Knochen und Kabale

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 2/08 vom 18.06.2008

Von Irrtümern und Betrügereien, Fossilien und Fehden, Glücksmomenten und Dynastien. Eine bruchstückhafte Geschichte der Paläoanthropologie von A bis Z.

Australopithecus Ende 1924 wurde in Südafrika das "Kind von Taung" gefunden. Der Anatom Raymond Dart erkannte, dass es sich bei diesem kleinen Schädel nicht um einen Affen handelte. Er taufte ihn "Australopithecus" ("Südaffe") und verlegte die Wiege der Menschheit nach Afrika. Dies wurde aber erst um 1950 akzeptiert, zu sehr waren die Forscher auf Asien und Europa als Ursprung fixiert, nicht zuletzt wegen des Fundes in ' Piltdown.

Blumengrab Ab den 50er-Jahren wandelte sich das Bild des Neandertalers vom tumben Toren zum Kulturwesen. Dabei schoss die Forscherfantasie mitunter übers Ziel hinaus. Als der US-Archäologe Ralph Solecki im irakischen Shanidar in einem Neandertalergrab zahlreiche Pollen bunt blühender Pflanzen fand, glaubte er, dass der Tote auf ein prächtiges Blumenlager gebettet worden war. Passend zum Zeitgeist betitelte Solecki sein Buch 1971 "The First Flower People". Als wahrscheinlicher gilt mittlerweile aber, dass Kleinsäuger die Pollen in die Höhle brachten.

CIA Der US-Geologe Jon Kalb wurde 1978 aus Äthiopien ausgewiesen, weil ihn die Machthaber als Spion des C. im Verdacht hatten. Kalb beschuldigte später ' Donald Johanson, den Entdecker von ' Lucy, dieses Gerücht verbreitet zu haben. Die beiden hatten zunächst zusammengearbeitet, sich aber 1973 im Streit getrennt und befehden sich seither.

Dinkinesh So heißt ' Lucy auf Amharisch, der äthiopischen Verkehrssprache. Zu Deutsch: Du bist wunderbar.

Eve, Black Die "schwarze Eva" war die medial sehr wirkungsmächtige Vorstellung einer - einzigen! - Urmutter aller Menschen, die vor etwa 140.000 Jahren in Afrika lebte. Die Idee einer B. E. wurde 1987 von den Molekularbiologen Rebecca Cann, Mark Stoneking und Allan Wilson formuliert. Dieser Ansatz, basierend auf der Analyse sogenannter mitochondrialer DNA, wurde mittlerweile vielfach kritisiert und modifiziert - vor allem von Vertretern des ' Multiregionalismus. Nichtsdestotrotz hat B. E. das Gewicht in der Human-Origins-Forschung aber nachhaltig vom Feld ins Labor verschoben.

Foot, Little 1994 entdecke der Paläoanthropologe Ronald J. Clarke in Sterkfontein in Südafrika in einem Säckchen voller Rinderfossilien hominide Fussknochen, drei Jahre später das untere Stück eines Schienbeins mit einer frischen Bruchstelle. Diese Fossilien stammten aus der Silberberggrotte. Daraufhin ging Clarke mit zwei Kollegen in die riesige Höhle, und das Unglaubliche geschah: Sie fanden innerhalb von zwei Tagen die Bruchstelle des Schienbeins im Fels. Darin steckte ein weitgehend vollständiges Skelett eines ' Australopithecus, genannt L.F., dessen Teile nun bereits seit Jahren Stück für Stück aus dem Gestein herauspräpariert werden.

Goodall, Jane "I would have been the better Jane", pflegt die berühmte britische Affenversteherin bei ihren Vorträgen gerne zu behaupten. Als Tarzans Dschungelgefährtin hätte sie mit Cheeta wohl mehr anzufangen gewusst. Im wirklichen Leben begann G. Ende der 50er-Jahre im tansanischen Nationalpark Gombe auf Empfehlung von Louis ' Leakey ihre Feldforschungen. Dank ihrer Geduld bei der Beobachtung der Schimpansen konnte sie deren komplexe soziale Struktur und ihren Werkzeuggebrauch - u.a. das "Angeln" von Termiten - dokumentieren. Primatologie ist heute eine der wichtigsten Nachbardisziplinen der Paläoanthropologie und - völlig im Gegensatz zu dieser - mittlerweile fast vollständig in weiblicher Hand.

Hobbits Bis zum Oktober 2004 dachte man, dass wir Menschen seit dem Verschwinden der Neandertaler vor etwa 30.000 Jahren die einzigen Vertreter der Gattung ' Homo gewesen seien. Dann wurden auf der indonesischen Insel Flores Fossilien des nur etwa einen Meter großen Homo floresiensis mit einem Gehirn, das nur die Größe des eines Schimpansen hatte, entdeckt, die den Spitznamen H. (nach den kleinwüchsigen Figuren in Tolkiens "Herr der Ringe") bekamen. Bis heute wird erbittert darüber gestritten, ob die H. eine eigene Art waren, die erst vor etwa 18.000 Jahren ausgestorben ist, oder ob der Schädel einem modernen Menschen mit pathologischem Kleinwuchs und Mikrozephalie gehörte.

Hominide Vor etwa sechs bis sieben Millionen Jahre trennte sich die Abstammungslinie der Hominoiden ("Menschenartigen") in jene der H. und jene der Menschenaffen. Das Hauptcharakteristikum der H. ist der aufrechte Gang, als ältester H. gilt ' Toumaï.

Homo Gattungsbegriff, der u.a. H. erectus, H. neanderthalensis und "uns" einschließt. Als ältester H. gilt ' UR 501 mit etwa 2,5 Millionen Jahren. Ab dieser Zeit lässt sich auch der Gebrauch von Steinwerkzeugen nachweisen.

Johanson, Donald Fand 1974 ' Lucy und wurde dadurch mit 31 Jahren weltbekannt. Seine spätere Karriere war durchwachsen: In den 90er-Jahren wurden Vorwürfe laut, dass er das von ihm in San Francisco gegründete Institute of Human Origins schlecht manage, weil er sich zu sehr um die Popularisierung (und seinen eigenen Ruhm) und zu wenig um die Forschung kümmere. Der Milliardär Gordon Getty entzog dem Institut seine Förderung, das daraufhin nach Arizona umziehen musste.

Kimeu, Kamoya Der Kenianer war seit den 1960er-Jahren Assistent der ' Leakeys und ist einer der erfolgreichsten Fossilienfinder überhaupt. So entdeckte er 1984 ein weitgehend vollständiges Skelett eines jungen Homo erectus ("Nariokotome Boy"). Häufig werden hominide Fossilien in Afrika nicht von den meist westlichen Forschern gefunden, sondern von einheimischen Grabungshelfern.

Leakey Britischstämmige kenianische Familiendynastie, die zahlreiche bedeutende Vormenschenfossilien in Kenia und Tansania fand, bestehend aus Louis L. (1903-1972), seiner Frau Mary L. (1913-1996), deren Sohn Richard L. (*1944) und dessen Frau Meave L. (*1942) sowie neuerdings auch deren Tochter Louise L. (*1972). Bemerkenswert: Während die Paläoanthropologie eine eindeutig männlich dominierte Disziplin ist, sind die L.-Frauen punkto Funde und Publikationen mindestens so erfolgreich (gewesen) wie ihre Männer.

Lucy Mittlerweile ist sie mit ihren 3,18 Millionen Jahren längst nicht mehr das älteste bekannte hominide Fossil ('Toumaï), mit etwa 30 Prozent der erhaltenen Knochen auch nicht mehr das vollständigste ('Little Foot), aber immer noch das bekannteste. Das Postergirl der Paläoanthropologie, dessen Name auf einen Beatles-Song zurückgeht, ruht für gewöhnlich im Safe des Nationalmuseums in Addis Abeba (siehe S. 7). Seit 2007 tourt L. (voraussichtlich bis 2013) als Zugpferd einer Ausstellung über die menschliche Vor- und Frühgeschichte durch verschiedene Museen in den USA. Diese Leihgabe wurde von manchen Paläoanthropologen als unnötige Gefährdung dieses unersetzlichen Fossils kritisiert.

Multiregionalismus Seit über zwanzig Jahren liegen sich die Vormenschenforscher in den Haaren. Ist der Homo sapiens vor 100.000 aus Afrika ausgewandert, wie dies die Verfechter des Out-of-Africa-Szenarios behaupten? Oder ist der moderne Mensch durch einen beständigen genetischen Austausch zwischen Populationen des Genus ' Homo in Afrika, Asien und Europa in den letzten zwei Millionen Jahren kontinuierlich entstanden? Die zweite Position wird von den Vertretern des M. verfochten, die mittlerweile allerdings in der Minderheit sind. Artete diese Kontroverse zwischenzeitlich in einen doktrinären Glaubenskrieg aus, weichen die Fronten nun auf. Vermischung wird auch von den Out-of-Africa-Vertretern eingeräumt, Streitpunkt ist nun, wie stark diese gewesen sei.

Neandertal Im 17. Jahrhundert "vergriechischte" der deutsche Pfarrer und Komponist Joachim Neumann seinen Namen in Neander. Nach ihm wurde das N. in der Nähe von Düsseldorf benannt. Dort fand man 1856 den Neumann... äh, Neandertaler.

Osteodontokeratische Kultur Der Zungenbrecher bedeutet "Knochen-Zahn-Horn" und steht für die Vorstellung eines von Natur aus gewalttätigen Menschen. Diese Idee war in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg (und seinen Millionen von Toten) sehr populär, gilt mittlerweile aber als Kopfgeburt. Raymond Dart (' Australopithecus) sah in der Vorgeschichte des Homo sapiens ein "blutgetränktes Archiv". Als Mitte der 90er-Jahre die Völkermorde in Ruanda und in Bosnien die Schlagzeilen dominierten, schossen auch die Spekulationen ins paläoanthropologische Kraut, wonach Homo sapiens seinen "Bruder", den Neandertaler, ausgerottet hätte. Dafür gibt es allerdings keinerlei Belege.

Piltdown 1912 wurde in der südostenglischen Ortschaft P. ein Schädel entdeckt, der bald als Missing Link zwischen affenartigen Vorfahren und dem modernen Menschen galt - was die britischen Forscher mächtig stolz machte. Erst 1953 erkannte man, dass es sich dabei um einen nur wenige hundert Jahre alten Menschenschädel und den Unterkiefer eines Orang-Utans handelte, dem die Eckzähne abgefeilt worden waren. Der Fälscher ist bis heute nicht mit Sicherheit identifiziert, zu den zahlreichen Verdächtigen zählt auch Sir Arthur Conan Doyle.

Die folgenreichste Fälschung in der Geschichte der Paläoanthropologie verzögerte wesentlich die Einsicht, dass die Wiege der Menschheit in Afrika stand (' Australopithecus). Dabei hatte der Fälscher eigens einen prähistorischen Cricketschläger in Gestalt eines Elefantenknochens beigegeben. Der Scherz wurde aber nicht verstanden, der Eurozentrismus vernebelte den Forschern die Sinne.

Protsch zur Zieten, Reiner Der Anthropologe war von 1973 bis 2004 Professor an der Universität in Frankfurt am Main und galt als vermeintlicher Experte der C-14-Datierungsmethode. Tatsächlich hat er zahlreiche Fossilien "geprotscht". Durch "mentale Datierung" schuf er etwa den "ältesten Westfalen" (geprotscht 27.400 Jahre, real 250 Jahre alt) und den "ältesten Hamburger" (geprotscht 35.000 Jahre, real 7500 Jahre alt). Die Neudatierung sorgte für lange Gesichter bei vielen Museumsdirektoren, und in der Geschichte der Jungsteinzeit im heutigen Deutschland klaffen nun etliche Lücken.

Rekonstruktion, virtuelle Mit Hilfe moderner Bildgebungsverfahren, sprich: der Computertomographie, ergeben sich buchstäblich völlig neue Einblicke in Fossilien, etwa in Zähne. Auch lassen sich zertrümmerte oder verformte Fundstücke im Computer materialschonend rekonstruieren ('Toumaï). Mehr noch: mithilfe von Datenbanken ließen sich theoretisch alle hominiden Fossilien allen zugänglich machen, was völlig neue Perspektiven (Statistik, Vergleiche) eröffnen würde. Doch viele Forscher wollen mit ihren hart erarbeiteten Daten nicht herausrücken.

Schwein Die Datierung von hominiden Fossilien ist gleichermaßen wichtig wie schwierig. Als eine sehr verlässliche Methode haben sich die Backenzähne der zahlreichen mittlerweile ausgestorbenen Arten des S. erwiesen, die meist in großer Zahl an den afrikanischen Fundstellen vorhanden sind. Die Backenzähne sind nämlich einem schnellen evolutionären Wandel unterworfen und können daher als "Uhr" für die Datierung der jeweiligen Schicht verwendet werden. Wenn man S. hat.

Toumaï Sahelanthropus tschadensis ist bis zu sieben Millionen Jahre alt und wäre damit der älteste bekannte 'Hominide. Der Franzose Michel Brunet hat über 20 Jahre lang danach im Tschad gesucht. Der gefundene Schädel, Spitzname T., ist aber stark deformiert. Eine ' virtuelle Rekonstruktion ergab, dass sich das Hinterhauptsloch unten befindet und nicht hinten (wie bei Affen), sprich: T. ging aufrecht.

UR 501 Im Juli 1991 fand Tyson Mskika in Malawi einen 2,5 Millionen Jahre alten Unterkiefer, der älteste bekannte Fund der Gattung ' Homo, benannt nach dem Fundort Uraha und der Levi's Jeans 501. Wie aus dem Märchenbuch mutet die Suche nach dem fehlenden Viertel des rechten Backenzahns an. Sieben Tonnen Erdreich wurden ausgehoben, an den Strand des Malawisees geschleppt und wochenlang ausgeschlämmt und gesiebt. Das winzige Zahnbruchstück fand sich in der letzten Ladung.

White, Tim Der Berkeley-Professor gehört aufgrund zahlreicher Funde zu den erfolgreichsten Paläoanthropologen weltweit. Seine Arbeit wird geschätzt, als Person ist er höchst umstritten. Er hat sich mit fast allen seinen Partnern, darunter die ' Leakeys und ' Donald Johanson, zerstritten. Er gilt als notorisch "territorial", d.h. er versuche die hominidhaltigen Regionen Äthiopiens unter sich und seinen Schülern zu verteilen. Ebenso verfahre er mit seinen Fossilien, an die er niemanden heranlasse und für deren Publikation er sich zu viel Zeit nehme.

Zusammenfügen Glücksmoment im Leben eines jeden Paläoanthropologen, indem zwei getrennt gefundene Teile eines Fossils genau zusammenpassen, wie etwa bei ' Little Foot oder ' UR 501. Die spektakulärste Wiedervereinigung gelang wohl Ralf Schmitz und Jürgen Thissen. 1997, 141 Jahre nachdem dort der erste Neandertaler gefunden wurde, begannen die beiden deutschen Archäologen wieder im ' Neandertal zu graben. Obwohl die entsprechende Grotte dort längst verschwunden war, fanden die beiden Forscher unterhalb eines Schutthaufens mehrere Fossilien des Ur-Neandertalers, von denen drei nahtlos zu den alten Knochen passten, darunter das Jochbein zum Schädeldach. "Das war, als ob Weihnachten und Ostern zusammenfielen", so Schmitz. 3

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