Titten auswärts

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 1/08 vom 30.04.2008

Fußball gilt als die Männerdomäne schlechthin: auf dem Platz, auf den Rängen und auch in der Wissenschaft. Aber die Frauen sind längst da, als Fans und Forscherinnen. Und nutzen das Stadion für feministische Interventionen.

Frechheit. Alle zwei Jahre fragen Journalisten Frauen nach der Abseitsregel. Bei Männern tun sie das nie. Wann immer ein Fußballgroßereignis ansteht, "entdecken" die Medien das vermeintlich zarte Geschlecht als "neue Zielgruppe". So lauten die immergleichen Schlagzeilen seit den Neunzigerjahren. Dabei sind bei Länderspielen schon seit mindestens 15 Jahren fünfzig Prozent der Fernsehzuschauer Frauen. Im Stadion selbst wurden bei der WM 2006 immerhin knapp dreißig Prozent Frauen gezählt, ähnlich viele wie bei den Spielen der deutschen Bundesliga.

Auch wenn es seit langem hip ist, sich als Kulturwissenschaftler mit dem runden Leder zu beschäftigen, wurde dieses Phänomen übersehen. Die Forscher sind eben selbst oft Männer. So wurden Frauen als Fußballfans erst in den letzten Jahren als Forschungsthema entdeckt - von ihresgleichen. Wobei Almut Sülzle und Nicole Selmer von der jeweils entgegengesetzten Seite kamen: die eine von der Wissenschaft, die andere vom Fußball.

Feldforscherin und Fan. Die deutsche Ethnologin Almut Sülzle hatte sich zuvor mit dem Thema Mädchen und Technik beschäftigt und mit Fußball nichts am Hut. Für ihr nächstes Forschungsprojekt suchte sie einen Bereich, der kulturell ebenso stark mit Männlichkeit belegt ist. Sie betrieb drei Jahre Feldforschung im Stadion von Kickers Offenbach. Deren Fans gelten als besonders treu, einen weiblichen Fanklub gibt es auch. "Der Verein spielte damals in der Regionalliga, und ich durfte den Aufstieg in die zweite Liga miterleben." Und Sülzle lernte als teilnehmende Beobachterin, was ihr früher fremd war: Freude durch Schreien und Jubeln auszudrücken.

Auch Nicole Selmer ist kein stiller Fan: "Im Stadion rede ich lauter und rufe., Gespräche mit der Mannschaft' nenne ich das." Die Hamburgerin verbindet seit Anfang der Neunzigerjahre eine Fernbeziehung mit Borussia Dortmund. "Ein paar Spiele pro Saison schaue ich mir an. Dass wir derzeit nur auf dem 13. Platz stehen, ist natürlich deprimierend."

Sexismus unterlaufen. Die studierte Germanistin Selmer arbeitet als Übersetzerin und Journalistin. "Ich bin an sich keine Fußballforscherin. Aber irgendwie hat es mich dann interessiert, wie es anderen Frauen geht." 2004 erschien ihr Buch "Watching the Boys Play", und seitdem findet sie sich auf so manchem Podium wieder. Dort sitzt sie dann oft auch neben Almut Sülzle. In den meisten Punkten sind sie sich einig. Nicht zuletzt aufgrund der Eventisierung und damit auch der Ökonomisierung des Fußballs versuchen die Vereine das weibliche Marktsegment zu erschließen. Gleichzeitig wird Frauen aber Verständnis und echtes Interesse abgesprochen.

Im Stadion wollen sie ja nur die feschen Spieler auf dem Rasen anhimmeln. Die Fußballwirtschaft, die Fanaccessoires in Rosa und Frauen ermäßigten Eintritt anbietet, schreibt so die vermeintliche "Wesensverschiedenheit" vor.

Dabei genießen es weibliche Fußballfans ja gerade, einmal nicht auf die Rolle der Frau festgeschrieben zu sein. Sie können das ausprobieren, was eigentlich für Männer reserviert ist, zum Beispiel auch mal wüst schreien und fluchen. Dazu gehört auch das Spielen mit Klischees. Ausgerechnet die Sexismushochburg Stadion wird da unversehens zum Ort feministischer Interventionen.

Frauenfanklubs nennen sich provokativ "Titten auswärts" oder "Hooligänse". Durch diesen "vorweggenommenen Sexismus" sollen abwertende Begriffe durch die Übernahme aufgewertet werden. Homosexuellen gelang dies mit dem Begriff "schwul". Ob "Titte" einmal für selbstbewusste Frau stehen wird?

Streitfrage. Sülzle glaubt nicht, dass Fußball ohne Männlichkeitskult und den Ausschluss von Weiblichkeit möglich ist. "Sonst wäre er nicht Nationalsport, sondern nur eine Sportart unter vielen - so wie Frauenfußball zum Beispiel." Selmer hingegen betont das historisch Flüssige: "Der Fußball ist so männlich dominiert nicht auf die Welt gekommen." Er verändere sich ständig, und warum soll ihm nicht auch der Sexismus ausgetrieben werden.

Bei der Bekämpfung des Rassismus im Stadion wurden auch Fortschritte erzielt, ist er doch mittlerweile von Verbänden und Medien geächtet. Freilich, und da sind sich Sülzle und Selmer wieder einig, ob Fußball ohne Sexismus funktioniert, wird nicht am Schreibtisch, sondern auf dem Platz entschieden. 3

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