Die vorletzten Menschen

Birgit Dalheimer | aus HEUREKA 2/08 vom 18.06.2008

Über 10.000 Jahre lang teilte er sich Europa mit dem Homo sapiens, dann starb der Neandertaler aus. Unsere Vorfahren dürften damit höchstens indirekt etwas zu tun gehabt haben.

Wissen über Verwandte. Sie waren eher klein und stämmig, hatte einen langen, flachen Schädel, Wülste über den Augen und ein fliehendes Kinn. Über keine andere Menschenart außer dem Homo sapiens weiß man heute mehr als über die Neandertaler, die ihren Namen dem ersten Fundort im Neandertal bei Düsseldorf verdanken (s. S. 9). Das liegt auch daran, dass man mittlerweile in ganz Europa und Teilen Asiens zahlreiche kulturelle Überreste - Werkzeuge und Schmuck - sowie über 400 Knochenreste ausgegraben hat.

Wie man heute annimmt, haben sich die stammesgeschichtlichen Wege von Neandertaler und modernem Menschen vor rund einer halben Million Jahren getrennt. Ein Teil der Nachkommen der letzten gemeinsamen Vorfahren entwickelte sich in Europa zum Neandertaler, während der andere Teil in Afrika zu Homo sapiens wurde. Womöglich getroffen hat man sich vor gut 40.000 Jahren, als Homo sapiens vom Nahen Osten aus Richtung Süd- und Mitteleuropa zu ziehen begann. Gute 12.000 Jahre später war vom Neandertaler nichts mehr übrig, zumindest auf den ersten Blick.

Neben- oder gegeneinander? Was dazwischen geschah, gehört zu den spannendsten Kapiteln der Altsteinzeitforschung. Haben Neandertaler und Homo sapiens mehr neben-, mit- oder gegeneinander gelebt? Hat der Neuankömmling etwas mit dem Aussterben der Alteingesessenen zu tun?

Immerhin hatten die Neandertaler vor der Ankunft des Homo sapiens schon gut 100.000 Jahre europäische Siedlungsgeschichte hinter sich. Klimaschwankungen, massive Kälteeinbrüche und damit einhergehende drastische Veränderungen des Nahrungsangebots inklusive. Dass die letzte große Kälteperiode der Eiszeit ein endgültiger Todesstoß für die Neandertaler gewesen sein könnte, schließen die meisten Forscher heute daher aus. Kaum wissenschaftliche Unterstützung findet außerdem die These, dass sie von kriegerischen modernen Menschen sukzessive ausgerottet worden wären.

Rare Begegnungen. Weitgehend ungeklärt ist, ob und wie viel Kontakt Neandertaler und Homo sapiens in ihrem Jahrtausende währenden Nebeneinander in Europa überhaupt hatten. Schließlich gab es ja nicht sehr viele von ihnen. Die aktuellen Schätzungen schwanken stark - zwischen ein paar hundert und rund 20.000 Neandertaler dürften jeweils gleichzeitig gelebt haben, in kleinen Gruppen über ganz Europa verstreut.

Vom Homo sapiens gab es nach der ersten Besiedlungswelle vermutlich auch nicht viel mehr Individuen. Bei dieser Bevölkerungsdichte muss man einander nicht unbedingt regelmäßig begegnet sein. Was aber umgekehrt nicht heißt, dass man gar nichts miteinander zu tun gehabt hätte.

Als ziemlich wahrscheinlich gilt heute, dass es irgendeine Art von kulturellem Austausch zwischen den Arten gegeben haben dürfte. Diese Kontakte könnten zu Innovationen auf beiden Seiten geführt haben. Das trifft nicht nur auf die Art und Weise zu, wie Steinwerkzeuge hergestellt wurden, sondern auch auf die Produktion von Schmuck.

Zwischenmenschliches. Apropos Schmuck: Hatten die beiden nun auch zwischenmenschlich etwas miteinander zu tun - und wenn ja, trug das auch Früchte? Rein biologisch gilt es als durchaus möglich, dass Neandertaler und moderner Mensch Kinder miteinander zeugten und diese Kinder ihrerseits auch Nachkommen hatten. Wissenschaftler wie der Anthropologe Erik Trinkhaus sind überzeugt, dass es zu solchen Vermischungen gekommen ist. Er stützt seine umstrittene These durch Fossilienfunde, an denen er sowohl Neandertaler- als auch Homo-sapiens-Merkmale ausmacht.

Eine entscheidende Rolle in dieser Frage spielt inzwischen die Genetik. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig haben sich seit längerer Zeit darauf spezialisiert, das Erbgut aus uralten fossilen Knochen zu untersuchen.

Vor über zwei Jahren haben sie sich an den Neandertaler gemacht und warteten kurz darauf mit ersten spektakulären Ergebnissen auf: Ja, Neandertaler und Homo sapiens hatten gemeinsame Nachfahren, und zwar Homo-sapiens-Männer mit Neandertaler-Frauen. Die Homo-sapiens-Frauen hingegen schienen die Neandertaler-Männer nicht an sich rangelassen zu haben. Allerdings stellte sich kurze Zeit später heraus, dass die Ergebnisse auf DNA-Verunreinigungen durch einen Projektmitarbeiter (der Art Homo sapiens) beruhten, und die Arbeiten begannen von vorne.

Letzter Stand: Wahrscheinlich hat sich der Neandertaler doch nicht genetisch mit dem Homo sapiens vermischt - zumindest nicht diejenigen Individuen, deren sterbliche Überreste so gut erhalten geblieben sind, dass rund 40.000 Jahre später Paläogenetiker daraus ihre DNA untersuchen können. Noch dieses Jahr wollen die Leipziger Forscher das ganze Genom des Neandertalers entziffert haben. Dann wird man weitersehen.

Genetische Gemeinsamkeit. Mit einem interessanten Detailergebnis konnte man in Leipzig dennoch bereits aufwarten: Auch Neandertaler besaßen das Gen FoxP2. Dieses Gen machte vor einigen Jahren in Wissenschaftskreisen Furore, als sich herausstellte, dass es offensichtlich eine wichtige Rolle für die Sprachfähigkeit des Menschen spielt.

Bisher dachte man, das sei eine ganz junge, auf den Homo sapiens beschränkte evolutionäre Errungenschaft. Das hätte die Idee gestützt, dass die Sprachfähigkeit des modernen Menschen der ausschlaggebende Faktor war, der ihn allen anderen Arten gegenüber überlegen machte.

Nun zeigt sich aber, dass der Neandertaler nicht nur über ein zur Lautbildung geeignetes Zungenbein verfügte - das war bereits aus früheren Fossilfunden bekannt -, sondern auch von seiner genetischen Ausstattung her zu einer ebenso differenzierten Sprache fähig gewesen sein könnte wie wir.

Die genetischen Untersuchungen verleihen dem Bild, das wir vom Neandertaler haben, eine weitere Nuance: Zumindest einige von ihnen dürften rothaarig gewesen und blasse Haut gehabt haben.

Geringer Vorteil genügt. Eine weitere Vermutung zum Verschwinden der Neandertaler stellten Wissenschaftler vor kurzem auf mathematische Beine: Wenn man eine gleichzeitige Existenz von Neandertaler und Homo sapiens in Europa von 10.000 bis 15.000 Jahren annimmt, dann entspricht das mindestens 500 Generationen. Hätte Homo sapiens aufgrund welcher Eigenschaft immer auch nur einen ganz geringen Selektionsvorteil gehabt, so wäre das genügend Zeit gewesen, sich quasi natürlich dem Neandertaler gegenüber durchzusetzen. Und so wären die Neandertaler langsam, aber beständig weniger geworden, ehe vor rund 28.000 Jahren der Letzte seiner Art verschwand.

Der Letzte? Da gibt es doch noch diese Knochenfunde aus der Gorham-Höhle in Gibraltar, an der Südspitze der Iberischen Halbinsel. Renommierte Forscher sehen in diesen Fossilien Überreste von Neandertalern. Hätten sie Recht, würde das bedeuten, dass das Mit- oder Nebeneinander von Neandertaler und Homo sapiens noch um einige Jahrtausende länger gedauert hat: Die Funde sind nämlich nur 24.000 Jahre alt.

Die letzten Menschen. Das endgültige Verschwinden des Neandertalers war jedenfalls nicht gleichbedeutend mit einer massiven Ausbreitung des Homo sapiens. Im Gegenteil: Vor rund 20.000 Jahren wurde es noch einmal so richtig kalt und in den meisten Gegenden Europas mehr als unwirtlich. Die Menschen zogen sich so weit wie möglich in den Süden zurück.

Zur ersten Bevölkerungsexplosion des modernen Menschen kam es dann erst mit dem Siegeszug der Landwirtschaft. Der ging wiederum vom Nahen Osten aus - und das passierte erst vor rund 10.000 Jahren. Da war Homo sapiens schon lange die einzige und letzte verbliebene Menschenart auf der Erde. 3

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