Frauenherzen schlagen anders

Andreas Feiertag | aus HEUREKA 1/08 vom 30.04.2008

Viele Jahrzehnte lang haben Forschung und Pharmaindustrie den Mann als medizinisches Maß für den Menschen genommen - mitunter mit letalen Folgen für Frauen. Die Gendermedizin schafft seit ein paar Jahren Abhilfe

Aspirin und Aids. Was wäre die Medizin doch ohne Acetylsalicylsäure? Nicht nur, dass Aspirin Kopfschmerzen lindert und Fieber senkt. Als Blutverdünner reduziert es auch gleich noch die Risiken für Herzinfarkte und Schlaganfälle. Das haben Dutzende Studien über viele Jahre zwar eindeutig belegt. Ganz entspricht das dennoch nicht der Wahrheit.

Erst neuere Untersuchungen fanden einen kleinen Unterschied in der Wirkung: Während bei Männern hundert Milligramm des Wirkstoffes die Gefahr eines Infarkts um 32 Prozent und die eines Schlaganfalls um 16 Prozent verringern, senken sie bei Frauen zwar das Schlaganfallrisiko um dreißig Prozent, haben aber überhaupt keinen Einfluss auf die Entstehung eines Herzinfarktes.

Schlagen Frauenherzen also nicht nur literarisch anders? Es dauerte verblüffend lang, ehe die Medizin begriff, dass es neben Männern noch andere Menschen gibt. Und es bedurfte eines Anlasses: Aids. Als man in den 1990er-Jahren die antivirale Therapie gegen HIV einführte, waren Ärzte überrascht, dass Männer sehr gut darauf ansprachen, bei Frauen hingegen die Sterblichkeitsrate um dreißig Prozent hinaufschnellte. Die Dosis war zu hoch. Diese Tragödie stellte die Geburtsstunde der Gendermedizin dar, bis dahin waren Frauen nichts anderes als Männer.

Männerdomäne Medizin. Medizin ist in Europa und den USA kulturell bedingt männlich. Die geschichtlichen Faktoren dafür beginnen beim Hochschulzugang und enden bei tradierten Rollenbildern, die noch heute an Gesundheitsstatistiken abzulesen sind: Nicht einmal zehn Prozent des "starken" Geschlechts gehen zu Vorsorgeuntersuchungen, während fast doppelt so viele Frauen dieses Angebot in Anspruch nehmen. Entsprechend werden Frauen um fast dreißig Prozent mehr Arzneien verschrieben als Männern.

Freilich sind nur die wenigsten Medikamente (jene gegen Erkrankungen der Brust, Gebärmutter und Eierstöcke) an Frauen getestet worden: "Zum einen, um Frauen im gebärfähigen Alter vor den Risken zu schützen. Zum anderen, um eine Beeinflussung der Ergebnisse durch den hormonellen Zyklus zu vermeiden", erklärt die Wiener Internistin und Kardiologin Jeanette Strametz-Juranek, Vorsitzende der Österreichischen Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin.

Und nach dem Unglück mit dem Beruhigungsmittel Contergan, das Embryos im Mutterleib schädigte, verbot die US-Gesundheitsbehörde FDA in den 1960er-Jahren sogar die Teilnahme von Frauen an Medikamententests. Was Pharmafirmen nur recht war. Denn die rekrutierten ihre Probanden für die Studien primär aus dem Militär. Die Ergebnisse wurden dann einfach auf Frauen übertragen.

Differenzen der Verdauung. Dabei war damals schon bekannt, dass beispielsweise der Verdauungstrakt je nach Geschlecht unterschiedlich funktioniert: Frauen haben weniger Magensäure und ihr Magen entleert sich langsamer, weshalb Medikamente länger im Magen bleiben und sich so die Wirkung verstärken kann. Auch die Hormone Östrogen und Progesteron haben einen mitunter erheblichen Einfluss auf die Wirkung der Präparate.

"Ein Spezialthema sind Herzinfarkte und Schlaganfälle", sagt Strametz-Juranek. Frauen haben von Natur aus eine höhere Herzfrequenz. Etliche Medikamente (Neuroleptika, Betablocker, Kalziumantagonisten) können bei ihnen deshalb zu Rhythmusstörungen führen.

Bei Frauen unterscheiden sich die Risiken generell von jenen der Männer. So erhöhe Migräne mit Aura das Risiko für einen Schlaganfall um das 2,8-Fache, jenes für einen Infarkt um das 2,4-Fache, so Strametz-Juranek. Und sogar eine Depression erhöhe die Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. "In diesem Fall wissen wir zwar, dass es so ist, haben aber keine Ahnung, warum", gibt die Kardiologin unumwunden zu.

Forschung mit Frauenanteil. Weitere geschlechtssensitive Forschung tue also not - und sie passiert mittlerweile auch: Seit 2003 verlangt die FDA für die Zulassung eines für Männer und Frauen konzipierten Medikaments einen mindestens vierzigprozentigen Frauenanteil in den Studien. Auch ihr europäisches Pendant, die EMEA, legt bei Zulassungen nun Wert auf eine Frauenquote.

Was die Bewältigung der Vergangenheit anbelangt, ist Strametz-Juranek weniger zuversichtlich: "Es wäre wünschenswert, dass all die vielen Medikamente, die uns Frauen seit Jahrzehnten verordnet werden, endlich auch an Frauen getestet würden. Aber wer soll das bezahlen?"

Apropos Geld: Die nunmehr verpflichtende Einbeziehung von Frauen in klinische Studien werde voraussichtlich die Medikamentenkosten erhöhen, prophezeit die Internistin. "Auf Dauer jedoch werden die Gesundheitsausgaben dadurch sinken, weil weniger Überdosierungen verabreicht und weniger Nebenwirkungen behandelt werden müssen."3

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige