Explosives Nilpferd

aus HEUREKA 2/08 vom 18.06.2008

heureka! "Da lag nur ein winziges Bruchstück auf dem Boden, der Kopf eines Oberschenkels. Ich habe mir das angeschaut und wusste: Es ist hominid." Für Bence Viola ging im Februar 2005 ein Paläoanthropologentraum in Erfüllung. Er hatte das Fossil eines Vormenschen gefunden. Viola (der auch in Willendorf ausgräbt, s. Interview S. 21) ist Mitglied eines internationalen Grabungsteam unter der Leitung des Wiener Anthropologen Horst Seidler, das seit Februar 2000 in der äthiopischen Afarsenke bei Galili schon so manchen Stein umgedreht hat. Sechs Zähne hat man bisher gefunden, das Prunkstück ist der Oberschenkel.

Unglück im Glück. Ausgerechnet an dieser Stelle war ein Nilpferd "explodiert". Sprich: Bei der Suche nach anderen Bruchstücken des Oberschenkels galt es sich durch einen Wust anderer fossiler Knochen und Knöchelchen durchzuwühlen. "Wir haben auf 16 Quadratmetern alles aufgesammelt und einen Meter tief abgearbeitet", berichtet Viola. Schließlich fanden sich 26 Fragmente, die sich zum oberen Teil eines Oberschenkels zusammenfügen ließen.

Das Alter des Fossils schätzt Viola derzeit auf 4,2 Millionen Jahre, ungeduldig wartet er auf die sich immer wieder verzögernde genaue Datierung der Vulkantuffe aus einem Amsterdamer Speziallabor. Der Fund sei sehr bedeutend, weil aus dieser Zeit sonst kein Oberschenkel bekannt ist. Der Hominid ging aufrecht, verbrachte aber vermutlich noch viel Zeit auf Bäumen. Um welche Art es sich handelt, sei sehr schwer zu sagen, vielleicht Australopithecus anamensis.

Rendezvous mit Tier und Mensch. Natürlich seien Paläoanthropologen ehrgeizig, sagt Horst Seidler. Aber an sich sei es überhaupt nicht wichtig, wer den ältesten Fund gemacht hat. Entscheidend seien die geologische Einordnung der Fossilien und die Rekonstruktion der Paläoökologie. Und da wurde sein Team in Galili bereits reichlich fündig. Der Besitzer jenes Oberschenkels teilte sich seine Umwelt neben besagtem Nilpferd mit verschiedenen Schweinen und Elefanten. Spuren von insgesamt über fünfzig verschiedenen Tierarten aus dieser Zeit haben die Forscher mittlerweile entdeckt. Die Tierwelt lässt wiederum Rückschlüsse auf die Vegetation zu. Vor vier Millionen Jahren war die Afarsenke keine Steinwüste, sondern eine fruchtbare Savanne mit Bäumen und Sträuchern. O.H.

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