Karrieren im Doppelpack

Lena Yadlapalli | aus HEUREKA 1/08 vom 30.04.2008

Immer mehr Wissenschaftlerpaare wollen weder auf berufliches Weiterkommen noch auf Familie verzichten. Doch wie kann das gelingen? Österreich bietet wenig, damit forschende Eltern Beruf, Partnerschaft und Kinder unter einen Hut bringen.

Jobsuche zu zweit. Die Umzugskisten sind gepackt, der Mietvertrag in Heidelberg ist gekündigt und der neue Kindergartenplatz in Wien für die einjährige Tochter Merlind bereits gesichert. Ende Mai wird das deutsche Biologenehepaar Raible das Europäische Laboratorium für Molekularbiologie, ihren gemeinsamen Arbeitsplatz, verlassen. Sie und er gehen als Nachwuchsgruppenleiter an die vor fünf Jahren gegründeten Max F. Perutz Laboratories (MFPL) am Campus Vienna Biocenter.

"Wir hatten zunächst räumlich getrennte Angebote, aber dann haben die Institute auch den jeweiligen Partner mit eingeladen und Doppellösungen diskutiert", sagt die Zellbiologin Kristin Tessmar-Raible, dreißig, über die nicht leichte, aber letztendlich erfolgreiche Jobsuche zu zweit.

Dem Mann die Karriere, der Frau auch: Dieses Partnerschaftsmodell gibt es zwar schon seit langem, man denke nur an das Ehepaar Curie, es wird aber immer häufiger und wichtiger. In den USA sind die "Dual Career Couples" (kurz DCC) spätestens seit den 1990er-Jahren ein wichtiges universitäts- und forschungspolitisches Thema.

Mit Wissenschaftlerpaaren ist jedenfalls verstärkt zu rechnen. Laut US-Studien haben im naturwissenschaftlichen Bereich - je nach Fach - zwischen vierzig und achtzig Prozent der Wissenschaftlerinnen forschende Partner, berichtete die britische Wissenschaftszeitschrift Nature im Vorjahr.

Doppelberufung als Tabu. Bis vor wenigen Jahren war es noch ein Tabu, Familienangehörige gemeinsam einzustellen - vor allem, um dem Verdacht des Nepotismus zu entgehen. Heute zeichnet sich ein Umdenken ab, auch wenn Doppelberufungen an Österreichs Universitäten noch eher informell gehandhabt werden. Dabei kann sich ein doppeltes Jobangebot laut Studien auszahlen, ist doch mit besonderer Standorttreue der Berufenen und großem Engagement zu rechnen.

Christa Schleper, 45, Professorin für Ökogenetik, wurde im Vorjahr von der Universität Bergen an die Universität Wien als Leiterin des Departments für Ökogenetik berufen. Ihr Ehemann Ulrich Technau übernahm eine Professur für Entwicklungsbiologie. "Wir hatten Glück, dass die Fakultät an unseren beiden Forschungsprofilen interessiert war und daher die Bereitschaft hatte, eine zusätzliche Professur auszuschreiben", sagt die Mutter zweier Kinder. Wäre das nicht so gewesen, hätte das Ehepaar ein attraktives Doppelangebot aus München angenommen.

"Es muss eine Flexibilität in den Entwicklungs- und Strukturplänen an den Unis geben", so Schleper. Mit der Autonomie der Universitäten wäre eigentlich der Weg frei. Fehlt die Flexibilität, lässt sich Österreich einige Top-Forscher entgehen.

"In der Wissenschaft herrscht globaler Wettbewerb. Wer da sagt, er kann kategorisch nur eine Stelle bieten oder er möchte aus Prinzipgründen keine Partner einstellen, der schränkt damit auch seine eigene Wettbewerbsfähigkeit ein", so der künftige MFPL-Nachwuchsgruppenleiter Florian Raible, 34, Ehemann von Kristin Tessmar-Raible. Die MFPL erkannten die Zeichen der Zeit unter der Leitung des britischen Molekularbiologen Graham Warren sehr früh.

Fragwürdige Versprechungen. Doppelberufungen und optimale Jobwechsel für beide Partner sind aber längst nicht die Regel. Werden Wissenschaftlerpaare mit Versprechen der Unis angelockt, werden diese nicht immer eingehalten. Oder es fehlt das passende Angebot für ihn oder sie. So folgte etwa die 41-jährige Physikerin Silke Bühler-Paschen, zuvor am Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe in Dresden, im Jahr 2005 einem Ruf an die TU Wien. Ihr Ehemann, der Physiker Paul Bühler, und ihre drei Kinder zogen mit. Zwar schaffte es das Paar bisher über sechs Orts- und vier Länderwechsel immer wieder, in der gleichen Stadt zu arbeiten. "Aber das ist alles ein Riesenglücksfall." Und beide zeigten viel Flexibilität bei der Ausrichtung ihrer Forschungstätigkeit. Für seine Stelle in Wien musste Ehemann Bühler - derzeit am Stefan-Meyer-Institut für subatomare Physik der ÖAW - sein Forschungsfeld noch einmal wechseln. Auch seine Frau hatte in Sachen Karriere schon zurückstecken müssen.

Karriere, Kinder und Karenz. Die Karriereplanung ist nur eine Herausforderung der Doppelkarrierepaare, die zweite bringt der Nachwuchs mit sich. Sie wurde meistens nur mithilfe privater Kinderbetreuung oder des Horts gelöst. "Karenz gab es bei uns nicht", ist die häufige Antwort der forschenden Wissenschaftlerpaare. Dagegen sprechen etwa befristete Verträge, die Geschwindigkeit des Forschungsfortschritts und das kompetitive Umfeld.

Auch für die deutsche Anglistin und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann, 61, war die Karenz keine Auszeit. Die Frau des Ägyptologen Jan Assmann verlegte zur Betreuung der fünf Kinder ihr Büro - nach Auslaufen einer Stelle an der Uni Heidelberg - zwölf Jahre lang ins Kinderzimmer: "Ich hatte zwar keinen Arbeitgeber, aber ich habe meine Sachen dennoch weiterbetrieben, weil ich daran interessiert war." In jener Zeit gründete sie mit ihrem Mann einen kulturwissenschaftlichen Arbeitskreis. So kam sie zum Schreiben, Publizieren und Forschen.

"Für Geisteswissenschaftler gilt: Man kann sehr gut zuhause arbeiten. Man kann die wenige Zeit, die man hat, nutzen, aber man muss sie mit Gelegenheiten verknüpften, wo man sich austauscht. Denn Forschen geht nicht ohne Kommunikation. Man braucht Netzwerke." Ihr Netzwerk motivierte Assmann, korrespondierendes Mitglied der philosophisch-historischen Klasse der ÖAW, sich im Anschluss an die Karenz zu habilitieren. Heute ist sie Professorin an der Universität Konstanz.

Organisationstalent, Belastbarkeit, Durchhaltevermögen und vor allem die Liebe zum Job sind die Eigenschaften der Doppelkarrierepaare mit Kindern. Kindergärtenplätze auch schon für unter Zweijährige, qualitätsvolle Hortbetreuung, gesellschaftliche Akzeptanz und auch mehr Einfühlungsvermögen bei den männlichen Kollegen an den Instituten, die nicht nur die Kinderbetreuung bei der Frau ansiedeln, würden den forschenden Eltern vieles erleichtern.

Bessere Bedingungen. "Kinderbetreuung auf beide Partner gleichmäßiger aufzuteilen, ist eine Aufgabe der Gesellschaft bzw. Politik. Das muss in die Köpfe rein und vom Gesetzgeber kommen", so die Physikerin Bühler-Paschen mit Verweis auf die skandinavischen Vorbilder Norwegen und Schweden. Was dort etwa auch ein Tabu ist, aber in Österreich nach wie vor Usus: dass Gremien, Sitzungen und Ehrungen an den Hochschulen oft erst am späten Nachmittag angesetzt sind.

Auf die Doppelkarrierepaare reagierte die ETH Zürich als eine der ersten Unis in Europa 1999 mit der Schaffung eines "Dual Career Advice Büro". Die Servicezentrale bemüht sich u.a. um die Jobvermittlung für Partner. Ins Leben gerufen wurde jüngst auch ein Netzwerkprojekt zur Förderung dualer Karrieren an der Universität Konstanz unter Kooperation von sieben Unis aus dem süddeutschen Raum und der Schweiz. Für Süd-Ost-Niedersachsen plant die Technische Universität Braunschweig das Netzwerk "Dual Career Couples". Im Rahmen eines Förderprogramms reagierte der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und die Claussen-Simon-Stiftung mit dem Aktionsprogramm "Doppelkarrierepaare" (2005 bis 2007).

Doppelkarrierebarrieren. Mit ähnlichen Netzwerkprojekten oder Budgettöpfen unter dem expliziten Label "Doppelkarrierepaare" ließ die österreichische Forschungslandschaft bisher noch nicht aufhorchen. "Generell betrachten wir die Bestimmungen des heimischen Fremdenrechtes bei der Rekrutierung von internationalen Spitzenkräften als nicht förderlich", sagt Gerhard Riemer, Bereichsleiter für Bildung, Innovation und Forschung der Industriellenvereinigung.

Um die international anerkannten Forscherinnen und Forscher zu gewinnen, müsste Österreich als kleines Land viel mehr dafür tun, "um diese umworbenen Talente dazu zu bewegen, sich dauerhaft in Österreich niederzulassen". Immerhin macht man auch hierzulande Fortschritte: Mit dem Inkrafttreten einer Novelle des Ausländerbeschäftigungsgesetzes dürfen seit dem 1. Jänner 2008 erstmals auch die Partner von ausländischen Forschern ohne Einschränkung in Österreich arbeiten. 3

Lesen Sie eine Langfassung des Texts unter www.heurekablog.at

Linktipps

Die erste Studie über die Behandlung von DCC an US-Unis:

www.press.jhu.edu/books/title_pages/2884.html

Die Servicezentrale für Forscher mit Kindern an der Uni Wien

http://kinder.univie.ac.at/kinder.html

Das Researcher's Mobility Portal Austria:

www.researchinaustria.info

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