Phantastisches Paläo-Postergirl

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 2/08 vom 18.06.2008

Ein Skelett, sechs Rekonstruktionen. Wie die berühmte Lucy wirklich aussah, werden wir nie wissen. So können wir unsere "Urmutter" stets aufs Neue imaginieren.

Wiedererweckung. Am 30. November 1974 fand Donald Johanson in der äthiopischen Wüste fossile Rippen, Oberschenkel- und Hüftknochen sowie Schädelfragmente, die zu einem Individuum gehörten. In seinem Buch über "Lucy" beschreibt er, wie das Team in den nächsten Wochen immer mehr Teile zurück ins Lager brachte und dort auf einem Tisch anordnete: "Der Effekt war unheimlich. Wir alle hatten das Gefühl, dass dieses uralte Wesen vor unseren Augen wiedererschaffen wurde und zum Leben erwachte."

Dieser Australopithecus afarensis wurde schnell zum bekanntesten Fossil eines Vormenschen überhaupt. Nicht nur wegen seines geschickt gewählten Spitznamens (nach "Lucy in the Sky with Diamonds") und hohen Alters von knapp 3,2 Millionen Jahren. Sondern auch, weil es vergleichsweise vollständig war. Häufig findet sich ja nur ein Schädelfragment oder zwei Zähne.

Vernachlässigt man die Hand- und Fußknochen, sind 30 bis 40 Prozent des Skeletts erhalten. Durch eine Spiegelung lässt sich dies auf etwa 70 Prozent steigern. Das Skelett "steht", die entscheidende Frage, ob Lucy aufrecht ging, ist damit implizit schon beantwortet. Durch die rasche Verbreitung dieses Bildes (1) wurde der Eindruck erweckt, einen "ganzen" (Vor-)Menschen vor sich zu haben. Lucy wurde zu unser aller Urmutter, zur Person.

Der Schritt vom Skelett zur Ganzkörperfigur dauerte nicht lange, schon Anfang der 80er-Jahre versuchten sich Künstler im Auftrag von Naturkundemuseen an der Rekonstruktion aus Kautschuk. Nur: Weichteile fossilieren ja nicht. Wie aber werden die "Lücken" gefüllt, also etwa Haar- und Hautfarbe? Wie viel Fleisch trägt man auf? Dass hier die eigene Fantasie mitspielt, räumen alle Künstler ein. Gleichzeitig verweisen sie aber auch auf ihre enge Zusammenarbeit mit Paläoanthropologen bei der Rekonstruktion.

Diese fallen dennoch sehr unterschiedlich aus. Die Lucy im Genfer Muséum d'histoire naturelle (2), gefertigt von Gérard Métral und Olivier Bindscheller, wirkt mit ihrer glatten Haut fast allzu menschlich. Schon etwas behaarter die Lucy aus dem Commonwealth Institute in London (3), gefertigt von Derek und Patricia Freeborn, und die Lucy des Brünner Künstlers Jan Jelinek (4). Sehr viel "affiger" wirken die Rekonstruktionen aus dem Museum of Man im kalifornischen San Diego (5), aus dem Muséum national d'histoire naturelle in Paris (6) (von William Munns) und dem Naturkundemuseum CosmoCaixa in Barcelona (7) (von Elisabeth Daynes).

Was sie immerhin gemeinsam haben: Fast alle Lucys schauen - im Gegensatz zu heutigen Postergirls - ernst drein. Nur die aus Barcelona zeigt den Anflug eines Lächelns. 3

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