Living in America

aus HEUREKA 1/08 vom 30.04.2008

Viele hervorragende österreichische Wissenschaftlerinnen arbeiten in Nordamerika. "heureka!" fragte nach, warum sie ihre Heimat verließen und was für Forscherinnen drüben besser ist als herüben.

Warum ich in die USA ging, hatte mehrere Gründe: Als ich noch an der Universität Wien arbeitete, war Forschung während des Studienjahres immer erst nach 17 Uhr möglich. Dazu kamen unterschwellige Bevorzugungen von männlichen Kollegen, mangelnde wissenschaftliche Karriereaussichten und das Senioritätsprinzip.

Ich bin seit acht Jahren an der University of California tätig. Berufungsentscheidungen sind hier transparent und erfolgen nach relativ durchschaubaren Kriterien. Bei jedem Karriereschritt gibt es ausschließlich externe, anonyme und immer auch einige internationale Gutachten. Das Ergebnis davon ist, dass produktive Leute belohnt werden und dass Frauen keine systematischen Nachteile erfahren.

Diese Abwesenheit von systemimmanenten Nachteilen für Frauen ist meiner Meinung nach der größte Vorteil der Strukturen hier. Darüber hinaus sieht wohl auch die Karriere- und-Kinder-Frage etwas anders aus als in Österreich. Wenn man hier ein Kind schon als Baby in eine Kinderkrippe gibt, wird man nicht gleich als Rabenmutter betrachtet. Es gibt auch Kindergärten, die entsprechend lange offen haben, aber auch teuer sind.

Generell habe ich den Eindruck, dass es eine recht große Toleranz für kinderbedingte "Ausfälle" gibt: Man darf sich als Elternteil schon einmal von einer Kommissionssitzung früher verdrücken oder erst gar nicht erscheinen, ohne gleich schief angeschaut zu werden. Für Full Professors weht der Wind schon etwas frischer. Aber bis dahin sind die meisten Frauen, die ich kenne, einigermaßen abgehärtet. Mutter sein lehrt einen auch, Interessen und Ziele durchzusetzen, die nicht jeder teilt.

Sabine Frühstück (42) studierte Japanologie, Soziologie und Philosophie in Wien. Seit 1999 an der University of California, Santa Barbara, Gastprofessur in Kyoto 2004, seit 2006 Full Professor für moderne japanische Kulturwissenschaft. Sie hat eine Tochter.=r

Nach dem Medizinstudium in Wien habe ich etwas mehr als zwei Jahre am Deutschen Herzzentrum in München als Assistenzärztin gearbeitet. Dort war jede klinische und wissenschaftlich engagierte Ärztin kinderlos und/oder geschieden und mit ihrer Lebenssituation ausgesprochen unzufrieden. Kinder waren unerwünscht.

In Kanada, wo ich die letzten zwei Jahre verbracht habe - seit kurzem arbeite ich in der Schweiz - nehmen Frauen dagegen ganz selbstverständlich leitende Positionen ein. Mein Chef in Toronto ist mit einer sehr erfolgreichen Ärztin verheiratet. Für ihn war es selbstverständlich, eine Zeitlang die Erziehung der Kinder zu übernehmen. Mutter zu sein ist kein Hindernis für eine glänzende universitäre Karriere, im Gegenteil, in Nordamerika zählt die Leistung, kommt sie nun von einem Mann oder einer Frau. Andererseits habe ich in Kanada erstmalig ein natürliches und selbstverständliches Zusammenhalten und etwas wie Loyalität unter Frauen erlebt. Frauen unterstützen Frauen. Das war mir neu. Frauen sind jedoch auch in allen gesellschaftlichen und beruflichen Ebenen vertreten, daher entsteht nicht dieser Kampf um einen bestimmten Rang.

Ich würde sehr gerne nach Österreich zurückkommen. Für innovative, weltoffene Frauen wie mich ist freilich in einem von Männern dominierten, ausgesprochen hierarchischen System kaum Platz. Interessanterweise sieht das in der Industrie im Gegensatz zur universitären Wissenschaft anders aus. Die hat mir bereits einige Stellen angeboten.

Judith Höfer (28) Studium der Medizin an der Universität Wien (in zehn Semestern), für zwei Jahre in Kanada für einen Master of Science. Sie ist seit kurzem in Zürich an der Kardiologie des Universitätsspitals tätig.=

Frauen in den Naturwissenschaften - besonders auf der Ebene der Professoren, Dekane und Präsidenten - sind auch in den USA immer noch in der Minderheit. Aber wir sind keine Exoten mehr und müssen nicht ständig beweisen, dass wir das Zeug dazu haben, obwohl uns das Y-Chromosom fehlt. Ich denke, die USA sind Europa einfach zeitlich ein wenig voraus.

Meiner Meinung nach müsste schon im Gymnasium angesetzt werden. Buben und Mädchen sollte klargemacht werden, dass ein Wissenschaftler nicht zwangsläufig ein "Herr Professor" ist. Noch wichtiger ist es, jungen Frauen zu zeigen, dass eine Karriere in den Wissenschaften nicht unbedingt bedeutet, auf das Familienleben verzichten zu müssen und dass beides sehr gut vereinbar ist.

Kinderbetreuung ist auch in den USA ein Problem, da sie teuer ist. Was hinzukommt, ist, dass Mutterschaftsurlaub besonders für Doktorandinnen und Post-Docs nicht geregelt ist und vom guten Willen des jeweiligen Mentors abhängt.

Ich selbst bin anfangs von etablierten Wissenschaftlerinnen unter die Fittiche genommen worden, und das hat mir sicher geholfen. Ich versuche das weiterzugeben. Frauenförderung kann aber auch ganz trivial sein: Zum Beispiel werden hier die meisten wissenschaftlichen Kongresse von einem Komitee organisiert, in dem Frauen stark vertreten sind.

Ich denke, dass in Österreich immer noch ein verdeckter Sexismus (bei Männern wie bei Frauen) existiert. Den auszutreiben braucht viel Zeit und Geduld. Aber ich denke, dass Österreich auf einem guten Weg ist.

Karolin Luger (45) Strukturbiologin und Röntgenkristallografin, Professorin an der Colorado State University, seit 2007 University Distinguished Professor. Sie ist verheiratet und hat eine vierjährige Tochter.

Der Grund warum ich in Vancouver lebe und arbeite, hatte zunächst nichts mit meiner eigenen Karriere zu tun: Wir sind als Familie mit den kleinen Kindern nach Vancouver gekommen, weil mein Mann hier eine Post-Doc-Stelle bekommen hat.

Da ich selber von der Physikalischen Chemie in die Medizin wechselte, war es nie besonders leicht, Drittmittel für meine Forschungen zu bekommen. Ich glaube aber nicht, dass das damit zu tun hat, dass ich eine Frau bin. Weder im Umgang mit Patentanwälten noch mit Ingenieuren hatte ich hier jemals das Gefühl, als Frau für nicht ganz voll genommen zu werden. Das war in Österreich anders.

Kinderbetreuung ist anders hier, sehr teuer aber zumindest öffentlich und zugänglich - im Vergleich zu den Möglichkeiten, die es vor 13 Jahren in Graz (nicht) gegeben hat, kein Vergleich!

Es ist wahr, dass viele Universitäten und Betriebe hier von Frauen geleitet werden oder Frauen dort in hohen Positionen sind. Aber das Verhältnis ist noch lange nicht ausgeglichen. Es ist vor allem die fortschrittlichere Einstellung der Männer gegenüber Frauen in der Wissenschaft, die es uns hier in Kanada leichter macht. Was jetzt nicht heißt, dass das immer alles einfach ist.

Wir haben wohl wegen des allgemeinen gesellschaftlichen Umfelds in den letzten Jahren keine Anstrengungen mehr unternommen, wieder nach Österreich zu gehen. Wenn aber irgendwo zwei gutbezahlte, interessante Stellen zu haben wären, würden wir wahrscheinlich schon zurückkehren.

Elisabeth Maurer (Spurej) (43) Physikalische Chemikerin. Zurzeit ist sie Clinical Associate Professor am Department of Pathology and Laboratory Medicine. Sie ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Ich bin in die USA gegangen, weil ich keine Möglichkeit sah, an der Universität Wien eine Stelle zu bekommen. Außerdem fehlte mir in Österreich die Inspiration. Zynisch gesagt war die Ausbildung insofern "ausgezeichnet", als es einem schwergemacht wurde, kreative Ideen durchzusetzen. Diese Erfahrung hilft mir sehr, mich in den USA zu behaupten.

Hier wird Frauen in der Wissenschaft Respekt entgegengebracht. Ich bin schon als Post-Doc von meiner Vorgesetzten, einer Frau, sehr gefördert worden. Es war für mich am Anfang sehr ungewöhnlich, dass meine Ideen ernst genommen wurden. In den USA habe ich gelernt, selbstsicher zu sein, auf mein Inneres zu hören, habe erkannt, dass alle Wege offenstehen. Diese neugefundene Inspiration führte mich an die Harvard Medical School anstatt zurück nachhause.

Ich bin auf meinem Weg hier in den USA vielen erfolgreichen Frauen begegnet. Frauen in der Wissenschaft haben mich motiviert, haben mir aber auch die Grenzen gezeigt. Kolleginnen in Leitungspositionen sind ein absolutes Vorbild für mich, und ich hole mir gerne Rat von diesen Frauen.

Als Frau in einem chirurgischen Fach hatte ich noch kein Problem. Aber ich weiß, dass Quoten eine Rolle spielen, denn man hatte mir bei den Interviews gesagt, dass man gerne einmal eine Frau einstellen würde, um den Anteil zu erhöhen.

Ich möchte gern nach Österreich zurückkehren, das wird aber nicht in den nächsten zehn Jahren sein, da ich gerne in einer höheren Position einsteigen würde. Dazu bin ich noch nicht gut genug.

Dorothea Strozyk (32) Neurologin, lebt und forscht seit sieben Jahren in den USA und arbeitet an der Harvard Medical School in Boston. Sie macht eine Ausbildung zur minimal-invasiven Neurochirurgin und ist Single.

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