Gelobt sei die Hyäne

Jan Marot | aus HEUREKA 2/08 vom 18.06.2008

Vor zwei Millionen Jahren tummelte sich in Andalusien eine bislang unbekannte Vielfalt von Urzeitmonstern - eine Mischung aus Serengeti und Jurassic Park. Was zur großen Sensation fehlt, sind hominide Fossilien. Erste Spuren gibt es schon.

Afrika mal vier. Alfonso Arribas Herrera ist begeistert: "Die Fossilien liegen hier quasi an der Oberfläche." Seit 2001 leitet der Paläontologe vom Geologischen Institut in Madrid Ausgrabungen in der Nähe der kleinen andalusischen Ortschaft Guadix. Nur 800 Quadratmeter ist die Fonelas P-1 getaufte Fundstelle groß - und legt doch eine versunkene und bislang unbekannte Welt offen.

Die Größe der Urtiere entspreche Afrikas heutiger Fauna "mal vier", so Arribas. Urhyänen und Homotherium, eine löwengroße Säbelzahnkatze, Mammuts und riesige Gazellen lebten hier vor etwa zwei Millionen Jahren in einem wasserreichen Flussdelta. Vom einstigen Artenreichtum zeugt heute nichts mehr im kargen Guadixbecken. In den sommerlichen Ausgrabungsmonaten schwitzen die Forscher hier bei über 40 Grad und bürsten intakte Knochen, ja selbst ganze Skelette noch in ihrer anatomischen Anordnung frei.

Artenschmelztiegel. Erstmals in Europa orteten die Paläontologen Vorfahren der heutigen Gazellen, Zebras, Giraffen, der Wild- und Stachelschweine bis hin zu Urwölfen, Geparden und Luchsen. Auch bislang unbekannte Arten wie ein extrem robust gebauter Dachs kamen zum Vorschein. Die älteste Ziegenart Europas, die Cabra betica, ist eine von vielen Fonelas-Arten, von der man gar nicht wusste, ob diese zu jener Zeit überhaupt in Europa existierten.

Nebst 30 Arten großer Säuger fanden sich unter mehr als 340 Fundstücken auch Reptilien- und Vogelskelette. Der Artenreichtum im Guadixbecken zeige die Vermischung asiatischer, europäischer, iberischer und afrikanischer Spezies, so Arribas.

Dieser paläontologische Schatz verdankt sich Aasfressern. Riesenhyänen und die bis dato einzig im Süden Afrikas bekannten braunen Hyänen vergruben die Knochen, nachdem sie das Fleisch abgenagt hatten. Dies förderte die rasche Konservierung und spiegelt sich im exzellenten Zustand der Funde wider.

Hominidensehnsucht. Eine Goldgrube ist der Hyänenbau nur im rein wissenschaftlichen Sinne. Denn Mittel aus prallen Fördertöpfen flössen vor allem an jene Forscher, die Fossilien von Urmenschen - wie etwa im nordspanischen Atapuerca - finden, lamentiert Arribas: "Medienwirksamen Funden erleichtern die Projektfinanzierung. Wer interessiert sich schon für urzeitliche Stachelschweine?"

Aber natürlich träumt auch der Paläontologe davon, Überreste von Vormenschen zu finden. Und er glaubt auch bereits indirekte Hinweise auf deren Präsenz in Fonelas entdeckt zu haben. Er interpretiert zwischen einem und vier Zentimeter lange Einschnitte an zehn Knochen als Spuren primitiver Steinklingen. Aber wie kann er sich sicher sein, dass diese Spuren nicht durch Hyänen entstanden sind?

"Wenn Hominiden mit primitiven Werkzeugen das Fleisch abschaben, dann tun sie das in eine Richtung. Dabei üben sie weniger Druck auf den Knochen aus als ein Raubtierkiefer." Unter dem Mikroskop sehe der Schnitt ähnlich wie das von Lammrippen geschnittene Fleisch aus.

Frühe Besiedelung? In China fand man zwei Millionen Jahre alte und im Kaukasus auf bis zu 1,8 Millionen Jahre datierte ähnliche Schnittspuren. "Für Europa ist der Fund einzigartig", behauptet Arribas, der an eine frühere Besiedlung Europas durch Hominiden glaubt, als bisher angenommen.

Jene Urmenschen lebten jedoch nicht im Becken, sondern an der vor Raubtieren Schutz bietenden Grenze zum Hügelland, vermutet der Paläontologe. "Wir haben bereits eine Fundstelle geortet. In ersten Vorsondierungen fanden wir Steinwerkzeuge, die auf Hominidenaktivität vor 1,5 Millionen Jahre hinweisen", sagt Arribas. Das wäre in der Tat eine Sensation.

Gesetzt den Fall, sein Wunschtraum ginge in Erfüllung - woher wären diese Hominiden gekommen? Das sei unklar, für eine Landbrücke bei Gibraltar gebe es jedenfalls keinerlei Belege, betont Arribas. Doch zunächst gilt es profanere Probleme zu lösen. Da man zum Teil auf Privatgrund grabe und die Bürokratie sehr langsam sei, könne man erst im Sommer 2009 in Fonelas weitersuchen, klagt Arribas, prophezeit aber gleichwohl: "Wir werden in Zukunft interessante Funde liefern." 3

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