Afrikanische Anfänge

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 2/08 vom 18.06.2008

Nach wie vor jagen die Wissenschaftler nach unserem ältesten Vorfahren. Sie finden immer spektakulärere Fossilien, aber keine endgültigen Antworten - weil Stammbäume auch zum Brett vor dem Kopf werden können.

Monsterschädel. Zu Beginn seines Vortrags zeigt Friedemann Schrenk ein Bild des Klagenfurter Lindwurms. So interpretierte man im 14. Jahrhundert den Schädel eines Wollnashorns, der musste einem Monster gehört haben. Die heutige Wissenschaft sei im Prinzip auch nicht besser, sagt der deutsche Paläoanthropologe seinem interessierten Laienpublikum. Unser Weltbild fließe in die Interpretation von Fossilien unweigerlich mit ein.

90 Minuten und viele Powerpointfolien später beginnt die Diskussion: Sprache, aufrechter Gang, unsere Verwandtschaft mit den Neandertalern - immer wieder zeigen die Zuhörer auf und stellen noch eine Frage. Schrenk referiert den jeweils letzten Stand der Forschung, um am Ende nochmals klarzustellen: "Sie wollen wissen: Wie war es denn nun? Keine Ahnung. Es gibt in der Paläoanthropologie nur, wahrscheinlich' oder, unwahrscheinlich' bezogen auf eine Hypothese."

Schrenk, Professor an der Universität Frankfurt am Main und Leiter der Abteilung Paläoanthropologie am Forschungsinstitut Senckenberg, hält häufig Vorträge. Er rede gerne mit den Menschen, sagt er. Das gilt wohl auch fürs Schreiben: vier populärwissenschaftliche Bücher hat er in den letzten Jahren (mit-)verfasst. 2006 erhielt er den mit 50.000 Euro dotierten Communicator-Preis für herausragendes Engagement in der Vermittlung von Wissenschaft.

Noch lieber als durch deutsche Landen fährt Schrenk freilich nach Afrika. Das sei ja das Beste an der Paläoanthropologie, auch wenn das nicht alle Forscher so offen zugäben.

Geografisch denken. Schrenk (51) verbringt seit den frühen 1980er-Jahren so viel Zeit wie möglich auf dem schwarzen Kontinent. Bei der Wahl seines ersten Forschungsgebiets entschied er sich für Malawi in Südostafrika, eines der ärmsten Länder der Welt, das genau zwischen den bedeutenden Fundorten in Äthiopien, Kenia und Tansania im Osten und Südafrika im Süden liegt.

Unsere Vorfahren mussten auch Spuren dazwischen hinterlassen haben, so die Überlegung. Nach acht Jahren Buddelei endlich der Lohn: 1991 fand das "Hominid Corridor Research Project" einen 2,5 Millionen Jahre alten Unterkiefer eines sogenannten Homo rudolfensis, genannt UR 501 (s. S. 10). Schrenk könnte sich nun brüsten, das älteste Fossil der Gattung Homo entdeckt zu haben. Tut er aber nicht. Im Grunde sei es ungerecht, dass Funde so stark bewertet würden.

Denkfalle. Die Vormenschenkunde hatte immer etwas von einer Jagd an sich, seit der Holländer Eugene Dubois 1890 als erster Forscher nach Java auszog, um das Missing Link zwischen affenartigen Vorfahren und "uns" zu finden. Zunächst stand Asien hoch im Kurs, ab den 1960er-Jahren durchstöberten westliche Forscher vor allem den ostafrikanischen Grabenbruch.

Zwar wollen Paläoanthropologen längst nicht mehr als Trophäenjäger gesehen werden, sondern als Wissenschaftler mit Blick für das Ganze. Aber so ganz überzeugend gelingt ihnen diese Verwandlung nicht. Gerade zu Beginn dieses Jahrtausends kam es wieder zu einer Fülle an Funden, bei der man sich kaum des Eindrucks erwehren konnte, es handele sich dabei um eine Art Wettrennen.

Bis dahin war kein hominides, d.h. (vor-)menschenartiges Fossil bekannt, das älter als etwa 4,5 Millionen Jahre war. Im Oktober 2000 wurde der in Kenia gemachte Fund des "Millennium Man" (Orrorin tugenensis) öffentlich gemacht. Alter: sechs Millionen Jahre. Im Juli 2001 folgte der äthiopische Ardipithecus kadabba mit etwa 5,6 Millionen Jahren. Genau ein Jahr später wurde der erstaunten Weltöffentlichkeit der bis zu sieben Millionen Jahre alte Sahelanthropus tchadensis präsentiert.

Die jeweiligen Finder behaupteten umgehend, "ihre" Schädel und Schienbeine stammten vom ältesten Hominiden. Die Fossilien der jeweils anderen Forschergruppen seien hingegen keine Hominiden, sondern Vorfahren der Menschenaffen, deren Abstammungslinien sich nach heutiger Lehrmeinung vor sechs bis sieben Millionen Jahren getrennt haben. Die Kontroversen werden dabei nicht nur wissenschaftlich, sondern mitunter auch handfest ausgetragen.

No fossil, no fame. Martin Pickford, der Entdecker des "Millennium Man", landete für einige Tage im kenianischen Gefängnis, weil ihm angeblich die Grabungslizenz fehlte. Yohannes Haile-Selassie, der Entdecker des Ardipithecus kadabba, beschuldigte das Team des österreichischen Anthropologen Horst Seidler, widerrechtlich auf seinem Territorium in der äthiopischen Afarsenke zu graben. Wenn der Preis hoch ist, steigt auch der Einsatz.

Schrenk kann dieser Hatz nach unserem ältesten Vorfahren nichts abgewinnen. Das sei anthropozentrisch und mittlerweile überholt. Klassische, also schlanke und lineare Stammbäume haben in der Stammesgeschichte des Menschen ausgedient. Mindestens vier verschiedene hominide Spezies wurden allein in den 1990er-Jahren entdeckt: Australopithecus bahrelgazali, Australopithecus anamensis, Kenyanthropus platyops, Ardipithecus ramidus. Hier kann man sich nur mehr mit dem Bild eines "Stammbusches" behelfen, um die vielfachen Verzweigungen und unklaren Abstammungsverhältnisse zu visualisieren. Jüngstes Beispiel ist der 2007 veröffentlichte Fund eines Homo habilis in Kenia, der auf 1,44 Millionen Jahre datiert wird. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich - zumindest gemäß dem traditionellen Stammbaum - der Homo habilis aber längst in Homo erectus weiterentwickelt, offenbar lebten die Arten aber einige hunderttausend Jahre lang zumindest zeitlich nebeneinander.

Das Ende des Missing Link. "Man muss die Funde in der Gesamtheit sehen", fordert Schrenk und meint damit den Blick auf die Biogeografie, sprich: die sich wandelnden Lebensräume. Vor zehn Millionen Jahren erstreckte sich der tropische Regenwald von der West- bis zur Ostküste Afrikas. Vor etwa acht Millionen Jahren zog er sich immer weiter zurück, wodurch eine 8000 Kilometer lange Mischform aus Regenwald und baumbestandener Savanne entstand. Für Schrenk stellte diese Landschaftsform ein natürliches Experimentierfeld dar. So sei der aufrechte Gang dort vermutlich mehrmals entstanden, zeitlich und geografisch versetzt. Die spektakulären Funde der Jahre 2000 bis 2002 stärken diese These: Sie liegen nämlich einerseits tausende Kilometer voneinander entfernt, andererseits aber alle an der ehemaligen Regenwaldperipherie.

Besteht da Konsens in der Scientific Community? "Nein, die meisten Kollegen kümmern sich nicht um Biogeografie", konstatiert Schrenk: "Die sind ganz auf die Fossilien fixiert und versuchen die Arten in Beziehung zueinander zu setzen."

Für Schrenk krankt dieses rein taxonomische Denken aber daran, dass es nur die Dimension Zeit einbezieht und jene des Raums ignoriert. Der Lindwurm der Moderne ist der Stammbaum. "Was soll ein Modell, in dem auf Australopithecus afarensis der Australopithecus africanus folgt? Die folgen zwar zeitlich aufeinander, aber die erste Art findet sich in Ostafrika und die andere in Südafrika, tausende Kilometer voneinander entfernt." So erklärt sich die große Variabilität der Vormenschenarten durch geografische Varianten. "Je mehr man findet, desto weniger wird es das eine Missing Link geben."

Gezielte Suche. Das biogeografische Modell hat zudem den Vorteil zu prognostizieren, wo sich eine Suche lohnen könnte. Schrenk sondiert derzeit im westafrikanischen Land Mali, ob dort Sedimente aus der entsprechenden Zeit zugänglich sind, während andere - wie der österreichische Humananthropologe Horst Seidler - weiter auf die "traditionellen" Fundorte in Ostafrika setzen (s. Kasten S. 6).

Schrenk sagt, er habe Seidler gefragt: "Warum gehst du nach Äthiopien? Noch ein paar Zähne im Afardreieck zu finden ändert mein Weltbild nicht." Aber, schränkt Schrenk gleich ein, Vorhersagen lassen sich bei der Fossilienhatz natürlich nur bedingt treffen. Funde wie den kleinwüchsigen Homo floresiensis (siehe Stichwort "Hobbits", S. 9), der 2003 in Indonesien gemacht wurde, hätte man nie prognostizieren können.

Paläopolitik. Dass sich der "Ertrag" hominider Fossilien in den letzten zehn, 15 Jahren so gesteigert hat, hängt ursächlich damit zusammen, dass sich die politische Situation in vielen afrikanischen Ländern wesentlich entspannt hat. Äthiopien etwa hatte von 1982 bis 1990 Ausländern jegliche Feldforschung untersagt. Schrenk forscht längst nicht mehr nur in Malawi, sondern auch in Tansania, Kenia und Uganda. "In Uganda hätten wir noch vor Jahren nicht graben können." Auch in Namibia, Angola, Mosambik könne man jetzt arbeiten, auch wenn es dort noch nicht so viele Funde gebe.

Paläoanthropologie ist immer auch Politik. Und in Afrika steht diese im Zeichen des Postkolonialismus. Anfangs waren Einheimische bei den Expeditionen westlicher Teams nur als Grabungshelfer mit von der Pälao-Partie. Nun ist die Ausbildung Studierender und die Einbindung von Wissenschaftlern aus dem Land selbst ein Muss. Das österreichische Team von Horst Seidler hatte in seiner ersten Grabungssaison im Jahr 2000 diesen Fehler gemacht. Nun sind dort äthiopische Archäologen und Geologen mit dabei.

Die Verschiebung des Gewichtes und der Sensibilitäten zeigt sich auch in der Sprache. Bezeichnungen neuer Arten wie Ardipithecus kadabba enthalten nun Ausdrücke aus der Sprache der Eingeborenen. "Kadabba" ("Urvater") ist der Sprache der Afar in Äthiopien entlehnt. Selbst die populären Spitznamen heißen nun nicht mehr "Lucy", wie jener nach einem Song der Beatles 1974 benannte Australopithecus afarensis, sondern wie Sahelanthropus tchadensis "Toumaï", "Hoffnung auf Leben", in der Sprache der Goran im Tschad.

(Post-)Koloniale Abhängigkeitsverhältnisse gebe es aber nach wie vor, seufzt Schrenk und meint die Forschungsförderung. "Es ist praktisch unmöglich, für unsere Partnerinstitutionen in Afrika deutsche Gelder zu bekommen." Das Problem für europäische Geldgeber sei die mangelnde Transparenz in den afrikanischen Ländern. Aber wie soll internationale Zusammenarbeit funktionieren? "Sollen wir nur noch mit Frankreich und Japan kooperieren, die die Gelder selbst aufbringen können?"

Neues Selbstbewusstsein. Auf den Sinn westlicher Entwicklungshilfe angesprochen reagiert Schrenk wie viele Afrika-Kenner mit einem Schulterzucken und berichtet dann, was damit alles schiefläuft. So wurde etwa am Malawisee ein topmoderner Containerhafen gebaut - mit dem Schönheitsfehler, dass dort keine Containerschiffe fahren.

Mit Geld und Technologie allein sei es jedenfalls nicht getan, es brauche ein Bewusstsein für die eigene Kultur und Geschichte, zumal sie im Falle der Paläoanthropologie für ein neues Selbstbewusstsein sorgen könne. Schrenk und seine Mitstreiter haben in Karonga im Norden Malawis ein Museum eingerichtet. Erst dadurch erfuhren viele der Einheimischen, dass die Wiege der Menschheit (genauer natürlich: die Wiegen) in Afrika stand - und waren stolz. 3

Zum Nachlesen

G. J. Sawyer, Esteban Sarmiento, Richard Milner und Donald C. Johanson: Der lange Weg zum Menschen. Lebensbilder aus 7 Millionen Jahren Evolution. Heidelberg 2008 (Spektrum Akademischer Verlag). 216 S., € 41,10

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