Venus und Fanny

Birgit Dalheimer | aus HEUREKA 2/08 vom 18.06.2008

Vor ziemlich genau 100 Jahren wurde die Venus von Willendorf gefunden. Die Bedeutung der weltberühmten Steinzeitplastik ist bis heute ungeklärt. Eine ältere "Schwester" und Fingerabdrücke beflügeln die Fantasie zusätzlich.

Sensation aus der Steinzeit. Am 7. August 1908 fand der Arbeiter Johann Veran bei den Ausgrabungen in Willendorf eine kleine Steinfigur. Ohne ihr weitere Beachtung zu schenken, legte er sie zu seinen anderen Funden. Einem der Grabungsleiter, Josef Szombathy, fiel das Stück behauener Stein jedoch gleich auf. Die üppige Frauenfigur, als die sich der behauene Stein nach der Reinigung entpuppte, war rund 27.000 Jahre alt und wurde schnell als "Venus von Willendorf" berühmt.

Willendorf, ein kleiner Ort nahe des linken Donauufers in der Wachau, war zu diesem Zeitpunkt als altsteinzeitliche Fundstätte bereits seit über 20 Jahren bekannt. Schon in den 1880er-Jahren waren dort Steinwerkzeuge und fossile Knochen aufgetaucht. Bereits damals war Szombathy an den Grabungen beteiligt, die Fundstücke bereicherten die Sammlungen des eben erst eröffneten k.k. Naturhistorischen Hofmuseums, des heutigen Naturhistorischen Museums Wien.

Nach einer längeren Grabungspause entschloss sich Josef Szombathy 1908, inzwischen honoriger Leiter der anthropologisch-prähistorischen Sammlung des k.k. Naturhistorischen Hofmuseums, gemeinsam mit zwei jungen Prähistorikern - Josef Bayer und Hugo Obermaier - neue systematische Grabungen in Willendorf durchzuführen. Für das vorsichtige Abgraben des Geländes heuerten sie Tagelöhner an. Sie selbst widmeten sich hauptsächlich der genauen Aufzeichnung der Grabungsarbeiten und der Untersuchung der Fundstücke.

Von Eintracht zur Zwietracht. Am Abend des 7. August 1908 feierten die drei Prähistoriker den spektakulären Fund ausgelassen im nahegelegenen Wirtshaus. Tags darauf wurde die Figur nach Wien transportiert. Aus jahrtausendealten Lössschichten geborgen sollte sie den Großteil der nächsten Jahrzehnte in einer Lederkassette in einem Safe des Naturhistorischen Museums verbringen. Die Grabungsstätte Willendorf lag währenddessen mit wenigen Unterbrechungen die meiste Zeit still.

Die ausgelassene Stimmung und die Eintracht der drei Grabungsleiter verflogen indes recht schnell. Die Frage, wer genau denn nun die Venus aus ihrem 27.000 Jahre währenden Dornröschenschlaf erweckt und ans Tageslicht befördert hätte, führte bald zu widersprüchlichen Darstellungen.

"Die Ahnherren unserer Forschung waren eben auch nicht frei von Eitelkeit und haben versucht, in der ganzen Geschichte dieses so bedeutenden Fundes einen möglichst wichtigen Platz einzunehmen", sagt die Prähistorikerin Walpurga Antl-Weiser. Sie hat für ihr eben erschienenes Buch "Die Frau von W." die Geschichte der Auffindung des "Lösskindls", wie die Venus ursprünglich genannt wurde, minutiös aufgearbeitet - inklusive nachträglicher Versuche der Beteiligten, die eigene Rolle darin zu beschönigen.

Hüterin des Schatzes. Seit vielen Jahren schon beschäftigt sich Antl-Weiser an der prähistorischen Abteilung des Naturhistorischen Museums mit dem altsteinzeitlichen Schatz. Sie hat der vollbusigen Plastik viele Jahre ihres Forscherlebens gewidmet, manche Kollegen bezeichnen sie deshalb gar als Gralshüterin.

Sie untersuchte jede Kerbe, jeden Schnitzer auf der Steinfigur und kann inzwischen ziemlich genau sagen, wie sie hergestellt wurde. Erst vor kurzem wurde eine Untersuchung in Auftrag gegeben, um herauszufinden, woher das Material stammen könnte, aus dem die Venus gehauen wurde. Erste Ergebnisse legen nahe, dass der Oolith, ein Kalkstein, von einem 150 Kilometer entfernten Steinbruch aus Mähren kam.

Von der feingemeißelten Haartracht oder Kopfbedeckung (nicht nur an diesem Detail scheiden sich die Geister) bis zu den Fettwülsten um die Knie ist die Venus von Willendorf zwar die mit Abstand am detailreichsten gearbeitete prähistorische Plastik, die bis jetzt gefunden wurde. Ähnliche Frauenfiguren aus dieser Zeit wurden mittlerweile aber in ganz Europa ausgegraben. Sie alle werfen viele Rätsel auf, die die Wissenschaft vermutlich nie endgültig wird lösen können.

Fragen über Fragen. Die fangen bei der Venus von Willendorf damit an, dass niemand weiß, von wem sie hergestellt wurde. Mit Stein aus Stein gehauen - das war eine Arbeit, die nicht jeder ausüben konnte. War es ein früher "Künstler"? Welche Rolle spielte er - oder war es eine sie? - in der damaligen Gesellschaftsstruktur? Und warum hat sich damals überhaupt irgendjemand diese Mühe angetan?

Noch mehr Fragen tun sich auf, wenn es um die Bedeutung der Venusstatuette geht. Die Interpretationen reichen vom Totem für einen Ahnenkult bis zum Symbol für Fruchtbarkeit. "Was sie wirklich war, kann heute niemand sagen", stellt Walpurga Antl-Weiser im Gespräch mit heureka! klar. Speziell der Idee des Fruchtbarkeitssymbols begegnet sie mit Skepsis - schon allein deshalb, weil allzu viele Geburten in den nomadisierenden Jäger- und Sammlergesellschaften der Altsteinzeit vielleicht gar nicht erwünscht waren.

Die ältere Schwester. Die nicht nur in Österreich weltberühmte Venus von Willendorf war lange Zeit die älteste Plastik unseres Landes. Vor genau 20 Jahren jedoch bekam sie Konkurrenz. Im Sommer 1988 nämlich tauchten am Stratzinger Galgenberg bei Krems, also in unmittelbarere Nähe zu Willendorf, Bruchstücke einer noch älteren, aber weniger gut erhaltenen Steinfigur aus grünem Serpentin auf. Christine Neugebauer-Maresch, die damals die Grabung leitete, war die Bedeutung des Fundes schnell klar.

Zusammengesetzt stellten die Bruchteile in den Augen der Archäologin von der Prähistorischen Kommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften eine Frauenfigur dar. Ihre Körperhaltung erinnerte Neugebauer-Maresch an die einer Tänzerin. Die nicht ganz acht Zentimeter große Statue wurde daher in Erinnerung an Fanny Elßler, eine der berühmtesten Tänzerinnen des 19. Jahrhunderts, "Fanny" genannt. Fanny vom Galgenberg, so stellte sich heraus, ist mindestens 5000 Jahre älter als die Venus von Willendorf.

Auch diese Venusplastik, so Neugebauer-Maresch, könnte so etwas wie eine Ahnenfigur sein. Geht man nach dem, was bisher gefunden wurde, dann dürften sich die Menschen der Altsteinzeit beim künstlerischen Behauen von Stein und Elfenbein vor allem auf Frauendarstellungen spezialisiert haben.

Kult um die Kultfigur. Niemand kann heute mit Gewissheit sagen, wie die Gesellschaftsstrukturen und das Sozialleben der Menschen in der Altsteinzeit ausgeschaut haben und welche Rolle dabei den Frauen zukam. Wohl auch deshalb stürzen sich viele mit derart großer Interpretationslust auf die wenigen erhaltenen Beweise kultureller Aktivitäten.

Frühhistoriker greifen für ihre Interpretationen auf ethnologische Vergleiche zurück und stützen sich auf Beobachtungen von Verhaltensweisen heutiger nomadisierender Jäger- und Sammlergesellschaften. Aufgrund solcher Vergleiche vermutet Neugebauer-Maresch, die Venusfiguren könnten kultischen Zwecken gedient haben und seien bei bestimmen Ritualen eingesetzt worden.

Vor kurzem konnten Forscher auf einer weiteren altsteinzeitlichen Tonplastik Fingerabdrücke nachweisen. Die Abdrücke stammen höchstwahrscheinlich von jener Person, die diese Figur hergestellt hat. Es ist nicht klar, ob sie von einem Mann oder einer Frau stammen, nur eines ist ziemlich gewiss: Es sind die Fingerabdrücke eines Jugendlichen. Die Figur könnte damit womöglich - wie auch andere ihrer Art - ein Bestandteil der Initiationsriten von Jugendlichen an der Schwelle zum Erwachsenenalter gewesen sein. Den Spekulationen über das Sozialleben der altsteinzeitlichen Gemeinschaften setzt natürlich auch diese Deutung kein Ende - im Gegenteil.

Wie bei "Fanny" ist auch bei der Venus von Willendorf das, was die Wissenschaft mit Sicherheit über die elf Zentimeter große Plastik sagen kann, sehr beschränkt. Die besondere Ausstrahlung der Venus geht aber weit über logisch begründbare Aussagen hinaus, wie Walpurga Antl-Weiser aus langer Erfahrung weiß. Zum Beispiel, wenn Künstler sie um die Erlaubnis für ein stundenlanges Tête-à-Tête mit der Venus zur Inspiration für eigene Werke bitten.

Es wird wieder gegraben. In Willendorf selbst steht seit geraumer Zeit eine manns-, oder besser: frauhohe Nachbildung der Steinfigur. Sie ist nicht nur Wahrzeichen des Ortes geworden, sondern auch Pilgerstätte meditierender Venusverehrer. Und sie markiert den Eingang zu den Grabungen in Willendorf, die vor zwei Jahren wiederaufgenommen wurden. Und wie vor genau 100 Jahren sind es auch diesmal drei Frühmenschenforscher, die das neue Grabungsprojekt ins Leben gerufen haben: der Archäologe Philip Nigst (siehe Seite 23), der Prähistoriker Gerhard Trnka und der Paläoanthropologe Bence Viola.

Die Grabungsbedingungen und die wissenschaftlichen Methoden haben sich im Vergleich zu vor 100 Jahren allerdings deutlich geändert: Den Forschern steht heute modernste Technologie zur Verfügung, etwa um den genauen Fundort jedes entdeckten Stücks genau zu vermessen oder das Alter von Funden zu bestimmen.

Während der vergangenen beiden Grabungssaisonen 2006 und 2007, die jeweils sechs Wochen dauerten, waren im Schnitt zehn Personen gleichzeitig bei der Arbeit - im Unterschied zu damals keine Tagelöhner, sondern vor allem Studenten, die im Rahmen eines Praktikums unentgeltlich mitmachten.

Gefunden haben die jungen Forscher bereits einiges, so unter anderem ein Steinwerkzeug, dessen Spuren sich auf einem Fundstück der alten Grabungen von 1908 finden lassen, wie Bence Viola berichtet (siehe Interview S. 21). Dass man genau 100 Jahre nach dem Venusfund eine ähnlich sensationelle Entdeckung macht, ist allerdings ausgeschlossen. Ausgerechnet im Venusfund-Jubiläumsjahr machen die Grabungen nämlich Pause: Philip Nigst und Bence Viola müssen im Sommer ihre Doktorarbeiten fertigschreiben. 3

Linktipp

Das neue Willendorf-Projekt im Internet: www.willendorf-project.org

Zum Nachlesen

Walpurga Antl-Weiser: Die Frau von W. Die Venus von Willendorf, ihre Zeit und die Geschichte(n) um ihre Auffindung. Wien 2008 (Verlag des Naturhistorischen Museums Wien), 207 S., € 27,50

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