"Graues Haar, blasse Haut ..."

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 1/08 vom 30.04.2008

In den Medien sind Wissenschaftlerinnen kaum präsent. Und wenn, dann werden sie häufig mit Klischees befrachtet. Was tun? Über Backrezepte, das Sprechen im Konjunktiv und Medienquotenfrauen.

Augenöffner. Das Resultat war ernüchternd. Bei der Analyse von sechs Ausgaben eines österreichischen Wissenschaftsmagazins zeigte sich, dass Forscherinnen darin eher nur selten zu Wort kommen. 83 Prozent der zitierten Fachleute waren Männer und nur 17 Prozent Frauen. Ähnlich niedrig war die Quote bei den Autorinnen, die ganz überwiegende Anzahl an Artikeln war von männlichen Journalisten verfasst worden.

Einen starken Bias gab es auch auf der Bildebene. Auf sieben (von insgesamt 49) Covers war eine einzelne Person zu sehen: sechs Männer und nur eine Frau. Diese aber war wiederum keine Wissenschaftlerin, sondern eine Wahrsagerin!

Dies ist keine Kollegenschelte, sondern beinharte Selbstkasteiung. Die Wissenschaftsjournalistin Sabina Auckenthaler nahm vor zwei Jahren in ihrer Abschlussarbeit im Rahmen des Universitätslehrgangs SciMedia jene Zeitschrift unter die Genderlupe, die Sie gerade lesen, heureka!

Das Ergebnis tat weh, und Mann könnte versuchen, sich herauszureden: Medien spiegeln ja lediglich die Realität wider, und je nach Fach und Hierarchieebene sind meist nur ein Viertel oder weniger Wissenschaftler Frauen. Das aber entspricht nicht gerade unserem Selbstverständnis, einen aufgeklärten Wissenschaftsjournalismus zu betreiben, dem es auch um Geschlechtergerechtigkeit geht. Es ist eine Binsenweisheit: Medien reflektieren Wirklichkeit nicht nur, sie konstruieren sie mit. Insofern ist die Unterrepräsentanz von Frauen in der Wissenschaft sicherlich nicht nur, aber auch eine Folge ihrer mangelnden Präsenz in den Medien.

Forschungslücke. Behaupten wir jetzt einfach einmal, denn solche quantitativen Studien wie jene über heureka! sind Mangelware, trotz einer seit Jahren boomenden Forschung zur Darstellung von Frauen in den Medien. Eine der wenigen Ausnahmen ist die fast abgeschlossene Dissertation der Wiener Wissenschaftsforscherin Martina Erlemann. Sie erhob, dass in den Jahren 1999 bis 2001 in fünf deutschen Zeitungen und Zeitschriften der Anteil von Physikerinnen je nach Medium zwischen null und 13 Prozent lag. Im Schnitt waren es fünf Prozent - genauso viel wie der Anteil der Physikerinnen am promovierten Personal an deutschen Unis im Jahr 2000.

Erlemann untersuchte auch die Art der Darstellung von Physikern beiderlei Geschlechts. Journalisten wie auch männliche Wissenschaftler beschreiben Forschung immer wieder als Abenteuer, Kampf oder Jagd. So wird Physik zu einem eindeutig männlich konnotierten Bereich.

Physikerinnen werden hingegen als Ausnahmeerscheinungen und Exotinnen porträtiert. Würden ihnen überhaupt mehr als ein oder zwei Sätze gewidmet, interessierten sich Spiegel und GEO eher für deren Privatleben und Aussehen, so Erlemann. Bei Physikern wird allenfalls der weiße Rauschebart erwähnt, aber der ist ja ein Zeichen der Weisheit.

Die Astrophysikerin Jill Tarter - Vorbild jener Ellie, die im Spielfilm "Contact" nach extraterrestrischem Leben sucht - beschrieb der Spiegel so: "Tarters Haar ist grau, blass die Haut, die Augen schmal hinter der Brille. Einst, das sitzt noch in den Zügen der 55-Jährigen, muss sie schön gewesen sein. Jetzt liegt Mattigkeit um sie. Denn sie hat schon ein halbes Leben lang gekämpft und nie gewonnen." Auf gut Deutsch: Frauen, lasst das Forschen sein, es ist weder eurem Aussehen zuträglich noch springt etwas dabei heraus.

Schon die US-amerikanische Wissenschaftsforscherin Marcel LaFollette kam in ihrer Pionierstudie zur Darstellung von Naturwissenschaftlerinnen in Zeitschriften in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ("Making Science Our Own", 1989) zum gleichen Befund: Sie werden im fachlichen oder im persönlichen Bereich als Mängelwesen konstruiert. Keine richtige Frau und keine richtige Forscherin oder gar keines von beiden: nicht gerade ein ideales Identifikationsangebot für Maturantinnen auf der Suche nach einem Studienfach.

Ursachengestrüpp. Die mediale Unterrepräsentanz von Forscherinnen hat vielfältige Gründe. "Die Medien hinken gesellschaftlichen Entwicklungen meist hinterher", benennt die Salzburger Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Klaus eine Ursache. Auch in Bereichen wie der Politik, wo der Anteil der Frauen steigt, werde dies von Zeitungen und Fernsehen oft nicht entsprechend berücksichtigt.

Ein weiterer Grund ist der Fokus des Wissenschaftsjournalismus auf Naturwissenschaften und Medizin. In diesen Feldern ist der Anteil der Frauen vor allem auf Professorenebene bekanntlich noch geringer als im Durchschnitt aller Fächer.

Informelle Männerbünde, und zwar sowohl im Journalismus als auch in der Wissenschaft, sind sicherlich auch kein Rezept für eine geschlechtergerechte Berichterstattung. Damit ist freilich keine maskuline Verschwörung zum Ausschluss von Frauen gemeint, sondern vielmehr unbewusste Verhaltensmuster. Elisabeth Klaus glaubt, "dass Journalistinnen eher Frauen bemerken, Journalisten sie oft schlichtweg übersehen".

Weiblicher Konjunktiv. Dies mag auch damit zusammenhängen, dass Frauen vorsichtiger in der Kommunikation ihrer Ergebnisse sind. Claudia Wild, die Leiterin des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Health Technology Assessment, verweist auf linguistische Analysen. Demnach sprechen Wissenschaftler häufiger im Indikativ als Wissenschaftlerinnen, die immer wieder ein "Es könnte aber auch anders sein" einflechten. Weil Männer vermeintlich mehr zu sagen haben, dürfen sie eher in die Mikrofone sprechen als Frauen, die dazu neigen, sich selbst infrage zu stellen.

Dem ist gar nicht so leicht abzuhelfen, gibt Elisabeth Klaus zu bedenken. Sie lese in den Medien immer wieder, dass Wissenschaftlerinnen "selbstbewusst" oder "kompetent" seien. Das sei zwar gut gemeint. Dass dies betont wird, säe aber zugleich Zweifel, ob denn Frauen allgemein überhaupt zu herausragenden wissenschaftlichen Leistungen fähig seien.

Eine kleine Umfrage unter einem halben Dutzend österreichischer Forscherinnen mit großer Medienerfahrung, ob Journalisten sie mit Stereotypen bedacht hätten, ergab fast unisono ein Nein. Ja, sie sei schon öfters nach Backrezepten gefragt worden, aber ihre äußere Erscheinung sei jedenfalls vor ihr noch nie thematisiert worden, so die Mikrobiologin Renée Schroeder. Mit weiblichen Klischees sei sie genauso wenig bedacht worden wie mit Fragen zu ihrer Forschung, konstatiert die Onkologin Angelika Riemer etwas ernüchtert. Von ihr wollen die Medienleute immer nur wissen, wie sie es schaffte, zweimal sub auspiciis zu promovieren.

Elisabeth Klaus gibt allerdings zu bedenken, dass Frauen in Leitungspositionen nur ungern zugäben, dass sie selber Diskriminierungen durch Medien oder auch Arbeitskollegen ausgesetzt seien: "Wir wollen ja anerkannt werden, ohne dass ständig unser Frausein thematisiert wird. Also tun wir es auch selber nicht."

Medienquotenfrauen? Quasi alle Förderungsschienen, denen es um die Erhöhung des Anteils von Frauen in der Forschung geht, haben mittlerweile eine mediale Flankierung. Das auf die außeruniversitäre Forschung zugeschnittene bm:vit-Programm "FEMtech - Frauen in Forschung und Technologie" etwa stellt jeden Monat eine "FEMtech-Expertin" vor. Genaue Daten zur Medienpräsenz von FEMtech liegen im Moment nicht vor, so Programmleiterin Andrea Rainer, aber die Nachfrage von Medien, etwa wenn sie Teilnehmer für eine Podiumsdiskussion suchen, sei groß.

Nur, wie viel können solche Programme langfristig bewirken? Denn die über Medienkooperationen erzielte Öffentlichkeit ist ja eine gekaufte und somit eine künstliche. Ohne öffentliche Zeichen gehe es nicht, entgegnet Andrea Rainer. Gerade in Unternehmen sei noch viel Bewusstseinsbildung erforderlich, etwa dass gemischtgeschlechtliche Teams kreativer seien.

Auch von den Wissenschaftsjournalisten ist mehr Gendersensibilität einzufordern. Hier sollte schon in der Ausbildung angesetzt werden, die in Österreich freilich nur rudimentär vorhanden ist. Und vonseiten der Medienkonsumenten? Liebe Leserin und lieber Leser, falls heureka! wieder einmal in Geschlechterschieflage geraten sollte, bitten wir um Beschwerden. 3

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