Der zweite Exodus

Kurt De Swaaf | aus HEUREKA 2/08 vom 18.06.2008

Muschelreste, Schädelbruchstücke und DNA-Schnipsel - aus diesen Puzzleteilen versuchen Wissenschaftler den Auszug des modernen Menschen aus Afrika zu rekonstruieren. Eine entscheidende Rolle spielte das Meer.

Der Neue. Die Erde vor etwa 200.000 Jahren: Afrika und große Teile Eurasiens wurden bereits vor langer Zeit von aufrecht gehenden Urmenschen der Gattung Homo besiedelt. In Europa und Westasien leben Neandertaler, während Süd- und Ostasien sowie der afrikanische Kontinent, Urheimat aller Hominiden, Populationen von Homo erectus beherbergen. Noch.

Die Evolution hat gerade eine neue Spezies in der Mache: Homo sapiens, den "modernen Menschen". Woher kam er? Und wie gelang es ihm, sich über den gesamten Globus zu verbreiten? Diese Fragen befeuern seit dem späten 19. Jahrhundert zahlreiche wissenschaftliche Debatten. Ein Ende ist - trotz erheblicher Fortschritte - noch lange nicht in Sicht.

Die ältesten bislang bekannten sterblichen Überreste zweier Angehöriger unserer Spezies stammen aus Südäthiopien. Neuere geologische Untersuchungen der Ablagerungen am Fundort datieren die Schädelteile auf ein Alter von 195.000 Jahren. Diese Menschen lebten im äthiopischen Hochland am Rande eines Deltas, welches damals die Mündung des Omo-Flusses in den Turkana-See bildete. Ähnlich wie heute war die Region reich an verschiedenen Lebensräumen, von Savannen bis Bergwäldern. Eine echte ökologische Schatzkammer. Dementsprechend vielfältig dürfte auch das Nahrungsangebot unserer dortigen Vorfahren gewesen sein.

Auf Spurensuche mit DNA. Ob Äthiopien tatsächlich die Wiege des "modernen Menschen" ist, lässt sich noch nicht endgültig klären. Vielleicht werden in Zukunft anderswo noch ältere Homo-Sapiens-Fossilien gefunden. Die große Mehrheit der Vormenschenforscher ist überzeugt, dass die Art in Afrika, und nur dort, ihre Wurzeln hat (für die Gegenposition des Multiregionalismus s. S. 9).

Starke Argumente für dieses sogenannte Out-of-Africa-Szenario liefert die Analyse des Erbguts heute lebender Menschen. In Afrika findet sich nämlich die größte Diversität der sogenannten mitochondrialen DNA, darunter auch die ursprünglichen Linien L0 und L1, welche nur noch bei den Völkern der Khoisan (Buschmänner) und Biaka (Pygmäen) häufig vorkommt. Die Untersuchung mitochondrialer DNA, kurz mtDNA, ist eine der neuesten Methoden zur Erforschung menschlicher Ursprünge. Mitochondrien sind die Kleinkraftwerke unserer Zellen, sie verfügen über eigenes genetisches Material. Die Vererbung von mtDNA erfolgt ausschließlich über die Mitochondrien der Eizellen, weil Spermien bei der Befruchtung nur Zellkern-DNA beisteuern. Mit anderen Worten: Anhand der mtDNA lassen sich rein mütterliche Vererbungslinien ohne Einmischung männlicher Gene verfolgen. Vererbbare natürliche Mutationen sind die einzigen auftretenden Veränderungen der Mitochondriengene.

Molekulare Uhr. Molekularbiologen können im Labor die Reihenfolge von mtDNA-Mutationen erkennen und ältere von neueren unterscheiden. So gelingt die Rekonstruktion menschlicher Stammbäume bis weit in die Steinzeit hinein. Die genaue Datierung der Veränderungen ist allerdings noch schwierig.

"Wir müssen die Mutationsrate festnageln, damit wir sie als Uhrwerk nutzen können", erklärt der britische Paläogenetiker Peter Forster im Gespräch mit heureka!. Fachleute bezeichnen die Zeitmessung anhand der Anzahl aufgetretener Mutationen dementsprechend als "molekulare Uhr". Ihre Präzision mag noch verbesserungswürdig sein, aber für vergleichende Studien ist die Methode bereits bestens geeignet.

Auf zum Meer! Zurück in die Urzeit: Afrika ist groß, die menschliche Bevölkerungsdichte muss vor 100.000 bis 200.000 Jahren sehr gering gewesen sein. Was also war der Auslöser für den Aufbruch in alle Welt? Eine archäologische Fundstätte an der nordostafrikanischen Küste im heutigen Eritrea lieferte wichtige Hinweise. Dort gruben Forscher hunderte von Steinzeitwerkzeugen aus einem urzeitlichen Riff aus.

Massenspektrometrische Analysen der Uranium- und Thoriumkonzentrationen in den versteinerten Korallen ließen auf ein Alter von 125.000 Jahren schließen. Neben dem Riff fanden die Wissenschaftler unter anderem Panzerreste von großen Krebsen und die Schalen von insgesamt 31 essbaren Molluskenspezies, darunter zwei Austernarten. Gehörten die zurückgelassenen Werkzeuge etwa prähistorischen Feinschmeckern? Vielleicht.

Die Strandgänger dürften auf jeden Fall vom reichhaltigen Meeresfrüchteangebot angelockt worden sein. Die möglichen Hintergründe: Dürrezeiten im Inland könnten die Menschen ans Meer getrieben haben, ebenso Nahrungskonkurrenz mit anderen Säugetieren. An der Küste des Roten Meeres war der Tisch üppig gedeckt mit proteinreicher Kost. Die Versorgung mit Trinkwasser mag allerdings schwierig gewesen sein.

Eritrea war nicht das einzige Gebiet, wo Menschen zu Küstenbewohnern wurden. Auch in Südafrika fand man entsprechende Fossilien und Artefakte, wie zum Beispiel den Knochen- und Muschelschalen-Abfallhaufen von Herold's Bay, der nach bisherigen Erkenntnissen etwas über 100.000 Jahre alt ist.

Für einige Experten markiert die Hinwendung zum Meer und die Erschließung seiner Ressourcen eine Zeitenwende in der Entwicklung von Homo sapiens. Diese Anpassung, so argumentieren sie, war die Voraussetzung für die erfolgreiche und rapide Besiedlung Südasiens sowie Sahuls, also der urzeitlichen Landmasse aus Australien und Neuguinea. Der "moderne Mensch" zog demnach die Küsten entlang gen Osten. Meerengen überquerte er wohl per Floß oder Einbaum. Aber wann und wo begann dieser zweite Exodus "Out of Africa"?

Rückzug vor der Kälte. Lange Zeit galt die Halbinsel Sinai als Einfallstor nach Europa und Asien. Die ältesten eindeutig datierten außerhalb Afrikas gefundenen Homo-Sapiens-Fossilien stammen aus den Höhlen von Skhul und Qafzeh im heutigen Israel. Sie sind rund 100.000 Jahre alt. Doch weiter als in den Nahen Osten kamen die frühen Auswanderer anscheinend nicht. Es gibt auch keine Belege für eine dauerhafte Besiedlung der Region in diesem Zeitraum.

Als mögliche Ursache haben Fachleute eine vor rund 90.000 Jahren einsetzende kalte und trockene Klimaperiode in Verdacht, der die wärmegewohnten Migranten nicht gewachsen waren. Der "moderne Mensch" zog sich wieder in seine afrikanische Heimat zurück und musste vielleicht sogar eine ernsthafte Dezimierung seiner Art verkraften.

Die Zeiten mögen mitunter hart gewesen sein, unsere Vorfahren ließen sich dennoch nicht kleinkriegen. Irgendwann machte sich eine relativ kleine Gruppe erneut auf den Weg ins Unbekannte. Dieses Mal, so glauben viele Forscher, hätte die Reise zu Beginn über die nur 18 Kilometer breite Seestraße Bab el-Mandeb, welche die arabische Halbinsel von Ostafrika trennt, geführt.

Zwar fehlen archäologische Belege für diese Theorie. Die Spur der mtDNA weist aber eindeutig in diese Richtung. Ihr zufolge sind die Stammmütter aller heutigen Asiaten und Europäer vor etwa 65.000 Jahren auf arabischem Boden gelandet. Von dort aus verbreitete sich Homo sapiens verblüffend schnell an den Küsten entlang nach Indien, Südostasien und schließlich Sahul. Eine prähistorische Grabstätte in Südostaustralien wurde auf 40.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung datiert.

Kleine Gruppe, große Reichweite. Die Untersuchung der mtDNA von isoliert lebenden asiatischen Völkern (wie z.B. der Orang Asli Malaysias) erlaubt auch Rückschlüsse auf die Größe der ursprünglichen afrikanischen Auswanderergruppe. Den Berechnungen nach müsste die Anzahl der Frauen zwischen 500 und 2000 gelegen haben. Hinweise auf spätere Einwandererwellen gibt es erstaunlicherweise nicht.

Die Besiedlung Europas verlief allem Anschein nach schleppender als der Vormarsch von Homo sapiens gen Osten. Die ältesten Hinterlassenschaften unserer Spezies auf europäischem Boden stammen aus der Grotte von Bacho Kiro in Bulgarien und sind nach neuen Kalkulationen mindestens 46.000 Jahre alt. Wahrscheinlich kämpften die Einwanderer mit erheblichen Anpassungsproblemen. Je weiter sie nach Norden und Westen vordrangen, desto rauer wurde das Klima. Und dann waren da auch noch die Neandertaler - aber das ist wieder eine andere Geschichte. 3

Eine genaue Liste der verwendeten Forschungsliteratur finden Sie unter www.heurekablog.at

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