlägigen Untersuchungen überein.

Der einzig signifikante Unterschied findet sich beim sogenannten mentalen Rotationstest. Dabei wird das räumliche Vorstellungsvermögen gefordert, indem man dreidimensionale Figuren im Geist auf Übereinstimmungen prüft. Das scheint Männern leichter zu fallen als Frauen.

Verantwortlich dafür könnte das Testosteron sein. Die Sexualhormone sind bei Mann und Frau zwar nicht grundverschieden: Sowohl das männertypische Hormon Testosteron als auch das frauentypische Östrogen kommen bei beiden Geschlechtern vor - nur eben in deutlich unterschiedlichen Mengen. Männer haben durchschnittlich zehnmal so viel Testosteron wie Frauen. Das viele weibliche Östrogen scheint den Frauen die Sicht beim mentalen Rotieren zu vernebeln. Wenn indes der Östrogenspiegel während der Menstruation sinkt, dreht die Frau dreidimensionale Objekte im Kopf fast so gewandt wie der Mann.

Eine andere Folge der hormonellen Schwankungen hat der Psychologe Markus Hausmann von der Durham University entdeckt: Anstatt wie sonst mit beiden Gehirnhälften gleichzeitig verarbeitet das weibliche Gehirn Aufgaben während der Menstruation und im fortgeschrittenen Alter, wenn die weiblichen Hormonspiegel sinken, asymmetrisch. Zum Beispiel Sprache rechts, Raum links - wie Männer. Während der Regel und nach den Wechseljahren nähert sich das Denken der Frau also dem des Durchschnittsmanns an.

Und was folgt daraus? Insgesamt gibt es deutlich mehr Studien, die belegen, dass die Unterschiede im Verhalten innerhalb eines Geschlechts statistisch größer sind als die zwischen den Geschlechtern. Was können die Untersuchungen über behauptete Unterschiede zwischen Frau und Mann für die Einzelne und den Einzelnen dann überhaupt erklären? Eigentlich nicht besonders viel, lautet ein weiterer Schluss aus Janet Hydes Meta-Analyse.

Umso größere Vorsicht sei bei griffig formulierten Mars-Venus-Thesen geboten, meint die Psychologin. "Diese Behauptungen können die Möglichkeiten von Frauen am Arbeitsplatz einschränken, sie bringen Paare davon ab zu versuchen, ihre Konflikte und Kommunikationsprobleme zu lösen, und sie führen zu völlig unnötigen Erschwernissen, die das Selbstvertrauen von Kindern und Heranwachsenden verletzten können."3

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