Alt, älter, Atapuerca

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 2/08 vom 18.06.2008

Wann wurde Europa zuerst besiedelt und von wem? Die Antwort könnte im Höhlensystem Atapuercas liegen. Die Bewertung der spektakulären Funde hängt aber auch davon ab, ob man Spanier ist oder nicht.

Europäer im Erdloch. Am 27. März 2008 zierte ein auf 1,2 Millionen Jahre datierter Unterkiefer das Cover des Wissenschaftsmagazins Nature und die Titelseiten von Tageszeitungen weltweit. Schlagzeile: "Der erste Europäer!" Gefunden wurden die prähistorischen Beißerchen in der Sima de los Elefantes, dem "Erdloch der Elefanten", einer der Höhlen der Sierra de Atapuerca unweit von Burgos in Nordspanien. Mit ihnen delektierte sich wohl ein etwa 1,60 Meter großer Vormensch mit einem Hirnvolumen von knapp 1000 Kubikzentimetern am seinerzeit reichhaltigen Angebot an Fleisch und Pflanzen.

Immer wieder Atapuerca: Der Ort ist in Spanien mittlerweile so bekannt wie das Neandertal in Deutschland oder Hallstatt in Österreich. In dem Karstgebirge, seit 2000 Unesco-Weltkulturerbe, befinden sich zahlreiche Höhlen, in denen immer wieder Menschen und eben auch Vormenschen gelebt haben. Sie haben dort Unmengen an Steinwerkzeugen, Speiseresten in Form von Tierknochen und auch so manches Mitglied der eigenen Sippe zurückgelassen.

Besonders spektakulär war 1992 der Fund in der Sima de los Huesos. In dieses "Erdloch der Knochen" wurden während eines kurzen Zeitraumes vor etwa 400.000 Jahren zahlreiche Leichen geworfen. Über 5000 einzelne Fossilien, die von mindestens 32 verschiedenen Individuen stammen, kamen ans Tageslicht. Prunkstück ist der gut erhaltene Schädel Nr. 5, zu Ehren der spanischen Radrennfahrerlegende Miguel Indurain "Miguélon" getauft. Eine derartige Masse an Fossilien - sie wurden der Art Homo heidelbergensis zugeordnet - ist absolut einzigartig. Es ist nicht klar, wie es zu dieser Ansammlung kommen konnte, eine Epidemie ist eine von vielen möglichen Erklärungen.

Der erste Kannibale. Schon zwei Jahre später folgte die nächste Sensation, diesmal aus einer Höhle namens Gran Dolina. Auf 780.000 Jahre wurden die Schädelknochen eines Jugendlichen datiert. Weitere Funde legten nahe, dass die Vormenschen auch ihresgleichen verspeisten, der älteste Beleg für Kannibalismus.

Diesmal war es nicht der Umfang, sondern das Alter des Fundes, das die Forscher mit der Zunge schnalzen ließ. Bis dahin war man davon ausgegangen, dass Europa erst vor etwa einer halben Million Jahren besiedelt worden war. So alt ist der namensgebende Unterkiefer des Homo heidelbergensis, der 1907 in Mauer in der Nähe von Heidelberg aufgetaucht war. Für ihren wesentlich älteren Fund aus der Gran Dolina postulierten die spanischen Anthropologen - die Grabungen in Atapuerca werden seit 1991 von dem Triumvirat Juan Luis Arsuaga, Eudald Carbonell und José María Bermúdez de Castro geleitet - nun eine neue Art: Homo antecessor. Der "vorausgehende Mensch", der Pionier Europas.

Kaukasus oder Gibraltar? Mit dem nun veröffentlichten Unterkiefer ist das Alter der Hominiden-Fundstelle Atapuerca nochmals um stattliche 400.000 Jahre gestiegen. Provisorisch ordnete man den Fund ebenfalls dem Homo antecessor zu. Was bedeutet dies? Die spanischen Forscher schließen in Nature, "dass die Besiedelung Europas schneller und kontinuierlicher erfolgte als bisher angenommen".

Ein zentrales Puzzleteil in dieser Frage sind die Funde, die man seit 1991 im georgischen Dmanisi gemacht hat. Diese sehr gut erhaltenen Schädel sind etwa 1,8 Millionen Jahre alt und damit die ältesten hominiden Fossilien außerhalb Afrikas. Nun stellt sich die Frage, ob diese ersten Migranten aus Afrika vom Kaukasus aus weiter nach Europa bis ins heutige Spanien gezogen sind. José María Bermúdez de Castro glaubt, man werde weitere Knochen in Bulgarien, Rumänien und eben auch Atapuerca entdecken, die älter als 1,2 Millionen Jahre sind.

Ursprungsmythen. Wissenschaft ist längst eine internationale Angelegenheit, die keinerlei nationale Scheuklappen kennt oder duldet. Sollte man meinen. Bei der ideologisch stark aufgeladenen Fragen unserer Herkunft ist dies anders. Das eklatanteste Beispiel hierfür ist die chinesische Paläoanthropologie, die eine kontinuierliche Weiterentwicklung des 500.000 Jahre alten Peking-Menschen, eines Vertreters des Homo erectus, zum modernen Chinesen vor Ort postuliert.

Westlichen Forschern wird freundlich, aber doch unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass der moderne Mensch sich keineswegs nur von Afrika aus über den Globus verbreitet hätte. Hier dient die Paläoanthropologie der Schaffung einer nationalen Identität. Salopp formuliert: Chinesen waren immer schon Chinesen.

Eurozentrisch? Nun würde es wohl keinem der spanischen Forscher einfallen zu behaupten, dass wir alle Iberer sind. Dennoch setzen sie die Bedeutung Atapuercas für die Besiedelung Europas deutlich höher an als ihre ausländischen Kollegen. Der französische Paläoanthropologe Jean-Jacques Hublin sagte der Zeit, die Thesen der Atapuerca-Forscher seien ihm zu eurozentrisch, diese sähen die Wiege der Menschheit in Spanien.

"Außer den Spaniern kann niemand viel mit Homo antecessor anfangen", meint auch der deutsche Paläoanthropologe Friedemann Schrenk. Dass es immer wieder Auswanderungswellen aus Afrika gegeben habe, die offensichtlich auch die iberische Halbinsel erreichten, sei ja unbestritten. Wenn man aber alle anderen Fundstellen in Afrika und Asien miteinbeziehe, so Schrenk, sei klar: "Wir brauchen den Homo antecessor nicht, um die Entstehung des modernen Menschen zu erklären."

Das sehen die Atapuerca-Forscher definitiv anders. Mit ihrer These von einer "schnelleren" und vor allem "kontinuierlicheren" Besiedelung Europas möchten sie das Gewicht in der Debatte verschieben. Das hat in Spanien Tradition, gibt es doch in Andalusien im Süden des Landes zwei noch ältere Fundstellen. So fand Alfonso Arribas (s. S. 11) bei Guadix zwar bisher nur zwei Millionen Jahre alte Tierfossilien, sieht aber bereits Hinweise auf die Präsenz von Vormenschen. Ganz in der Nähe von Guadix fand der katalanische Paläontologe José Gibert i Clols 1982 auf 1,8 Millionen Jahre datierte Fossilien, den "Mann vom Orce". Gibert ordnete diese einem Vertreter der Gattung Homo zu und behauptete eine frühe Auswanderung aus Afrika via Gibraltar. Seine Interpretation dieses Fossils ist heftig umstritten.

Scientific Community building. Der Versuch, die iberische Halbinsel als urzeitlichen Tummelplatz unserer Vorfahren zu positionieren, hat auch wissenschaftspolitische Gründe. Bis zum Tod von Diktator Franco im November 1975 war die spanische Wissenschaft in weiten Teilen rückständig und isoliert. Die Evolutionsbiologen und Paläontologen mussten sich noch mit Interventionen der mächtigen katholischen Kirche herumschlagen. Die letzten 30 Jahre stellten eine Aufholjagd dar, bei der Atapuerca, wo seit 1976 kontinuierlich geforscht wird, eine zentrale Rolle zukommt. Blättert man durch die aktuellen Publikationen, fällt auf, dass bei den Grabungen vergleichsweise wenige Ausländer beteiligt sind. Eine Ausnahme ist der Österreicher Markus Bastir, der am Museo Nacional de Ciencias Naturales in Madrid arbeitet und von 1999 bis 2006 in und über Atapuerca forschte (s. auch S. 23).

"Ja, das Team ist nicht so international besetzt", räumt Bastir ein, aber dahinter stecke auch eine forschungspolitische Strategie: "Die Spanier sagen sich: Wir haben jetzt das Material, und statt damit zitzerlweise ausländische Institute zu füttern, bauen wir besser eine eigene Community auf, auch wenn dies länger dauert." Das habe funktioniert, die Wissenschaft sei hier im Gegensatz zu Frankreich und Deutschland sehr "unverstaubt".

Material für Jahrzehnte. Freilich, dass in dem neugegründeten Forschungszentrum in Burgos ganz in der Nähe der Fundstellen wieder fast nur Spanier angestellt sind, wurde im Ausland schon irritiert zur Kenntnis genommen, ja sogar belächelt. Zum Vergleich: Im hochrenommierten Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig arbeiten fast keine Deutschen.

Derweil sind die Höhlen noch gut mit Sedimenten gefüllt, hier wird man noch jahrzehntelang in der europäischen Vorgeschichte herumstochern. Und man muss kein Prophet sein, um zu wissen, dass der 27. März 2008 nicht der letzte Tag war, an dem ein Fund aus Atapuerca weltweit Schlagzeilen machte. Letzte Woche begann wieder die allsommerliche Grabungssaison. 3

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